Archiv Masurenreisen
Hier finden Sie einige Reiseberichte von unseren Masuren-Studienreisen aus vergangenen Jahren 2014 - 2023
Reisebericht über die Masuren-Studienfahrt vom 31.05. – 08.06.2023 mit Pastor Fryderyk Tegler und Kerstin Harms
.......und am Ende wird alles gut!
Nachdem es im August 2022 die letzte Studienfahrt nach Masuren mit Pastor Tegler und Kerstin Harms gewesen sein sollte, waren viele Mitglieder des Vereins traurig. Schnell entstand der Wunsch, doch noch einmal zu fahren, und so machten sich Kerstin Harms und Pastor Tegler an die Planung.
Die wohl allerletzte Masuren-Studienfahrt wurde für den Zeitraum vom 31.05. bis 08.06.2023 festgelegt. Am Mittwoch nach Pfingsten traf sich die 37-köpfige Gruppe auf dem Parkplatz am Schiffshebewerk in Scharnebeck. Einige Mitreisende kannten sich bereits und hatten schon an vorigen Masurenfahrten teilgenommen. Alle Reiseteilnehmer begrüßten sich herzlich und nahmen dann ihre vorgeschriebenen Sitzplätze im Bus ein.
Der Busfahrer war - wie immer - Uwe Mikoschinski, von dem man weiß, dass er gut und sicher fährt und auch in schwierigen Situationen die Nerven behält.
So starteten wir dann pünktlich um 7.00 Uhr bei strahlendem Sonnenschein zum
1. Tag
unserer Reise.
Das wie immer von Kerstin liebevoll gestaltete Reiseprogramm für jeden Tag und unsere "Erkennungsmarke am roten Band" wurden verteilt und Pastor Tegler und Kerstin stimmten uns mit einigen Informationen auf die bevorstehenden Tage ein.
Nach einer kurzen Fahrtzeit hielt Pastor Tegler die Morgenandacht und wir sangen drei Lieder, angestimmt von der lieben Rosi.
Über den Berliner Ring und Szczecin (Stettin) erreichten wir am Nachmittag Kołobrzeg (Kolberg). Die Anfahrt zu unserem Hotel New Skanpol gestaltete sich schwierig aufgrund von vielen Baustellen und in Ermangelung ausreichender Hinweisschilder. So fuhren wir wohl dreimal im Kreis, bevor wir dann das Hotel erreichten.
Vor dem Abendessen machten wir einen Spaziergang in die Stadt und unsere liebe Mitreisende, Frau Marianne Karp, die in Kolberg geboren wurde, konnte einiges erklären. Nach dem leckeren Abendessen vom umfangreichen Buffet machten sich kleine Gruppen auf an den Ostseestrand und zur Seebrücke.
2. Tag
Um 8.00 Uhr starteten wir zu unserem nächsten Ziel Gdańsk (Danzig). Wie am 1. Reisetag hatten wir auch heute schönes Wetter! Pastor Tegler hielt die Morgenandacht und wir hatten eine angenehme Fahrt. Kurz vor Gdańsk (Danzig) gab es das legendäre Drei-Gänge-Menü: Würstchen, Brot und Gurke und Kaffee, zubereitet von Uwe.
Aufgrund der vielen Baustellen kamen wir verspätet in Gdańsk (Danzig) an, wo uns Bozena Nowakowski, die sympathische und langjährige Stadtführerin erwartete. Der Rundgang durch die sehenswerte Altstadt und ein Besuch der Marienkirche war informativ, aber leider viel zu kurz. Danzig ist für sich allein eine Reise wert (Bozena ist im Besitz einer Ferienwohnung!!)
Zurück am Bus erwartete uns schon Cornelia Pieper, die Generalkonsulin der Bundesrepublik Deutschland in Danzig. Sie begrüßte uns sehr herzlich und erzählte uns einiges über die momentane politische Lage in Polen und das Verhältnis Deutschland - Polen. Sie lobte die Arbeit des Vereins Freunde Masurens und sagte, dass unser Verein für sie der wichtigste Partner in Polen ist. Zum Abschluss wünschte sie uns eine gute Reise und lud uns zur Feier „Tag der Deutschen Einheit“ am 02.10.23 nach Danzig ein.
Nach der Weiterfahrt und obwohl wir noch nicht in Masuren waren, aber alle meinten, das Lied könne man schon vorher singen, stimmten wir das emotionale "Masurenlied" von Bernd Krutzinna (BernStein) „Fahr einmal nach Masuren“ an. Später sangen wir noch "Land der dunklen Wälder" und freuten uns auf unser Ziel Mrągowo (Sensburg). Angekommen im Hotel Panoramic Oscar wurden wir wahlweise mit einem Wodka oder Bärenfang (oder beiden Schnäpsen!) empfangen. Da es schon recht spät war, wurde beschlossen, zuerst zum Abendessen zu gehen und danach die Koffer auf die Zimmer zu bringen.
Schnell wurden die Tische im Restaurant besetzt, diese Sitzordnung wurde in den folgenden Tagen beibehalten. Wie in jedem Jahr war das Essen sehr gut und manch einer aß etwas mehr als zu Hause.
Nachdem alle gegessen hatten, die Koffer auf dem Zimmer und ausgepackt waren, gestaltete jeder den Abend nach eigener Lust und Laune: ein kleiner Spaziergang am wunderschönen Czos-See, ein Getränk auf der Terrasse oder einfach nur schlafen...
Zufrieden, dass Uwe uns so gut nach Masuren chauffiert hatte, freuten wir uns auf die nächsten Tage mit ihm und die Fahrten im neuen ANKER-Reisebus.
3. Tag
Heute sollte es zuerst nach Piersławek (Kleinort) gehen, zum Geburtshaus des Schriftstellers Ernst Wiechert, anschließend zu den Gräbern seiner Frau Meta und des Sohnes Ernst-Edgar.
Danach war vorgesehen, nach Gałkowo (Nickelshorst) zu fahren, um dort Alexander Graf Potocki in seinem historischen Jagdhaus zu treffen. In diesem befindet sich u.a. ein Restaurant mit einer schönen Terrasse. Kerstin hatte am Vortag angerufen und uns angemeldet und wir erwarteten ein interessantes Gespräch mit dem Grafen bei einem Getränk auf der Terrasse.
Doch es kam anders….
Nach dem Frühstück bestieg unsere Reisegruppe den Bus, Uwe begrüßte uns und Pastor Tegler begann mit der Morgenandacht. Wir waren ungefähr 1,5 km gefahren, als der Bus plötzlich stehen blieb. Uwe sagte: „Das kann doch nicht sein!" Er versuchte alles, um den Motor wieder zu starten, bekam von der Elektronik aber nur Negativ-Anzeigen. Was nun? Nach weiteren Versuchen war klar, ein Mechaniker muss her, möglichst mit einem Gerät, um den Fehler auszulesen.
In diesem Moment wurde deutlich, wie wichtig liebevoll gepflegte Freundschaften in Polen sind. Pastor Tegler führte einige Telefonate und es dauerte nicht lange, da stand Herr Julian Osiecki mit einem Mechaniker am Bus. Der Mechaniker versuchte alles, um den Fehler zu beheben - erfolglos! Abschleppen kann man so einen modernen Bus mit Automatik auch nicht, die einzige Möglichkeit war die, den Bus mittels Kran auf einen Tieflader zu heben und dann in die MAN-Werkstatt nach Olsztyn (Allenstein) zu bringen.
Plötzlich fuhr ein Bus an uns vorbei und Pastor Tegler stellte sich auf die Straße und hielt den Busfahrer an. Zufällig war der Bus leer und der Busfahrer konnte uns nach Rücksprache mit seinem Chef alle aufnehmen. So stiegen wir in den polnischen Bus um und so kam es, dass wir in den nächsten Tagen von einem sehr netten polnischen Busfahrer zu unseren Stationen gefahren wurden, und das nur innerhalb einer Stunde.
Die Fahrt zum Geburtshaus von Ernst Wiechert war nun nicht mehr zu schaffen, aber nach Gałkowo (Nickelsdorf) konnten wir noch fahren. Obwohl Kerstin uns am Tag zuvor angemeldet hatte, wusste man dort von nichts und auch Graf Potocki war nicht da. Schade......
Wir schauten uns ein bisschen in der Umgebung um, bevor wir uns auf den Weg nach Krutyn (Kruttinnen) machten. In einem Restaurant direkt an der Kruttinna war unser Mittagessen vorbestellt. Dafür wählt man am Vortag aus, ob man Fisch oder Fleisch essen möchte. Es waren 31 Fischgerichte und 8 Fleischgerichte bestellt. Nachdem wir unsere Getränke bestellt hatten, verteilte Kerstin kleine Zettel, damit die Bedienung weiß, welches Gericht sie servieren muss (blau für Fisch, rot für Fleisch) .... Genau umgekehrt hatte man für uns gekocht: 31 Fleischgerichte und 8 Fischgerichte…!!! Nun musste Kerstin 23 Mitreisende überzeugen, von Fisch auf Fleisch umzusatteln, nach mehreren Aufrufen fanden sie sich zum Glück. Danach meinte Kerstin, es würde sie nicht wundern, wenn gleich jemand mit einem Schild auftaucht, worauf „Verstehen Sie Spaß" steht.
Danach verlief der Tag ohne Zwischenfälle. Wir machten eine Stakerfahrt auf der schönen Kruttinna und, davon zurück, trafen wir auf den alten Staker Eckhard Rudnik, ein letztes ostpreußisches Original, der uns in ostpreußischer Mundart unterhielt.
Weiter ging es nach Sorkwity zum „Sorquittener Gespräch“. Dieses fand in der evangelischen Kirche statt und Pastor Mutschmann begrüßte uns dort. Es referierten Ingeborg Wandhoff und Julian Osiecki zum Thema "30 Jahre Johanniter-Sozialstationen in Masuren". Frau Wandhoff hat diese Sozialstationen aufgebaut und wurde für ihre Arbeit geehrt.
Im Gemeindehaus wurden wir anschließend mit Suppe, Kuchen und Sekt bewirtet.
Später im Hotel, nach 22 Uhr, erzählte Uwe, wie er den Tag erlebt hatte. Es hat den ganzen Tag gedauert, bis der Bus dann schließlich um 21 Uhr abgeholt werden konnte. Die Bewohner eines Hauses gegenüber luden Uwe zu Getränken und Imbiss ein und boten ihm die Benutzung der Toilette an. Auch Kerstin fuhr um 21 Uhr noch mit dem Hotelbesitzer Alfred Bielski in seinem VW-Bus zum liegengebliebenen Bus, um die vielen Hilfsmittel, die für das Altenheim in Mikołajki (Nikolaiken) bestimmt waren, umzuladen.
Zwischenzeitlich hatte Uwe mit Fa. Anker aus Lüneburg klären können, wie es weiter geht. Fa. Anker wollte einen Ersatzbus mit zwei Fahrern schicken, der Sonntagabend in Mrągowo (Sensburg) eintreffen sollte.
Die polnische Busfirma sagte zu, ihren Bus mit Fahrer so lange zur Verfügung zu stellen. Was für ein Glück.........!
......und was für ein Tag!
Dass alle Beteiligten und Mitreisenden ruhig und gelassen blieben, mag an der Tageslosung gelegen haben:
"Ich will Frieden geben an dieser Stätte, spricht der Herr Zebaoth" (Haggai 2,9).
Eine Anmerkung zu Sorquitten: Wir waren erschrocken, welche riesige Baustelle einer Schnellstraße dieses kleine Dorf jetzt teilt. Sogar ein Teil des Friedhofs ist eingeebnet worden - wie traurig.
Tag 4
Heute besuchten wir Święta Lipka (Heilige Linde). Von Elzbieta Marko, unserer langjährigen Stadtführerin für Święta Lipka und Reszel (Rössel), wurden wir mit vielen Informationen versorgt und hörten uns anschließend das Orgelkonzert in der berühmten Basilika mit den beweglichen Figuren an der Orgel an.
Anschließend konnte man noch einen Kaffee trinken, Eis genießen oder an einem der kleinen Stände Andenken kaufen.
Unsere nächste Station war Reszel (Rössel), wo uns in der katholischen Kirche St. Peter und Paul der Prälat Wyrostek begrüßte, ein alter Freund von Pastor Tegler. Und es wartete eine Überraschung: Zufällig war der Bischof von Ermland und Masuren Paweł Hause mit einer Fahrradgruppe an der Kirche vorbeigekommen, hatte Pastor Tegler gesehen, angehalten und uns alle herzlich begrüßt.
Zusammen gingen alle in die Kirche. Nach einem Gesang und nachdem die Kollekte eingesammelt war, wurde ein Gruppenfoto in der schon für die kommende Kommunion geschmückten Kirche gemacht.
Die Mittagspause nutzten wir für ein kleines Mittagessen im Burghof bzw. in einem der Lokale des kleinen Städtchens. Einige stiegen auf den Turm der Burg und genossen den herrlichen Ausblick.
Am Nachmittag ging es weiter nach Warpuny (Warpuhnen). Anlässlich der 650-Jahr-Feier wurden wir von dem Samtgemeindebürgermeister Józef Maciejewski in der ev. Kirche begrüßt und hörten uns einen Vortrag in polnischer Sprache über die Entstehung des Ortes Warpuhnen von Professor Robert Klimek an. Anschließend überreichten Kerstin Harms und Pastor Tegler vom Verein Freunde Masurens Urkunden und Geldpreise an die drei besten Schüler, die an einem Wettbewerb für ein neues Wappen für den Ort Warpuny teilgenommen hatten.
Abgesandte der Freiwilligen Feuerwehr waren anwesend und standen majestätisch an der Kirchenwand.
Am späteren Nachmittag erfreute uns das polnisch-ukrainische Ensemble „Mżawka“ aus Kruklanki/ Kruglanken mit Liedern und Tänzen auf dem Vorplatz des Dorfgemeinschaftshauses in Warpuny (Warpuhnen).
Die Landfrauen des Dorfes hatten allerlei Leckeres gezaubert und verwöhnten uns mit Suppe, Schmalzbroten und Kuchen - wie immer alles sehr schmackhaft!
Ein schöner Tag ging langsam zu Ende....
Tag 5
Nach dem Frühstück ging die Fahrt nach Mikołajki (Nikolaiken) zur evangelischen Kirche, wo heute die Konfirmationsfeier u.a. von Kerstins Patenkind Judyta stattfand. Den Gottesdienst hielten Pfarrer Bogusław Juroszek und Pastor Fryderyk Tegler. Die Lieder wurden von uns mitgesungen, wenn auch in Deutsch - man hörte den Unterschied gar nicht, es klang sehr schön.
Als Überraschung spielte Prof. Dr. Neithard Bethke Eingang und Ausgang auf der Orgel und unterstützte den Kirchenchor mit Gesang.
Es war ein schöner, feierlicher Gottesdienst mit Abendmahl.
Nach dem Gottesdienst zeigte uns der süße, kleine Julian (Kerstins jüngstes Patenkind) seinen geschienten Arm und sagte: „Fußball!"
Aus dem Altenheim hatte Kerstin vor dem Gottesdienst Krystyna Kozioł abgeholt. Frau Koziol war jahrzehntelang Stakerin auf der Kruttinna und ist inzwischen 84 Jahre alt. Sie freute sich sehr über unseren Besuch und sang zum Schluss mit klarer Stimme das emotionale ostpreußische Lied „Ostpreußen, du mein schönes Heimatland“. Bei vielen Mitreisenden liefen die Tränen….
Anschließend ging die Fahrt nach Warpuny (Warpuhnen) zum zweiten Tag der 650-Jahr-Feier.
Dort gab es an der ev. Kirche verschiedene Ansprachen, die Enthüllung und Einweihung des Gedenksteines und eine ökumenische Andacht.
Auch wurde das neue Lied „Warpuhnen, Perle der Natur" vorgestellt. Es wurde von Diana, der Enkeltochter des Stiftungsvorsitzenden der ev. Kirche, Herrn Siwik, gesungen und von einem Gitarrenspieler begleitet.
Es waren Männer in mittelalterlicher Verkleidung, die alte Gewehre trugen. Aus diesen wurden einige Schüsse abgegeben, die durch Mark und Bein gingen und sicherlich kilometerweit zu hören waren, aber die Krähen in den Bäumen an der Kirche trotzdem nicht verjagten.
Der Samtgemeindebürgermeister Józef Maciejewski überreichte Geschenke und Medaillen an verdiente Mitbürger, auch an Pastor Tegler, Kerstin Harms und Ingeborg Wandhoff aus unserer Reisegruppe.
Der Höhepunkt dieses Nachmittages war das Orgelkonzert von Prof. Dr. Neithard Bethke aus Deutschland auf der vom Verein Freunde Masurens restaurierten Orgel in der ev. Kirche.
Pastor Tegler überreichte dann anschließend handbemalte Teller nach einem Entwurf von Kerstin Harms an auserwählte Persönlichkeiten, aber auch alle aus unserer Gruppe erhielten diesen Teller später im Bus als Erinnerung an die Feier 650 Jahre Warpuhnen.
Im Anschluss daran gab es einen Sektempfang vor der Kirche. Es wurden nette Gespräche geführt und die Stimmung unter den Mitreisenden und Gästen war locker und fröhlich.
Zum Schluss der Veranstaltung eröffneten Kerstin Harms und Pastor Tegler die Fotoausstellung „Warpuhnen gestern und heute" mit Bildern von Waldemar Bzura aus Krutyń (Kruttinnen), indem sie die symbolischen Schleifen von Deutschland und Polen durchschnitten. Viele wollten und durften sich von den Schleifen zur Erinnerung ein Stück abschneiden.
Alle waren sich einig: Es war ein weiterer schöner Tag!
Im Bus dankten wir dem polnischen Busfahrer, dass er uns in den vergangenen Tagen so gut gefahren hatte und wir unser Programm einhalten konnten. Es wurde für ihn ein Trinkgeld eingesammelt und wir konnten ihm über 200 € überreichen.
Tag 6
Nach dem Frühstück ging die Fahrt nach Giźycko (Lötzen). Nun stand uns wieder ein Bus der Firma Anker-Reisen zur Verfügung und Busfahrer Uwe freute sich, dass er uns wieder fahren durfte.
In Giźycko trafen wir uns mit den Mitgliedern des Chores der Deutschen Minderheit.
Es war ein kleines Schiff angemietet worden, mit dem wir nach Węgorzewo (Angerburg) fahren wollten.
Nachdem wir eine kurze Zeit auf dem See unterwegs waren, ging plötzlich der Motor aus und das Schiff trieb so vor sich hin. Zuerst dachte man, das gehört zum Programm, doch dem war nicht so: Es gab keinen Treibstoff mehr! Wir kamen dem Schilf bedrohlich nahe...
Der Chor fing an zu singen und wir stimmten ein. Auch wurden Getränke verteilt, u. a. Sekt, den Jörg und Christiane Blank und seine Schwägerin Claudia Lindloff spendiert hatten. Verschiedene Schnäpse gaben die Mitglieder des Chores aus und auch unsere Teilnehmer kauften noch Flaschen beim Kapitän, so dass die Stimmung locker blieb und niemand in Panik geriet.
Es kam ein Boot mit dem Inhaber der Firma und brachte einen Kanister mit Treibstoff.
Nachdem wieder aufgefüllt war, qualmte der Motor ordentlich, aber es ging weiter. Die Freude hielt nicht lange an. Mitten auf dem Mauersee ging der Motor wieder aus! Wir sangen, aßen und tranken, führten interessante Gespräche und warteten auf "Rettung". Nach einer gewissen Zeit kam wieder ein Boot mit Treibstoffnachschub und weiter ging es. Glücklicherweise war das Wetter super - warm und sonnig!
Auch das Handy einer Mitreisenden, welches plötzlich verschwunden war, fand sich wieder an!!!
Jetzt schafften wir es sogar bis Sztynort (Steinort) und dort wurde getankt, so dass unsere Fahrt ohne Zwischenfälle bis Węgorzewo (Angerburg) fortgesetzt werden konnte.
In Węgorzewo erwartete uns Uwe mit dem Bus und wir fuhren nach Ryn (Rhein). Dort erwartete uns das Ehepaar Osiecki mit zwei Blumengestecken und wir gingen alle zusammen zum Friedhof. Am Grabmal für 24 deutsche Frauen, Kinder und alte Männer, die im Januar 1945 von der Roten Armee ermordet worden waren, wurde ein Blumengesteck mit einer Schleife, auf der stand „In Gedenken, Verein Freunde Masurens e.V.“, niedergelegt und wir beteten das Vaterunser. Kerstin spielte auf der Trompete zwei Lieder und wir sangen mit.
Nach dem Besuch des Friedhofs erfrischten wir uns mit einem Honigbier auf der Terrasse der renovierten Mühle.
Unsere letzte Station war heute der Besuch des Friedhofs in Krzyżany (Steinwalde). Hier wurde auch ein schönes Gesteck mit Schleife am Grabstein der Großeltern von Gerhard Borrek niedergelegt und wir gedachten der Toten, deren Grabsteine dort zu sehen sind. Dieser Friedhof wurde von Mitgliedern des Vereins in monatelanger, harter Arbeit aufgeräumt und hergerichtet. Kerstin spielte zum Abschluss noch ein Lied, anschließend ging es zurück zum Hotel.
Alle freuten sich, dass dieser Tag so schön war und wir die Schifffahrt genießen konnten. Der Chor aus Giźycko mit allen seinen lieben Mitgliedern hat uns mitgerissen mit seinem herzerfrischenden Gesang und dafür gesorgt, dass die Stimmung auf dem Schiff fröhlich und gelassen war.
Tag 7
Heute war eigentlich ein freier Tag für alle vorgesehen, da der Busfahrer seine vorgeschriebenen Lenk- und Ruhezeiten einhalten muss. Allerdings hatte Busfahrer Uwe in den Tagen der Fahrten mit dem polnischen Bus eine Zwangspause und durfte daher an diesem Tag fahren.
Es wurde vorgeschlagen, die ausgefallene Ernst-Wiechert-Fahrt nachzuholen. Ein Teil der Gruppe entschied sich dafür, andere Mitreisende entschieden sich für die Stadtbesichtigung mit Pastor Tegler und einige verbrachten die freie Zeit mit Spazierengehen oder kauften ein.
Als wir im Bus saßen, fehlte uns die tägliche Morgenandacht von Pastor Tegler und so nahmen wir uns alle das Programmheft von Kerstin, die für jeden Tag auch die Tageslosung hineingeschrieben hat, in der für diesen Tag stand: „Gott der Herr machte aus der Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu den Menschen….“. Plötzlich rief ein Reiseteilnehmer: „ Im Bus fliegt ein Vogel…“. Es war wirklich kaum zu glauben, es war eine kleine Meise, die sich dann auf eine Jacke setzte und auf Rettung, wieder freigelassen zu werden, wartete. Unser lieber Walter Gödecke fing sie sanft ein und ließ sie wieder in die Freiheit fliegen.
Die Gruppe, die zum Geburtshaus von Ernst Wiechert fuhr, freute sich, dass das kleine Museum geöffnet hatte, und der Hofhund freute sich über den Besuch.
Anschließend wurde ein von Uwe gepflückter Feldblumenstrauß am Grab von Meta Wiechert und ihrem nur einen Tag alt gewordenen Sohn niedergelegt und Kerstin spielte zwei Lieder auf der Trompete. Die Grabstätte liegt in einem Waldstück, an dem sich ein idyllischer See befindet, und wider Erwarten gab es keine Mücken und alle genossen die Ruhe und den herrlichen Anblick!
Als Susanne Wendlandt an diesem Nachmittag am See in Mrągowo spazieren ging, kam eine Frau mit Hund auf sie zu, die sagte: „Ich habe Sie doch gestern auf dem Schiff gesehen!" Sie wurde an dem Schild mit dem roten Band erkannt, auch Bischof Hause hatte Mitglieder der Reisegruppe in Mikołajki (Nikolaiken) daran erkannt, wie er Kerstin erzählte. So hat das rote Band mit dem Namen doch einen hohen Wiedererkennungswert, egal, wo man sich gerade in Masuren aufhält.
Am Nachmittag hieß es dann „Koffer packen", denn am nächsten Morgen sollte um 8 Uhr zur Rückfahrt aufgebrochen werden, und an diesem Abend würde keine Zeit dafür sein.
Um 18.00 Uhr fuhren wir mit dem Bus nach Babiéta (Babienten), wo später die "Masurische Hochzeit" stattfinden sollte. Wir machten eine Kutschfahrt durch die Johannisburger Heide und während der Fahrt wurde dann auch das Geheimnis um das masurische Hochzeitspaar gelüftet: Helga Fitza und Uwe Mikoschinski! Nach Ankunft bei Eulalias Tierstiftung wurde gegessen und getrunken, danach getanzt, gesungen, gelacht und das Brautpaar gefeiert. Zwischendurch führte Eulalia über den großen Gnadenhof und informierte über ihre Arbeit und die Stiftung. Es wurde sogar noch in der Nacht das Baby von dem Brautpaar geboren.
Es war ein lustiger Abend und als der Bus später zum Hotel fuhr, wurde allen bewusst, dass es schon der letzte Abend in Masuren war.
Tag 8
Nach dem Frühstück hieß es Abschied nehmen von Mragowo - die Tage waren wie im Fluge vergangen.
Über Olsztyn (Allenstein) und Olsztynek (Hohenstein) machten wir uns auf den Weg nach Poznań (Posen).
In Olsztyn erwartete uns die Stadtführerin Bernadeta Kuklinska, die uns durch die Stadt führte, die katholische und evangelische Kirche zeigte, die Burganlage und das Kopernikusdenkmal. Einige Mitreisende tranken einen Kaffee oder aßen ein Eis in einem der kleinen Lokale. Dann ging es auch schon weiter.
In Olsztynek (Hohenstein) hatte man die Möglichkeit, das Freiluftmuseum anzusehen. Auch bestand die Möglichkeit, auf der Terrasse ein kleines Mittagessen einzunehmen.
Dafür, dass auch dieser Tag nicht alltäglich wurde, sorgte ein Mitreisender, der mitsamt Stuhl und Tisch ins Gebüsch fiel - Gott sei Dank hatte er sich nicht weh getan.
Am Abend erreichten wir Poznań (Posen), wo uns im Hotel ein Abendessen serviert wurde.
Nach dem Essen gingen einige Mitreisende in die Altstadt, um ein Bier zu trinken, andere ließen den Abend an der Hotelbar ausklingen.
Tag 9
Nachdem sich alle am reichhaltigen Frühstücksbuffet gestärkt hatten, bestand die Möglichkeit, an einer Stadtführung teilzunehmen. Mit der Stadtführerin Sylwia Gorska und ihrem Vater Janusz, Freunde von Kerstin und ihrer Schwester Susanne Wendlandt, ging es in die Altstadt und es gab eine ganze Menge Informationen und Sehenswürdigkeiten zu bestaunen. Leider sind die ganzen Straßen in der Altstadt aufgerissen, sodass es nicht so einfach war zu gehen und zu schauen, aber die alten Häuser und Kirchen waren sehenswert.
Ein Teil der Mitreisenden war im Hotel geblieben, weil sie nicht mehr gehen mochten oder konnten und es auch zu warm war. Man unterhielt sich über die Erlebnisse der vergangenen Tage. Pastor Tegler sorgte für ein zweites Frühstück, indem er für jeden der Zurückgebliebenen ein kleines Croissant aus dem Restaurant holte und anbot.
Nach der Stadtführung wurde das Handgepäck eingeladen und die letzte Etappe unserer Reise begann.
Die Pausen wurden eingehalten und zum Mittagessen gab es leckere Suppe, Brot und Kaffee von Uwe.
Kurz vor Scharnebeck hielt der Bus an und Pastor Tegler hielt eine kleine Andacht, um Gott zu danken, dass er uns auf unserer Reise behütet hat. Wir sangen und beteten und es wurde Uwe gedankt für seine Zuverlässigkeit und Treue in den vergangenen Jahren. Er erhielt für seine ruhige und besonnene Art und für sein gutes Fahren von den Reiseteilnehmern ein gutes Trinkgeld.
Auch für Kerstin und Pastor Tegler gab es Dankesworte für die umfangreiche Vereinsarbeit, ohne die diese Studienfahrten nicht möglich gewesen wären.
Unsere liebe Mitreisende Rosi hatte ein ansprechendes Gedicht verfasst, das sie nun vortrug, und noch liebevoll ausgesuchte Geschenke für Pastor Tegler und Kerstin überreichte.
Die letzte Masuren-Studienfahrt war nun fast zu Ende und es flossen Tränen.
Uwe gab auch noch seine versprochenen Runden an uns alle aus und fuhr mit uns zweimal durch den Kreisel am Schiffshebewerk.
Auf dem Parkplatz in Scharnebeck warteten Angehörige und unsere PKWs. Wir verabschiedeten uns herzlich voneinander und freuen uns auf ein Wiedersehen bei dem Nachtreffen Ende Oktober/ Anfang November.
Christiane Blank
Kerstin Harms
Erfolgreiche "Internationale Musiktage in Warpuhnen"
vom 04.-07.08.2022
Zu den viertägigen „Internationalen Musiktagen in Warpuhnen“ vom 04.-07.08.2022 kamen über 600 Gäste in die einst totgesagte ev. Kirche nach Warpuny/ Warpuhnen in Masuren, die in diesem Jahr ihr 140. Bestehen feiert. Aus Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden reisten ehemalige Warpuhner an und Gäste, die einen persönlichen Bezug zu der Kirche haben, weil sie selbst dort getauft, konfirmiert oder die Eltern oder Großeltern dort getraut wurden.
Die Kirche wurde vom Verein Freunde Masurens e.V. vor 10 Jahren vor dem Verfall gerettet.
Durch Fördermitteln vom Bundesamt für Kultur und Medien in Bonn, dem Gustav-Adolf-Werk und dem Martin-Luther-Bund konnte 2019 der Kirchturm komplett saniert werden. Im letzten Jahr wurden alle fünf Türen und die drei wertvollen bunten Glasfenster über dem Altar restauriert. Durch private Spendengelder in Höhe von 35.000 € wurde die durch Feuer und Löschwasser ziemlich stark beschädigte Terletzki-Orgel 2010 repariert. In diesem Jahr soll auch noch das gesamte Dach erneuert werden.
In Zusammenarbeit mit dem Verein Freunde Masurens und dem Kulturreferat am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg begannen die Musiktage am Donnerstag pünktlich mit einem interessanten und vielfältigen Rahmenprogramm. Pastor Fryderyk Tegler, der ebenfalls in dieser Kirche getauft, konfirmiert und getraut wurde, begrüßte die vielen Gäste aus dem In- und Ausland und wünschte allen Freude an den Veranstaltungen der nächsten Tage. Auch die Landrätin von Mrągowo/Sensburg, Frau Barbara Kuźmicka-Rogala, war unter den anwesenden Gästen.
Mit einer Power-Point-Präsentation zeigte Kerstin Harms, Vorsitzende des Vereins Freunde Masurens, Bilder vom Zustand der Kirche, wie sie sie vor über 10 Jahren vorgefunden hatte. Hohe Laubberge und Unrat, sowie eingeschlagene Fenster und kaputte Türen hielten sie dennoch nicht davon ab, auch das Schöne und Erhaltene der über 100 Jahre alten Kirche zu sehen, wie z. B. den Altar mit dem wunderschönen Bild von dem Auferstandenen mit Maria Magdalena und die drei bunten Glasfenster über dem Altar.
Als die drei Originalglocken ertönten, die einst in dieser Kirche zu vielen Anlässen geläutet hatten und die jetzt in der ev. Kirche in Cisownica in Schlesien ihren Dienst verrichten, liefen bei vielen Tränen der Wehmut.
Im Anschluss gab Dr. Susanne Borrek, Mitglied des Vereins Freunde Masurens, ein sehr vielfältiges wunderschönes Konzert mit Orgelstücken von Johann Pachelbel, Dietrich Buxtehude, Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Gustav Adolf Merkel, Max Reger und William Lloyd Webber. Dr. Susanne Borrek nimmt seit drei Jahren auf Wunsch des Vereins Orgelunterricht und weihte die im Jahr 2020 restaurierte Orgel zum 10-jährigen Vereinsjubiläum in dieser Kirche ein.
Der polnische Chor Schola Vocale und die M.A.Z.I-Band unter der Leitung von Cezary Nowakowski aus Mrągowo, der bereits schon mehrere Konzerte in der Kirche mit der hervorragenden Akustik gegeben hat, band auch das Publikum bei einigen Liedern mit ein und begeisterte mit seinem Können und Temperament.
Danach konnte sich jeder alte Fotos aus dem Kirchspiel von Warpuhnen ansehen, die auf Staffeleien von Alfred Siwik in der Kirche ausgestellt waren.
Am Freitag trat BernStein (Bernd Krutzinna) auf und nahm mit seinen selbstkomponierten Liedern und den dazu passenden Bildern die Menschen in der Kirche mit in das alte Ostpreußen und das gegenwärtige Masuren. Die Stimme von Krutzinna mit Liedern über die alte Heimat, wie zum Beispiel „Fahr einmal nach Masuren“, „Ännchen von Tharau“ oder „Nach der Heimat zieht`s mich wieder“ begeisterte die Zuhörer und auch die polnischen Gäste waren von seiner Musik sehr angetan.
Nach einer kurzen Pause gab es einen interessanten Vortrag von dem Historiker Dr. Ralf Meindl zum Thema „Die Geschichte von Ermland und Masuren am Beispiel von Olsztyn/Allenstein“. Sein Vortrag wurde illustriert mit altem Bildmaterial und Statistiken über die Vergangenheit und Gegenwart von Ermland und Masuren.
Bei dem anschließenden Sektempfang vor der Kirche entwickelten sich viele Gespräche, man traf auf alte Bekannte und neue Freundschaften wurden geschlossen.
Am Samstag wurden die Musiktage durch Hans-André Stamm, Leverkusen, Orgel und Karen Sokoll, Potsdam, deren Großeltern in dieser Kirche getraut wurden, mit Orgel und Gesang, bereits um 11.00 Uhr fortgesetzt aus Werken von Jean Adam Guilain, Samuel Scheidt, Johann Pachelbel, Alessandro Scarlatti, Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Wolfgang Amadeus Mozart und auch aus Stamms eigenen Kompositionen. Die Kirchenbesucher, darunter die Familie von Karen Sokoll aus der Schweiz und ihr Vater, Prof. Günther Sokoll, waren von dem Konzert sehr angetan.
Cornelia Pieper, Generalkonsulin der Bundesrepublik Deutschland in Danzig, begrüßte als Schirmherrin der „Internationalen Musiktage in Warpuhnen“ die Gäste sehr herzlich und freute sich über die vielen Besucher, die zu den Musiktagen gekommen waren. Sie dankte den Organisatoren, dem Verein Freunde Masurens, Kerstin Harms und Pastor Fryderyk Tegler, sowie Agata Kern vom Kulturreferat am Ostpreußischen Landesmuseum für das interessante und vielfältige Programm mit Musik und Vorträgen.
Danach zeigte der Orgelbaumeister Andrzej Kowalewski, der die Orgel im Jahre 2020 restauriert hat, Bilder von seiner monatelangen Arbeit. Er hat das ganze Instrument in Einzelteile auseinandergebaut, restauriert und Teile nachkonstruiert, die nicht mehr zu reparieren waren. Die Orgel war vor einigen Jahren Opfer eines Brandanschlags durch Jugendliche geworden. Die Brand- und Wasserschäden an dem Holz waren immens, sodass es an ein Wunder grenzt, dass diese Schäden wieder behoben werden konnten und die Orgel so wundervoll in der Kirche erklingt.
Zum Mittag gab es im Dorfgemeinschaftshaus gegenüber der Kirche Erbsensuppe und den landestypischen Borschtsch (Rote-Bete-Suppe). Beim geselligen Beisammensein ergaben sich viele interessante Gespräche. Für Fortführung des Musikprogramms sorgte anschließend der Chor des Sozialkulturellen Vereins aus Giźycko mit ihren fröhlichen deutschen und polnischen Liedern. Wieder in der Kirche ging es weiter mit dem berührenden Orgelspiel von Ruslan Kozynko.
Nach einer Kaffeepause im Dorfgemeinschaftshaus mit selbstgebackenem Kuchen von den Landfrauen aus dem Dorf Warpuny stellte Ania Baziuk, eine aus der Ukraine geflüchtete junge Künstlerin, dort einige ihrer Werke aus, die von einigen Gästen auch käuflich erworben wurden.
Um 17.00 Uhr begann dann das große Abschlusskonzert der Musiktage mit Prof. Dr. Neithard Bethke und Anja Uhlemann. Prof. Bethke ist Kirchenmusikdirektor, Organist, Komponist, Cembalist, Dirigent und war zuletzt Domorganist und Kapellmeister am Ratzeburger Dom. Zurzeit leitet er den Akademischen Chor in Zittau/Görlitz, in dem auch Anja Uhlemann als Altistin singt.
Bethke, dem die Orgel in Warpuny aus früheren Konzerten bekannt war, spielte Werke von Vincent Lübeck, Guiseppe Torelli, Johann Sebastian Bach, Joseph Haydn und Alessandro Stradella sowie eigene Kompositionen. Anja Uhlemann füllte die Kirche mit ihrer schönen Altstimme und begeisterte das dankbare Publikum. Es war ein gelungener Abschluss der Musiktage, die mit dem Lied „Guten Abend, gute Nacht“ nach Orgelklängen von Neithard Bethke endeten.
Mit dem festlichen ökumenischen Dankgottesdienst am Sonntag endeten die erfolgreichen „Internationalen Musiktage in Warpuhnen“. In die mit vielen Gottesdienstbesuchern aus Nah und Fern voll besetze Kirche war auch der Landesbischof Jerzy Samiec aus Warszawa/Warschau gekommen. Die Predigt hielt Bischof Paweł Hause in polnisch und deutsch und durch die Liturgie führten die Pastoren Fryderyk Tegler und Krzysztof Mutschmann. Die Kollekte für die Renovierung des Kirchendaches erbrachte 823 €. Als Ausklang der Musiktage waren das Orgelspiel von Matthias Böhlert aus Salzwedel und der Gesang von Bernd Krutzinna in den Gottesdienst integriert.
Nachsatz!
Zur rechtlichen Situation der Kirche in Warpuny/Warpuhnen
Am 25.03.2022 wurde die ev. Kirche in Warpuny/Warpuhnen notariell mit Genehmigung des Konsistoriums in Warszawa/Warschau an die „Fundacja na rzecz rozwoju turystyki aktiwnej“ (Stiftung für die Entwicklung des Aktivtourismus) unter dem Vorsitz von Alfred Siwik aus Mrągowo/ Sensburg verkauft, mit der Auflage der Evangelisch Augsburgischen Kirche in Warszawa/Warschau, diese Kirche ausschließlich für religiöse, kulturelle, pädagogische und soziale Zwecke zu nutzen. Somit bleibt der sakrale Charakter erhalten und es besteht die Möglichkeit, dort weiterhin Taufen, Trauungen und andere kirchliche Handlungen zu vollziehen und Gottesdienste zu feiern. Wir freuen uns, dass unsere jahrelangen Bemühungen um den Erhalt der Kirche nicht umsonst gewesen sind und die Kirche als Kirche erhalten bleibt.
Verein Freunde Masurens e.V.
Kerstin Harms, Vorsitzende
Agata Kern
Kulturreferat am Ostpreußischen Landesmuseums in Lüneburg
Reisebericht über die Masurenstudienfahrt vom 07.08. - 16.08.2021
Unter dem Motto „Auf den Spuren in Masuren“ anlässlich des 80. Geburtstages von Pastor Fryderyk Tegler machten sich 38 Mitreisende voller Erwartungen auf den Weg in die alte, masurische Heimat. Die Spuren konnte man fast täglich finden und die Erinnerungen und die Verbindungen zu heute miterleben. Alle Teilnehmer bekamen zu Beginn von der Reisebegleiterin Kerstin Harms ein sehr liebevoll gestaltetes Programmheft. Über dem jeweiligen genauen Tagesplan und den Informationen zu den Orten und Sehenswürdigkeiten stand für jeden Tag die Tageslosung, zu der Pastor Tegler täglich eine kurze Andacht mit dem Auslegungstext hielt.
Nach der Ankunft am ersten Tag in Łódż (Lodz) machten wir uns nach dem Abendessen zu einer sehr interessanten Stadtführung auf und sahen die eigentliche Industriestadt mit anderen Augen. Łódż ist heute eine Stadt mit vielen Hochschulen und der berühmten medizinischen Universität. Die lebhafte Ulica Piotrkowska, die sich auf etwa 4,9 km zwischen dem Freiheitsplatz und dem Unabhängigkeitsplatz erstreckt, faszinierte alle Reiseteilnehmer am meisten.
Am nächsten Tag fuhren wir weiter nach Warszawa (Warschau) zum Sonntagsgottesdienst in der evangelischen Trinitatiskirche, in der Pastor Tegler am 03.12.1972 ordiniert worden war. Hier wurde die Reisegruppe von Pfarrer Sebastian Madejski herzlich begrüßt und Pastor Tegler bekam nach der Predigt die Gelegenheit, auch noch zur Gemeinde zu sprechen. Es stellte sich danach heraus, dass ihn sogar mehrere Gottesdienstbesucher wiedererkannt hatten und mit ihm ins Gespräch kamen. Nach dem Gottesdienst führte uns die Generaldirektorin der Polnischen Diakonie und langjährige Freundin unseres Vereins, Wanda Falk, durch die schöne Altstadt von Warszawa.
Abends bei der Ankunft in Masuren, im schönen Hotel Panoramic Oscar am Schoß-See, gab es zur Begrüßung den polnischen Żubrówka und das ostpreußische Nationalgetränk Bärenfang.
Am Montag, nach der ersten Nacht in Masuren, besuchten wir die Stadt Mrągowo/Sensburg und wurden dort von Bürgermeister Dr. Stanislaw Bułajewski herzlich begrüßt. Er gratulierte Pastor Fryderyk Tegler zu seiner 30-jährigen Ehrenbürgerschaft der Stadt Mrągowo. Zu dieser kleinen Feierstunde waren unter anderen auch der stellvertretende Bürgermeister, der Landtagsabgeordnete Julian Osiecki und seine Frau Jadwiga, die lange Jahre dort Stadtdirektorin gewesen war, dabei. Pastor Tegler legte am Denkmal von Pastor Krzysztof Celestyn Mrongowiusz, dem Namensgeber der Stadt Mrągowo, Blumen vom Verein Freunde Masurens nieder.
Weiter ging es dann nach Święta Lipka (Heilige Linde). Dort gingen wir zuerst zu dem kleinen Friedhof, wo vor einigen Jahren ein Denkmal für 86 Menschen errichtet wurde, die 1945/46 in einem Altenheim hier im Ort an Hunger und Verwahrlosung verstorben sind.
Unsere langjährige Stadtführerin und Freundin Frau Elżbieta Marko zeigte uns die beeindruckende Basilika in Heilige Linde. Auch konnten wir dem Orgelkonzert beiwohnen und die beweglichen Figuren an der Orgel während des Orgelspiels bewundern.
In der Stadt Reszel (Rössel) stiegen wir auf die Burg und einige Reiseteilnehmer wagten sich sogar in die Folterkammer. In der großen Peter und Paul Kirche erwartete uns Prälat Wyrostek, der uns sehr herzlich begrüßte. Pastor Tegler und ihn verbindet eine fast sechzigjährige Freundschaft.
Danach fuhren wir nach Warpuny/Warpuhnen. In der ev. Kirche dort ist Fryderyk Tegler getauft, konfirmiert und getraut worden. Auch seine älteste Tochter Romy wurde dort getauft. Der Verein Freunde Masurens engagiert sich neben seinen vielen anderen Aufgaben für Masuren besonders für den Erhalt dieser Kirche und hat sie vor dem Verfall gerettet. 2019 wurde der Turm von Grund auf saniert, das Dach repariert, dann 2020 die wertvolle Terletzki-Orgel restauriert und in diesem Jahr wurden die drei bunten Glasfenster über dem Altar sowie drei Türen ebenfalls restauriert. Im nächsten Jahr wird die Kirche 140 Jahre alt, und es soll bis dahin das Dach neu eingedeckt sein, sodass dieser Kirchenbau als ein wertvolles historisches Kulturgut erhalten bleibt und zum geistlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben in der Region beiträgt.
Vor dieser Kirche, zu der Pastor Tegler in seiner Kindheit und Jugend und nun auch im Alter eine besondere, emotionale Beziehung hat, wurde am Nachmittag eine Bank, die er anlässlich seines 80. Geburtstages gespendet hat, feierlich eingeweiht. Als wir ankamen, waren schon einige Gäste versammelt, und die Bank war mit weißen Bändern geschmückt, die dann zuerst von dem Jubilar durchgeschnitten wurden und dann auch von den Gästen und Reiseteilnehmern. Auch Propst Wolfram zerschnitt ein Band zur Einweihung.
Nach einer kurzen Andacht draußen betraten wir die Kirche, wo dann zur Freude aller unsere Reiseteilnehmerin Dr. Susanne Borrek ein Konzert auf der neu restaurierten Orgel gab. Es war ein schöner und würdiger Abschluss dieser Feierstunde. Nach dem Konzert lud Pastor Tegler alle zu Kaffee und Kuchen in das Dorfgemeinschaftshaus gegenüber der Kirche ein, wo die Bürgermeisterin des Ortes Warpuny, Justyna Gałko, und ihre Mutter eine festliche Kaffeetafel eingedeckt hatten.
Zu den wichtigsten Orten in Masuren, die man besuchen sollte, gehört auch das Geburtshaus von Ernst Wiechert, dem großartigen ostpreußischen Schriftsteller, den Marcel Reich-Ranicki mit Thomas Mann verglichen hat. Auf der Fahrt dorthin haben wir wie in jedem Jahr eine CD im Bus angehört, auf der Ernst Wiechert seinen letzten Besuch bei seinem Vater in der Heimat schildert. Es ist immer wieder bewegend und eine besinnliche Einstimmung. An den Gräbern seiner Familie, die am wunderschön gelegenen Waitz See liegen, legten wir einen Wiesenblumenstrauß nieder, hielten eine Andacht und sangen ein Lied. Das auf der Trompete von Kerstin Harms gespielte Stück „Harre, meine Seele“ durfte nicht fehlen.
Dann ging es nach Gałkowo (Nickelsdorf) zum Friedhof der Philipponen, und danach konnten wir das historische Jagdhaus der Grafen Lehndorff aus dem 19. Jahrhundert besuchen, das Alexander Graf Potocki von Sztynort/Steinort hierher in die Johannisburger Heide versetzt hat. In einem Teilbereich gibt es jetzt ein Restaurant, und dort stärkten wir uns erst einmal mit Bier und Kaffee, bevor es mit Pferdekutschen auf Feld- und Waldwegen zur Kruttinna, Königin der ostpreußischen Flüsse, zu einer Stakerfahrt ging.
Am Mittwoch statteten wir Kętrzyn (Rastenburg) einen Besuch ab mit einem Stadtrundgang und Besichtigen der großen katholischen Kirche und Andacht in der kleinen evangelischen Kirche. Dann spielte Dr. Susanne Borrek dort, wie schon in Warpuhnen, auf der frisch renovierten Orgel. Auch zu dieser Orgel-Reparatur hat der Verein Freunde Masurens 4.000 € dazugegeben. Leider war Bischof Paweł Hause, der uns in seiner Kirche jedes Jahr willkommen heißt, im Urlaub, aber sein Vikar hat ihn gut vertreten.
In Węgorzewo (Angerburg) legten wir ein Blumengebinde auf dem Friedhof für dort gefallene deutsche und russische Soldaten aus dem 1. Weltkrieg nieder.
Am Nachmittag waren wir in Ryn (Rhein) verabredet. Dort hatte Pastor Tegler seine erste und einzige Pfarrstelle in Masuren, also auch ein Ort, wo er Spuren hinterlassen hat. Es begrüßten uns Pfarrer Jan Neumann, Helga Fitza, unsere für Masuren Beauftragte und Vorsitzende des dortigen Kirchenvorstands, sowie Krystyna Dobrowolska in der kleinen Kapelle. Von dort ging es weiter zum Friedhof in Ryn, um am Gedenkstein für 24 ermordete Frauen, Kinder und alte Männer Blumen niederzulegen. Für dieses würdige Grabmal hatte Pastor Tegler über 40 Jahre lang gekämpft. Erst durch den Verein Freunde Masurens konnte es 2011 errichtet und feierlich mit wichtigen Persönlichkeiten eingeweiht werden.
Auf dem Rückweg zum Hotel besuchten wir auch die beiden Gedenksteine in Krzyżany (Steinwalde), die 2019 von Familie Borrek und dem Verein FM ebenfalls feierlich eingeweiht worden waren. Gerhard Borrek hat für seine Großeltern, die 1944 von der Roten Armee ermordet wurden und dort auf dem Friedhof in einem Massengrab liegen, einen Gedenkstein aufstellen lassen und unser Verein einen Stein für all die Menschen, die dort einst lebten.
Auch am nächsten Tag konnte die Reisegruppe einen interessanten Ort aufsuchen: das Kloster der Heiligen Dreifaltigkeit in Wojnowo (Eckertsdorf), wo sich vor 200 Jahren die Philipponen, eine Richtung der priesterlosen Altorthodoxen, ansiedeln durften. Und auch hier fand sich wieder eine Spur der jungen Familie Tegler, denn sie verbrachte ihre Urlaube damals in den sechziger Jahren oft bei den Nonnen dieses Klosters, und die Oberin hatte die kleine Tochter Romy sehr ins Herz geschlossen und verwöhnt.
Am Freitag ging es nach einer Besichtigung der schönen Stadt Olsztyn (Allenstein) weiter nach Olsztynek (Hohenstein). Dort trafen wir im Freilichtmuseum die Museumsdirektorin Ewa Wrochna und übergaben ihr zwei alte Bibeln für das Museum. Der Verein Freunde Masurens hat vor einigen Jahren das Patronat über die alte Kirche übernommen.
Am Nachmittag fand in der Veranstaltungsscheune der Kirchengemeinde Sorquitten das 28. Sorquittener Gespräch statt. Den interessanten Vortrag hielten die Vorsitzenden des Vereins We are Europe Dr. Pawel Golak, Klaus Scherer und Klaus Zimmermann, die extra aus Deutschland angereist waren.
Im Anschluss erhielt Frau Maria Grygo die höchste Auszeichnung von Ermland und Masuren für ihre jahrelange und aufopferungsbereite, liebevolle und herzliche Arbeit bei der Pflege alter und vergessener evangelischer Friedhöfe. Die Urkunde und der Orden wurden ihr von Sylwia Jaskulska, der Stellvertreterin des Marschalls, überreicht. Maria Grygo nahm die Auszeichnung auch für ihre Familie entgegen, die mit ihr zusammen die schwere Arbeit bewältigt. Zu unserer Freude kam auch die Generalkonsulin der Bundesrepublik Deutschland in Danzig, Frau Cornelia Pieper, zu der Veranstaltung.
Der letzte, schönste und emotionalste Höhepunkt der Studienreise unter dem Motto "Auf den Spuren in Masuren" anlässlich des 80. Geburtstages von Pastor Fryderyk Tegler war am Samstag. Morgens fuhren wir zunächst in die Stadt Mragowo. Pastor Tegler zeigte uns, wo er mit seiner Familie damals gewohnt hat, und einige Sehenswürdigkeiten. Dann ging es mit dem Bus nach Gizewo (Giesenau) zum Geburtsort von Pastor Tegler. An der Straße vor einem Feldweg stiegen alle aus und gingen dann tatsächlich auf "seinen" Spuren 1,5 Kilometer zum Geburtshaus. Diejenigen, die nicht mehr so gut zu Fuß waren, wurden von Julian Osiecki, dem Landtagspräsidenten von Ermland und Masuren, und Cornelia Pieper, der Generalkonsulin der Bundesrepublik Deutschland in Danzig, in ihren Privatautos zum Haus gefahren.
Dort stand schon, von den jetzigen Besitzern des Hauses in ihrem Garten liebevoll geschmückt, ein Tisch mit dem Kreuz, Brot und Wein, Kerzen und Blumen für das Heilige Abendmahl bereit.
Vor dem Abendmahl, das unter der Leitung von Propst Wolfram gefeiert wurde, hielt Kerstin Harms eine emotionale Ansprache über das Leben von Pastor Tegler und seiner Familie. Den Bericht über das geistliche Leben und Wirken des Jubilars übernahm Propst Wolfram mit herzlichen und rührenden Worten. Tage zuvor hatte sich ein kleiner Chor aus der Gruppe gebildet, der dann heimlich geübt hatte und zur Überraschung und Freude aller die Abendmahlsfeier stimmungsvoll einläutete und begleitete. Anschließend wurden einige Ansprachen gehalten und Geschenke überreicht.
Am Nachmittag fand dann der krönende Abschluss mit einem großartigen Konzert von Professor Dr. Neithard Bethke und der Solistin Anja Uhlemann in der mit Gästen voll besetzten Kirche in Warpuny (Warpuhnen) statt. Nach dem Konzert gab es vor der Kirche für alle einen Sektempfang, bei dem der Chor der Deutschen Minderheit aus Giźycko (Lötzen) alle mit stimmungsvollen, heiteren Liedern erfreute. Beim gemeinsamen Abendessen im Hotel haben wir uns dann bei Professor Bethke und Anja Uhlemann mit Blumen für dieses einmalig schöne Konzert herzlich bedankt.
Mit diesem Tag am Geburtshaus und in der Heimatkirche von Pastor Fryderyk Tegler endete zwar der Weg auf den Spuren, aber noch nicht die Studienfahrt. Denn es gab noch die Fahrt auf dem Oberländischen Kanal von Buczyniec (Buchwalde) nach Jelonki (Hirschfeld). Die „Geneigten Ebenen“ zur Überwindung des Höhenunterschiedes auf der Strecke sind eine einzigartige technische Konstruktion, bei der die Schiffe auf Wagen gezogen werden und über Land die nächste Wasserhöhe erreichen. Der Antrieb erfolgt nur durch entsprechend genutzte Wasserkraft.
Zum Abschluss fanden dann noch Stadtbesichtigungen in Elblag (Elbing) und am Abend in Gdansk (Danzig) statt.
Nach zehn erlebnisreichen Tagen, angefüllt mit emotionalen und touristischen Höhepunkten, erreichte die Reisegruppe - sicher gefahren von ihrem einmaligen Busfahrer Uwe - gesund und glücklich den Ausgangspunkt Scharnebeck. Von dort verabschiedeten sich die Teilnehmer wieder in alle Himmelsrichtungen. Doch vorher verabredeten sie sich zu einem Wiedersehen am Reformationstag, um nach einem gemeinsamen Gottesdienst in gemütlicher Runde Erinnerungen auszutauschen.
Reisebericht mit vielen Höhepunkten und Akzenten anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Vereins Freunde Masurens vom 27.07. – 04.08.2020 in Polen
Am 27.07.2020 machten sich 32 mutige Mitglieder des Vereins Freunde Masurens trotz der Corona Pandemie mit dem Bus der Fa. Anker-Reisen auf den Weg nach Polen, um an den Feierlichkeiten anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Vereins teilzunehmen.
„Fahr einmal nach Masuren. Der Weg nach Masuren ist weit…“ singt BernStein (Bernd Krutzinna) in seinem wohl berühmtesten selbst komponierten Lied. Für alle, die zum ersten Mal mitgefahren sind, traf das zu, denn mit dem Bus braucht man zwei Tage, bis man in Masuren ankommt. Die Zwischenübernachtung fand in Gniezno (Gnesen) statt. Dort wurde zunächst die Kathedrale besucht, in der eine Abendandacht stattfand. Nach einem Rundgang durch die belebte Stadt ging es dann zum Hotel Nest. Am nächsten Morgen wurde die schöne Stadt Toruń (Thorn) besucht mit einer Stadtbesichtigung bevor es weiter Richtung Mrągowo (Sensburg) ging, wo die Reisegruppe sechs Tage im Hotel Panoramic Oscar verbrachte und von wo aus alle Besichtigungstouren starteten.
Pflicht ist immer bei den Reisen ein kurzer Stopp in Sorkwity (Sorquitten) am See, bevor es zum Hotel geht. Dort wird eine Andacht gehalten und Pastor Fryderyk Tegler dankt für die behütete Fahrt und das Ankommen in Masuren. Kerstin Harms spielt traditionsgemäß auf der Trompete „Land der dunklen Wälder“ und Achim Frisch spielte einen Choral auf dem Es- Parvorcehorn. Zum Abschluss dort am See sang die ganze Gruppe (mit dem vorgeschriebenen Abstand) „Danke für diesen schönen Abend“.
Vor dem Hotel wurde die Gruppe vom ehemaligen Landtagspräsidenten Julian Osiecki, seiner Frau Jadwiga und dem Hoteldirektor Alfred Bielski mit dem für Ostpreußen bekannten „Bärenfang“ begrüßt und herzlich willkommen geheißen.
Am nächsten Tag und nach der ersten Nacht in Masuren ging es zu dem bekanntesten Wallfahrtsort und zugleich dem wertvollsten barocken Sakralbau Nordpolens, zur „Heiligen Linde“ (Święta Lipka). Dort wartete bereits die Stadtführerin und zeigte der Gruppe die gewaltige Basilika und konnte ein Konzert auf der gewaltigen Barockorgel mit den beweglichen Figuren erleben.
Nach der interessanten Besichtigung innen und außen ging es weiter zu der kleinen verträumten Stadt Reszel (Rössel) mit der alten Bischofsburg und der St. Peter und Paul Kirche. Mutige Teilnehmer kletterten bis nach oben auf die Burg. In der Kirche traf die Gruppe auf den Prälaten Dyzma Wyrostek, der mit allen zusammen das Vaterunser betete und die Teilnehmer segnete. Kerstin Harms spielte das in Polen bekannteste katholische Lied „Czarna Madonna“ auf der Trompete.
Auf dem Weg nach Mrągowo (Sensburg), wo die Einweihung der Bank auf dem ehemaligen evangelischen Friedhof stattfinden sollte, konnte schon mal ein Blick auf die Kirche in Warpuny (Warpuhnen) geworfen werden. In dieser Kirche ist Pastor Tegler getauft, konfirmiert und getraut worden. Der Verein hat die Kirche vor dem Verfall gerettet. Im letzten Jahr wurde der Kirchturm von Grund auf saniert, Fenster eingesetzt und das Dach repariert. Bei der Ankunft waren noch die Handwerker in vollem Gange und führten Restarbeiten am Dach und Mauerwerk aus. An der Orgel, die ebenfalls vom Verein Freunde Masurens für über 35.000 € aus Spendengeldern repariert und renoviert wurde, war ebenfalls noch der Orgelbaumeister aus Braniewo (Braunsberg), Andrzej Kowalewski, mit restlichen Arbeiten beschäftigt.
Die Reisegruppe verschaffte sich somit einen Überblick und konnte nicht glauben, dass die Arbeiten bis zum Samstag, also in vier Tagen, wenn die Einweihung der Orgel und die Feierlichkeiten zum 10. Geburtstag des Vereins stattfinden sollen, beendet sind und alles aufgeräumt ist. Spontan meldeten sich mehrere Teilnehmer, um bei den Aufräum- und Reinigungsarbeiten am Freitag zu helfen.
Dann ging es weiter nach Mrągowo.
Vor zwei Jahren hat der Verein Freunde Masurens die Schirmherrschaft über den ehemaligen evangelischen Friedhof übernommen und sich seitdem zusammen mit der Vorsitzenden des Vereins „Erhaltung und Rettung des Friedhofs“ Frau Zofia Wojciechowską bemüht, dort eine Gedenkbank aufstellen zu lassen. Erst nach einem Bürgermeisterwechsel in der Stadt kam Bewegung in die Sache und der neue Bürgermeister Dr. Stanisław Bułajewski stand der Angelegenheit positiv gegenüber und bewilligte seitens der Stadt die Aufstellung der Bank. Zusätzlich musste aber noch vom Denkmalamt aus Olsztyn (Allenstein) die Erlaubnis erteilt werden, welche Bank und wo sie aufgestellt werden darf. Kurz vor dem Tag der geplanten Einweihung kam endlich die Genehmigung der Denkmalbehörde und die Bank konnte bestellt werden. Das Schild, auf dem in zwei Sprachen steht „ Bank der Erinnerung für die hier Ruhenden“, wurde in Deutschland angefertigt und auf dem Friedhof während der Feierstunde von Matthias Nördemann und Joachim Wendlandt angebracht.
Als die Gruppe auf dem Hügel an der alten Fontäne eintraf, warteten bereits einige Gäste, darunter auch der Bürgermeister, die Vorsitzende des Vereins, Ratsmänner und -frauen sowie die örtliche Presse. Jadwiga Osiecka, ehemalige Stadtdirektorin von Mrągowo, hüllte die Bank mit weißen Schleifen ein und gemeinsam schnitten der Bürgermeister von Mragowo und die Vorsitzende des Vereins Freunde Masurens, Kerstin Harms, das symbolische Band durch. Auch hier wurden wieder auf der Trompete und Es-Parvorcehorn feierliche Choräle gespielt.
Der Verein Freunde Masurens ist froh und dankbar, anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Vereins diese würdige Gedenkfeier ausgerichtet zu haben und der Stadt Mragowo dieses Geschenk machen zu können, und hofft, dass viele Menschen, die dort auf den Friedhof kommen, auf der Bank sitzend der dort Ruhenden gedenken.
Nach der Feier führte Pastor Fryderyk Tegler, der seit 1991 der erste Ehrenbürger der Stadt Mrągowo ist, die Gruppe durch „seine“ Stadt und zeigte die Sehenswürdigkeiten und erklärte die Geschichte der Stadt bis 1945 und danach.
Zu einer Rundreise durch Masuren gehört auch der Besuch des Geburtshauses des großen deutschen Schriftstellers Ernst Wiechert in Piersławek (Kleinort) und der Gräber seiner Frau Meta und seines einzigen Sohnes Edgar am großen Maitz See gelegen. Auch hier wurde der Toten gedacht und eine Andacht gehalten. Martin Tuttas, ein Reiseteilnehmer, sang spontan das Lied „Gott mit euch bis wir uns wiedersehn!“ Hanna Firch legte einen selbstgepflückten Strauß aus der Natur nieder.
Anschließend ging es nach Gałkowo (Nickelsdorf) zur Besichtigung des Salons der Gräfin Marion Dönhoff. Große Bewunderung fand der historische Bau aus dem 19. Jahrhundert, in dem sich jetzt ein Restaurant befindet. Das ehemalige Jagdhaus der Grafen Lehndorff wurde von Graf Alexander Potocki von Sztynort (Steinort) in die Johannisburger Heide versetzt. Von dort ging es dann mit Pferdekutschen durch die Johannisburger Heide nach Krutyń (Krutinnen). Nach einem leckeren Mittagessen und einem Spaziergang durch den Masurischen Nationalpark wurde auf dem schönsten Fluss Ostpreußens, der Perle Masurens, die berühmte Stakerfahrt unternommen. Bei herrlichem Wetter genossen alle Teilnehmer die Ruhe, die herrliche Natur und die Musikeinlagen der Mitreisenden.
Am nächsten Tag wurde die Stadt Kętrzyn (Rastenburg) besucht, mit der Ordensburg und einer großen katholischen Basilika, die bis 1945 evangelisch war. Hier wurde die Gruppe von Bischof Paweł Hause persönlich begrüßt, durch die Stadt und die Kirchen geführt. In der kleinen evangelischen St. Johanniskirche spielte der Bischof auf der Orgel und segnete anschließend die ganze Gruppe, die daraufhin spontan eine großzügige Kollekte für die kleine Diasporagemeinde sammelte.
Danach ging es zur Wolfsschanze, wo der Gästebegleiter Stanisław Siemiński bereits wartete und die Reiseteilnehmer durch die Anlage mit den Ruinen führte und sehr interessant und eindrucksvoll von dem damaligen Leben erzählte, sowie auch über das missglückte Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944.
Von dort führte die Fahrt über Sztynort (Steinort), dem ehemaligen Schloss der Familie Lehndorff, mit einer kurzen Besichtigung von außen nach Węgorzewo (Angerburg) zum Heldenfriedhof aus dem ersten Weltkrieg. Auch hier wurde ein Blumengesteck niedergelegt und Achim Frisch spielte einen Choral auf den Es-Horn und Kerstin Harms auf der Trompete „Ich hatt` einen Kameraden“.
In Ryn (Rhein) wurde auf dem Friedhof das Grab mit dem Denkmal besucht, für deren Aufstellung Pastor Fryderyk Tegler fast 40 Jahre gekämpft hatte. Als im Januar 1945 24 deutsche Frauen, Kinder und alte Männer sinnlos von der Roten Armee ermordet wurden, verscharrte man sie auf dem Friedhof in Ryn in einem Massengrab. Erst nach der Gründung des Vereins Freunde Masurens im Jahre 2010 konnte hier für die Frauen und Männer ein würdiges Grabmal errichtet werden. Dieses wurde 2011 feierlich mit hochkarätigem Publikum, Bewohnern der Stadt Ryn und Angehörigen eingeweiht. Wie in jedem Jahr legte ein Mitreisender der Gruppe ein Blumengesteck auf das Grab und Achim Frisch und Kerstin Harms umrahmten diese kleine Feierstunde mit Chorälen.
Die Reiseleitung lud anschließend die Gruppe auf das schmackhafte Honigbier in die restaurierte Mühle ein.
Zum Abschluss des Tages fand ein Besuch auf dem Friedhof Krzyżany (Steinwalde) statt, wo im letzten Jahr am Pfingstsonntag zwei Gedenksteine eingeweiht worden waren. Der Stein am Eingang des Friedhofs soll an die Verstorbenen erinnern, die einst hier lebten. Der Gedenkstein im inneren Bereich des Friedhofs wurde für die Großeltern von Gerhard Borrek, die im Januar 1945 von der Roten Armee ermordet wurden, errichtet. Auch hier wurden Blumengestecke auf beiden Gräbern mit musikalischer Umrahmung feierlich niedergelegt.
Am Jubiläumstag, Samstag dem 01.08.2020, fuhr die Gruppe morgens noch zur Besichtigung des Philipponen-Klosters der Heiligen Dreifaltigkeit nach Wojnowo (Eckertsdorf). Das Kloster und der orthodoxe Friedhof mit den typischen Holzkreuzen der Altgläubigen liegen idyllisch am Drusensee. Von dort ging es dann mit dem Bus zur Anlegestelle nach Ruciane-Nida (Rudczanny-Nieden) und auf das Schiff, das die Gruppe bei herrlichem Wetter über den Spirdingsee nach Mikołajki (Nikolaiken) brachte.
Am Samstagnachmittag fand dann in Warpuny (Warpuhnen) die Einweihung der Orgel anlässlich des 10-jährigen Jubiläums statt. Als Kerstin Harms auf ihrer ersten Masurenreise im Jahr 2010 vor der evangelischen Kirche in Warpuny/Warpuhnen stand, war es für sie ein trauriger Anblick. Fenster waren eingeschlagen, Löcher im Dach und der Turm war sehr beschädigt. Ihre Worte waren damals: „Ich werde diese Kirche nicht retten können, aber wenn ich nichts mache, wird auch nichts besser“.
Nach dieser Reise setzte Pastor Tegler seinen lang gehegten Traum, einen Verein für Masuren zu gründen, in die Tat um. Am 01.08.2010 um 16.00 Uhr wurde der Verein Freunde Masurens e.V. in Scharnebeck im Gasthaus Rose mit sieben Gleichgesinnten gegründet.
Am 01.08.2020 um 16.00 Uhr, genau 10 Jahre später und zur selben Uhrzeit, erklang die einzige Glocke im Turm und sie schallte nicht nur in der Kirche, sondern über den ganzen Ort Warpuny.
Ein Traum war für Pastor Tegler, Kerstin Harms und den Verein nach Jahren der Bemühungen in Erfüllung gegangen. Die Kirche war vor dem gänzlichen Verfall gerettet. Kein Loch mehr im Dach, alle Fenster eingesetzt, der Turm von Grund auf saniert, das Mauerwerk verfugt, aber die Krönung an diesem Tag war, dass auch die Orgel wieder mit ihrem vollen Klang die Kirche erfüllte. Der Orgelbaumeister Andrzej Kowalewski aus Braniewo (Braunsberg) hat das Unmögliche möglich gemacht und in nur sechs Monaten die Orgel in Tag- und Nachtschichten auseinandergebaucht, repariert, renoviert und rekonstruiert. Wir sind ihm dafür von Herzen dankbar. Auch der Verein hat, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Orgel in Polen nicht unter Denkmalschutz steht und somit keine Fördergelder beantragt werden konnten, die Ärmel aufgekrempelt und nach dem Motto „Geht nicht gibt’s nicht“ 35.000 € an Spendengeldern zusammengesammelt.
Frau Dr. Susanne Borrek hatte die Idee, Patenschaften für die Orgelpfeifen zu vergeben. Dies war für viele ein Anreiz, und so war das Geld ebenfalls in nur einem halben Jahr zusammen.
Auf der Masurenreise im Jahr 2019 bei dem Besuch in der Kirche in Warpuny spielte die Mitreisende Susanne Borrek auf ihrem mitgebrachten Keyboard. Als die Worte fielen, der größte Traum sei es, dass die Orgel zum 10-jährigen Jubiläum im nächsten Jahr wieder erklingen soll, war das für Susanne Borrek der Impuls, sich gleich nach der Reise einen Organisten zu suchen und bei ihm Orgelunterricht zu nehmen. Darum gebührte ihr an diesem Tag die Ehre, als Erste offiziell als engagiertes Mitglied des Vereins Freunde Masurens bei den Feierlichkeiten zum Jubiläum auf der Orgel zu spielen. Vielen der anwesenden Mitglieder und dem Vorstand des Vereins lief bei den ersten Tönen ein Schauer über den Rücken und eine glückliche und dankbare Stimmung machte sich breit.
Viele Ehrengäste, darunter auch Cornelia Pieper, die Generalkonsulin der Bundesrepublik Deutschland in Danzig und ehemalige Generalsekretärin der FDP, die auch die Schirmherrschaft über die Feierlichkeiten übernommen hatte, sowie der Abgeordnete des Regionalparlaments von Ermland und Masuren Julian Osiecki, der Direktor und Chef des Regionalparlaments Wiktor Leyk, Steelvertretender Landrat und Vertreter der Samtgemeinde Sorkwity (Sorquitten) und Warpuny (Warpuhnen) waren bei der Feier dabei und gratulierten dem Verein zum 10. Geburtstag und überreichten wertvolle Geschenke und Blumen.
Die Schirmherrin Cornelia Pieper dankte dem Verein für die vorbildliche Arbeit, die der Verein bereits 10 Jahre lang zum Wohle und zur Versöhnung zwischen Polen und Deutschland praktiziert und leistet.
Sie dankte allen Mitgliedern, die den langen Weg nach Masuren trotz Corona Pandemie auf sich genommen hatten, um bei diesem so wichtigen Ereignis dabei zu sein. Sie dankte auch Pastor Fryderyk Tegler für sein langjähriges Engagement für Masuren und Kerstin Harms, der Vorsitzenden des Vereins, für ihre Aktivität, die gerade in dieser so schwierigen politischen Lage von Bedeutung und so wichtig für die deutsch-polnischen Beziehungen ist.
Am Abend gab es im Hotel Panoramic Oscar für alle Mitglieder und geladenen Gästen einen Empfang von Cornelia Pieper.
Am Sonntag standen zwei weitere Höhepunkte auf dem Programm. In der Kirche in Sorkwity fand die Taufe von Pastor Teglers Enkeltochter und die kirchliche Trauung von unserem Busfahrer Uwe und seiner Frau Mechthild statt. Da an dem Sonntag der freie Tag des Busfahrers war, kam ein polnischer Bus, um die Reisegruppe nach Sorkwity zu bringen. Für Uwe und seine Frau Mechthild hatte die Gruppe als Geschenk einen mit Blumen geschmückten Mercedes organisiert, der das Brautpaar vor dem Bus nach Sorkwity (Sorquitten) herfuhr. Auch die Generalkonsulin Cornelia Pieper war bei dem Gottesdienst dabei und sagte in ihrer Ansprache, dass es auch für sie ein besonderes und großartiges Geschenk sei, eine Taufe und eine kirchliche Trauung mitzuerleben, von Deutschen in Polen! Dies sei für die deutsch-polnischen Beziehungen sehr wichtig und dem Vereinsmotto entsprechend: Vorurteile abbauen, Versöhnung fördern, dem Frieden dienen und Brücken der Freundschaft zueinander bauen.
Auch für die Reisegruppe und für die polnischen Gottesdienstbesucher war es ein einmaliges und schönes Erlebnis.
Leider gingen die Tage in Masuren zu schnell vorbei und am Montag hieß es schon wieder, Abschied von Masuren zu nehmen. Der Heimweg führte über Olsztyn (Allenstein) mit einer Stadtbesichtigung dort weiter nach Olsztynek (Hohenstein). Dort traf die Gruppe im Freilichtmuseum auf die Museumsdirektorin Ewa Wrochna. Der Verein hat vor Jahren das Patronat über die alte Holzkirche übernommen und überbringt jedes Jahr antike Geschenke, die der Verein aus Nachlässen verstorbener Ostpreußen erhält. In diesem Jahr wurde ein Aquarellgemälde einer masurischen Bäuerin übergeben, das von einer ostpreußischen Malerin 1920 gemalt worden war.
Der Weg nach Hause führte am nächsten Vormittag weiter über Posen mit einer Besichtigung der wunderschönen Altstadt.
Pünktlich, wie im Reiseprogramm angekündigt, kam der Bus mit gesunden, munteren Mitgliedern des Vereins Freunde Masurens um 19.30 Uhr auf dem Schiffshebewerkparkplatz in Scharnebeck wieder an.
Pastor Teglers Masurenfahrt 2019
Samstag, 01. Juni 2019
Da die Strecke nach Scharnebeck nicht ganz „ohne“ ist und weil wir vor allem auch Lüneburg schon lange im Auge haben, sind wir bereits am Freitag losgefahren. Nachdem wir schon eine Übernachtung bei Sveta Kruse in Scharnebeck hinter uns haben, wollen wir heute unseren Trip in die alte Salz- und Hansestadt machen. Wir sind gespannt – mit Schwäbisch Hall haben wir ja ebenfalls eine Stadt im unmittelbaren Umfeld, die „auf Salz gebaut“ wurde. Der Handel mit Salz dem „weißen Gold“ des Mittelalters hat Lüneburg Reichtum und Ansehen gebracht – was überall in der Stadt zu sehen ist. Die Spuren der Vergangenheit locken uns zu Erkundungstouren in der Innenstadt. Der Reichtum spiegelt wich auch im Lüneburger Rathaus wider. Eindrucksvolle Gebäudeteile aus den verschiedenen Stilepochen lassen sich von uns ebenso bestaunen, wie das Zentralgebäude der Universität, das von keinem geringeren als dem Star-Architekt Daniel Libeskind entworfen wurde, der auch das Jüdische Museum in Berlin entworfen hat. Ein dunkles Kapitel der Geschichte wird in der Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ dokumentiert. Dort wurden – in der 1941 eröffneten „Kinderfachabteilung“ über 300 Kinder im Euthanasie-Programm umgebracht.
Der Platz am Sande in Lüneburg ist einer der zentralen Plätze der Stadt. Schon von weitem ist die St. Johannis Kirche mit ihrem schiefen Turm zu sehen; wir haben Glück und hören ein kleines Orgelkonzert. Anschließend wird es Zeit für ein kleines Mittagsmahl.
Und dann besuchen wir natürlich auch das neue Ostpreußische Landesmuseum, das an die Geschichte, Kunst und Kultur, aber auch an Landschaft und Tierwelt Ostpreußens erinnert. In seinem umfassenden geographischen und historischen Anspruch ist es weltweit einzigartig. Das Museum wurde über drei Jahre umgebaut, modernisiert und am 26. August 2018 wiedereröffnet. Auf derzeit über 1.500 m² und 3 Etagen verteilt sich die Dauerausstellung des Ostpreußischen Landesmuseums. Wir nehmen noch die Gelegenheit wahr uns mit Kartenmaterial einzudecken. Und am Ende lockt dann das dem Museum angegliederte Café.
Sonntag, 02. Juni 2019
Heute am Sonntag, 02. Juni 2019 – dem Sonntag Exaudi („Höret“) beginnen wir unsere Studienreise nach Masuren. Nach einem ersten kurzen Stopp in Stolpe hören wir Pastor Teglers Andacht. Vom Lied „Großer Gott, wir loben dich“ singen wir einige Strophen und mit einem Gebet und Martin Luthers Morgensegen gehen wir dann in den Sonntag Exaudi.
Ja - Wer Ohren hat zu hören … Bei der Europawahl am vergangenen Sonntag ist ja manchen Parteimitgliedern nicht nur das Hören vergangen, sondern auch das Sehen. Gar nicht glauben mochten sie, was da über die Sender an Prognosen und Hochrechnungen lief. Die Partei-arithmetik ist gehörig ins Wanken geraten. Links wie rechts und auch in der Mitte. Es gibt eine Menge Verlierer, von denen sich ein paar dann doch noch zu Siegern erklärten. Es gibt einen Trend, der manche verschreckt, anderen aber Hoffnung gibt. Immerhin hat sich an der Wahlbeteiligung gezeigt, dass Europa noch Thema ist in unserer Gesellschaft – allerdings anders, als es sich viele vorgestellt haben. Konsequenzen werden folgen. Ob es die richtigen sind, bleibt abzuwarten.
Exaudi … höre! So heißt dieser Sonntag. Und diese Bitte, dieser Aufruf, ja vielleicht sogar Befehl … richtet sich an Gott! „Vernimm, Herr, mein Rufen …“ … ich ergänze: Auch wenn ich dir vielleicht mit Dingen in den Ohren liege, die gegenüber den Problemen anderer nichtig erscheinen … auch wenn ich derzeit sauer bin und nur wütend schimpfen kann … auch wenn ich vielleicht sonst kaum Interesse an dir habe, aber jetzt deine Hilfe brauche … auch wenn du längst weißt, was ich von dir will … Denn wir müssen zugeben: Lobpreis und Dank sind wohl eher seltener unser Anliegen, wenn wir uns bei Gott Gehör verschaffen wollen. Versetzen wir uns einmal in seine Lage. (Tun wir ja gerne schon mal, wenn es um andere Dinge geht.) Würden wir das aushalten? Welch eine Geduld und Liebe muss jemand aufbringen, der nicht gleich alles beiseite wischt und sich davon bewegen lässt?! Da hat einer diese unendliche Liebe erfasst! Sie ist in allen Dimensionen unseres Lebens vorhanden, füllt komplett unseren Lebensraum aus. Doch bleiben wir beim Verstehen seiner Liebe nicht stehen! Eine Liebe, die zuhört, auch wenn es einmal weh tut. Exaudi … öffnen wir unsere Ohren … für ihn und für jene, die sich an uns wenden.
Einige geben sich nun der entspannenden Erholung hin. Ein Nickerchen ist angesagt - andere häkeln, stricken oder lesen in Kerstin‘s Reisetagebuch oder angesagten Reiseführern zu den Schönheiten Masurens. Es geht auf Ostpreußen zu ...
Während dessen linkerhand ein Gewerbegebiet: McDonalds „goldenes M“ wechselt sich mit „Roller“ und einem heimischen Baumarkt ab.... Vorbei an Kloster Neuzelle fahren wir der Grenze entgegen. Jetzt taucht zum ersten Mal Warschau am Straßenrand auf. Dann - links ein riesiger Windpark mit Hunderten Windrädern.
Um 12:00 Uhr dann eine 1/2 stündige Mittagspause in der Raststätte „Heller See“. Trotz aller landschaftlicher Schönheit Vorpommerns: der Magen fordert auch sein Recht. Es geht weiter: die Weiterfahrt ist angesagt. Und pünktlich 12:30 Uhr geht‘s los. Dann folgt des Pastors „Witze-Einlage“: gespannt verfolgt das Publikum die Anpassungen des Pastors an die jeweilige Situation.
Später folgt dann das pädagogisch angesagte Brückenzählen. Der oder dem Sieger ist ein Lorbeerkranz und ein Siegerkuss versprochenen.
Grenzübergang bei Frankfurt/Oder. Am Rastplatz nach der Grenze herrscht dann gespannte Unruhe - denn von 14:00 - 14:40 Uhr gibt es erst einmal Zeit „Zloty zu kaufen“ und die obligatorische Teepause zu absolvieren. 14.54 Uhr ist dann die erste Zahlstelle passiert und wir nehmen wieder Fahrt in Richtung Gniezno/Gnesen auf.
Dort angekommen erwarten uns die Abendandacht mit dem Erzbischof Prof. Dr. Muszynski. Leider kann Kerstin Harms - der anstehenden Konzertvorbereitungen im Dom geschuldet - nicht mit ihrer Trompete „in Aktion“ treten. Und anschließend kann noch ein kleiner abendlicher Spaziergang durch die Altstadt bei dem die müden Beine wieder auf Trapp gebracht werden. Der Kanzler des Erzbistums, Dr. Andrzej Bialczyk, begleitet uns. Nach kurzer Fahrt zum Hotel „W Starej Kamiency“ in der Gnesener Innenstadt, erfolgt die Zimmerverteilung, denn schon um 19:00 Uhr bittet das Hotel dann schon zum Abendessen.
Montag, 03. Juni 2019 (2. Tag)
Nach dem Frühstück werden die Koffer wieder verstaut, denn es heißt Abschied von Gnesen zu nehmen.
„Und das Hörgerät lag im Obstsalat!“ Kerstin Harms berichtet von amüsanten „Vergesslich-keiten“ aus 10 Jahren: vom fehlenden Koffer über einen 5000 € wertvollen Koffer bis zur fehlenden Garnitur der „Dritten“. Dann noch ein Appell zur Pünktlichkeit. Und weiter geht‘s mit einer Goldenen Hochzeit & der erforderlichen Sparsamkeit und „Ilses“ Pfiffigkeit.
11:00 Uhr unser Gästebegleiter erwartet uns schon am Parkplatz an der 1 km langen Brücke über die Weichsel. Die wunderschöne und bestens erhaltene Toruner Altstadt erwartet uns. Gäste-begleiter („der mit dem weißen Hut“) führt uns humorvoll durch seine Stadt. Ob am Dom (St. Johannes geweiht) dem Rathaus (heute ein Museum) oder beim Quizz zwischen den Gästen und ihm - immer wieder steht die kurze Zeit im Raum, die ihm und uns zur Verfügung stehen.
Schulklassen über Schulklassen begegnen uns. Alle nehmen - vor Schuljahresende - noch etwas bildende Heimatkunde in sich auf.
Um 12:00 Uhr verteilt Uwe, unsere gute Seele und Busfahrer dann die obligatorischen Würstchen – schon 12:22 Uhr geht es gestärkt weiter.
Und dann 13:30 Uhr: Ostpreußen ist erreicht - wir haben die Grenze zu Ermland/Masuren überschritten. Pastor Tegler berichtet nun von Willy Witt und der Geschichte seiner Fahrt nach Ostpreußen: Auf der Fahrt wird er seinerzeit plötzlich unruhig: der Verdacht auf Herzinfarkt bestätigt sich später leider, so dass auch die Rückfahrt später ohne ihn angetreten werden musste.
14:43 Der erste Storch wird gesehen – und so stimmen wir pünktlich um 15:00 Uhr „Fahr einmal nach Masuren“ von Bernstein an. Im Anschluss an das gemeinsame Singen erzählt - nein berichtet - Pastor Tegler aus seinem Lebensweg.
Wenige Kilometer vor Mragowo haben wir dann die Abendandacht. Pfarrer Mutschmann ist ebenfalls bei der Andacht von Pastor Tegler anwesend und entbietet seine Grüße.
Zimmereinteilung und Abendessen verlaufen dann ebenso unspektakulär wie das abendliche Füße vertreten.
Dienstag, 04.06.2019 (3. Tag )
Nach Pastor Teglers Morgenandacht zur Tageslosung aus Mose schließen wir nach dem Lied „Gott ist die Liebe“ mit Luther‘s Morgenssegen.
Święta Lipka (Heiligelinde) Im bekanntesten polnischen Marien-Wallfahrtsort Święta Lipka (Heilige Linde) werden wir in perfektem Deutsch geführt. Die Kirche und das Kloster der Jesuiten in Święta Lipka gelten als einer der wertvollsten Barockkomplexe im Land und einer der wichtigsten Pilgerorte Nordpolens. Der Papst erhebt sie 1983 in den Rang einer Basilica minor.
Das Innere der Kirche ist reich verziert, unter anderem mit einem Gemälde an der Decke, in den Jahren 1722 bis 1727 gefertigt von Matthias Johann Meyer. Das Gewölbe im Presbyterium und das Hauptschiff ist mit Bildern geschmückt. Zur sonstigen Ausstattung der Kirche gehören der Hauptaltar von 1712 bis 1714, die Arbeit von Christoph Peucker. Im Hauptaltar befindet sich ein 1640 von Bartholomäus Pensa gemaltes Bild der Muttergottes. Der Königsberger Goldschmied Samuel Grew stellte silberne Tabernakel her.
Die Bilder der anderen acht Altäre fertigte unter anderem Martin Altomonte an. In der Kirche wird eine 1652 gefertigte Kopie der Schnitzfigur „Unserer lieben Frau“ zusammen mit einem symbolischen Lindenstamm gezeigt. Das auch Gnadenbild genannte Kunstwerk wurde im Jahr 1968 gekrönt.
Die dreischiffige Basilika und das gesamte Klosterensemble wirken auf mich überwältigend. Vor allem die farbige Fassade mit den zwei hohen Türmen, eingebettet im Grün der Vegetation, hat etwas Luftiges. Beim Eintritt in den Kirchhof bewundere ich das schöne, im 18. Jahrhundert meisterhaft angefertigte Tor – das Werk eines Schmiedes aus dem nahen Rössel. In den Nischen der Kapellen und in der westlichen Seite des Kreuzganges stehen vierundvierzig Steinfiguren, die sogenannte Ahnentafel Christi. Ganz in der Tradition der Jesuiten ist die Basilika mit theatralischen Elementen wie illusionistischen Wand- und Deckenmalereien (die prächtigen Wandmalereien stammen von Matthias Meyer) ausgestattet. Die dreischiffige Basilika 1687/1693 von dem gebürtigen Tiroler Georg Ertly erbaut, beeindruckt mit ihrer prachtvollen Ausstattung. Mit dem „ehrsamen nahmhaften Herrn Georg Ertly, Bürger und Maurer in Wilda“ (damaliger Name der Stadt Wilna (Vilnius) wird 16. März 1688 einen Bauvertrag vereinbart. Ertly stammte aus Tirol und war langjährig in Vilnius tätig. 1730 erhält die Kirche dann ihre barocke Fassade.
Die Attraktion stellt das originellste Meisterstück - die berühmte Barockorgel - dar. Ein wahres Prachtstück diese Orgel, die von 1721 stammt und vom Königsberger Orgelmeister Johann Josua Mosengel geschaffen wurde. Sie ist mit Engelsfiguren verziert, die sich während des Spiels lebhaft bewegen. Die bekannte Orgel entstand 1719 bis 1721. Das Instrument verfügte auf drei Manualen und Pedal über 40 Register. Von ihr ist heute allerdings nur noch der von Christoph Peucker erschaffene Prospekt erhalten, in dem eine Vielzahl von beweglichen Figuren eine Verkündigungsszene darstellen. Das Orgelwerk selbst wurde 1905 durch einen Neubau der Werkstatt Göbel, Königsberg i. Pr., mit 36 Registern auf zwei Manualen und Pedal ersetzt, das im Jahr 2009 durch die Werkstatt Westfälischer Orgelbau Sauer restauriert wurde. Im 20. Jahrhundert waren die beweglichen Figuren des Gehäuses für mehrere Jahre nicht mehr funktionsfähig. Erst um 1990 gelang es Spezialisten, die Mechanik für die beweglichen Figuren (Maria, Engel, Trompeter) wieder in Gang zu setzen.
Außerhalb des Kreuzganges und neben der Kirche befindet sich ein Gedenkstein zu Ehren des berühmten Komponisten Feliks Nowowiejski (1877–1946), der als Klosterschüler in Heiligelinde war. Darüber hinaus verweist ein gestalteter Granitfindling darauf, dass hier der Jakobsweg entlang führt.
Święta Lipka als Gesamtensemble gilt als "Perle des Barocks". Eigentlich würde man vermuten – diese neben Frauenburg berühmteste Kirche des Ermlandes – nicht im früher hauptsächlichen protestantischen Masuren zu finden. Wie fast alle Wallfahrtsorte hat natürlich auch Święta Lipka schöne Legenden parat.
Die Ursprünge des Kults von Unserer Lieben Frau von Heilige Linde (polnisch Święta Lipka) gehen zurück auf eine Sage aus dem 14. Jahrhundert. Sie berichtet von einem in Rastenburg Verurteilten, der auf Intervention von „Unserer Lieben Frau“ eine aus Holz geschnitzte Figur ihres Kindes anfertigte. Nachdem er wegen dieser Skulptur freigelassen wurde, hängte er die Figur an eine Linde auf dem Weg von Rastenburg nach Rößel. Viele Wunder sollen sich in der Folge um die Statue des Marienkindes ereignet haben. Jedoch weist der Begriff „Heilige Linde“ weiter zurück in die Vergangenheit: nämlich auf einen heidnischen Kultplatz der Prußen. Die Linde war das Symbol der Göttin Puskaite, einer Göttin für Fruchtbarkeit und Getreide, der zu Ehren im Frühjahr und im Herbst Feste veranstaltet wurden. Im Laufe der Zeit wurde eine Kapelle rund um den Baum mit der Schnitzfigur errichtet. Die Priester der Kapelle dienten dem Deutschen Orden in Rastenburg. Die ältesten Informationen über die heilige Linde sind in Dokumenten des Domkapitel von Płock enthalten. In einer Erlaubnis des Hochmeisters des Deutschen Ordens, Johann von Tiefen, von 1491 zur Einrichtung einer Gaststätte ist die Kapelle genannt. Wegen der überlieferten Wunder fanden sich immer mehr Wallfahrer bzw. Pilger nach Heiligelinde ein. Auch der Hochmeister des Deutschen Ordens, Albrecht von Brandenburg-Ansbach wallfahrte hierher.
Nach der umfangreichen Erläuterung der Gästeführerin Elisabeth Marko zu Kirche und Kloster hören wir Orgelmusik gespielt von einem jesuitischen Bruder u.a. mit Vivaldi und Joh.Seb. Bach.
Kurz zusammengefasst: Święta Lipka.
• Erbaut 1687/1693 von Georg Ertly (geboren in
Tirol)
• Prächtige Wandmalereien von Matthias Meyer
• Orgel von 1721, von Josua Mosengel. Umbau 1905
• Hauptaltar von K. Peuker, 1712/1714
Die dreischiffige Basilika gehört neben Frauenburg zu den berühmtesten Kirchen des Ermlandes. Eine prächtige barocke Wallfahrtskirche mit angebautem Kloster, die man hier, im früher hauptsächlich protestantischen Masuren / Ostpreußen, nicht vermutet, sondern eher im südlichen Europa. Jährlich pilgern tausende von Gläubigen zu der von Sagen und Wundern umwobenen Kirche. Für die Bewohner eines Altersheimes (auch mit Geflüchteten), die nach dem Krieg verhungerten, wurde 2015 ein Mahnmal errichtet.
Über die ermländisch-masurische Grenze kommen wir ins nahe Rössel (Reszel), ein kleines, verträumtes, reizvolles Städtchen, das auf einem Hügel liegt und seine ursprüngliche Altstadtanlage bewahrte. Das ermländische Städtchen gilt als Eingangstor nach Masuren. Am sechs Kilometer langen Abschnitt des sogenannten Pilgerweges von Święta Lipka nach Reszel werden 1733 fünfzehn barocke Rosenkranzkapellen gebaut. Rössel kommt im 20. Jahrhundert zur Blüte. Heute leben ca. 5000 Einwohner, wobei die Arbeitslosigkeit hoch ist, wie uns berichtet wird. Sie beträgt ca. 20 % - in Allenstein dagegen nur 3 %
1347 hatten sich Augustinermönche niedergelassen, die in der Nähe der Burg ein kleines Kloster und die Johanniskirche errichteten. 1353 ging die Stadt in das Eigentum der Bischöfe von Ermland über. Von 1373 bis 1401 wurde eine Stadtmauer mit Wehrtürmen errichtet.
1632 übernahmen Jesuiten das seit über hundert Jahren verlassene Augustinerkloster und richteten dort ein Kolleg ein, das in den ersten Jahren 15 Schüler kostenlos unterrichtete. Aus ihm entwickelte sich später ein staatliches Gymnasium – wird uns berichtet. 1772 kam Rössel im Ergebnis der ersten Teilung Polens zusammen mit dem gesamten Fürstbistum Ermland zum preußischen Staat.
Im Mai 1806 wird Rössel durch einen großen Brand zerstört, in dessen Folge sie fast ganz neu aufgebaut werden muss. Die ebenfalls zerstörte Burg überlässt der preußische König Friedrich Wilhelm III. der evangelischen Gemeinde, die sich dort nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel eine Kirche und Wohnungen für Pfarrer und Kantor errichtet. Insgesamt dauert der Wiederaufbau der Stadt bis 1840.
Erwähnenswert noch: Der Brand wird ungerechtfertigter Weise der Magd Barbara Zdunk angelastet, die ihn durch Zauberkraft entfacht haben soll. Sie ist eine der letzten „Hexen“ die – nach Folter und Geständnis – verbrannt wird. Im Jahr 1811 findet hier in Rössel die letzte Vollstreckung eines Todesurteiles durch Verbrennung. Hexenverbrennung ist eines der ganz dunklen Kapitel der Zeit.
In der Burg sind entsprechende Marterwerkzeuge ausgestellt. Vorbei an der ursprünglichen Kirche der Augustiner und späterem Jesuiten-Kolleg, heute ein griechisch-orthodoxes Gotteshaus, überqueren wir zu Fuß eine, für unseren Bus gesperrte, mittelalterliche Brücke über die tief unter uns fließende Zaina (Sajna). Das Stadtgebiet selbst befindet sich über den Steilhängen des Ufers der Zaina (Sajna), einem Flüsschen, das an der Stadt vorbeifließt.
Am südlichen Rand der Stadt entsteht in den Jahren von 1360 bis 1381 eine dreischiffige Hallenkirche, die heutige Pfarrkirche St. Peter und Paul. An Apotheke (Apteka) und Rathaus vorbei gehen wir zur katholischen St. Peter und Paul-Kirche.
Wir besuchen diese Kirche aus dem 4. Jahrhundert, die wahrlich eine Besichtigung wert ist. Trotz der anstehenden Vorbereitungen auf Pfingsten empfängt uns der katholische Priester, (Prälat Wiyrostik). Ihn kennt Pastor Tegler seit 50 Jahren. Er gibt Erläuterungen zur Kirche und allgemein zur Situation. Im August wird er nach Hamburg kommen. Hier in der Kirche bläst Kerstin Harms dann auch wieder ein Stück (Czarner Madonna) auf der Trompete.
Bevor wir nun aber aufbrechen, steht natürlich noch der Besuch der Burg - mit angeschlossenem Gruselkabinett – an. Dann stehen wir vor der größten Attraktion – der alten Bischofsburg – einem massiven Backsteinbau mit einer dicken runden Bastei – mit 126 gezählten ungleichmäßigen Turmstufen - einem schlanken neugotischen Türmchen und einem mächtigen rechteckigen Tor, das zum kleinen, kopfsteingepflasterten Innenhof führt. Die Burg wird im 14. Jh. errichtet und ist über mehrere Jahrhunderte Eigentum der Bischöfe von Ermland. 1780 wird sie vom Bistum aufgegeben. Die Burg behält bis heute überwiegend ihre ursprüngliche Form und gilt als Musterbeispiel gotischer Verteidigungsbauten. Seit 1945 beherbergt die Burg in einem „Anbau“, der ehemals die evangelische Kirche war, eine interessante Kunstgalerie. Es gibt ein Café und Gästezimmer. Vom Turm aus bewundern wir den weiten Blick über das Stadtpanorama.
Nun hält uns bei der Hitze aber niemand mehr vom anschließenden Besuch eines Eiscafe‘s, in dem auch Bier feil gehalten wird, ab.
Jetzt steht unser „Kurzbesuch“ in Warpuhnen (Warpuny) steht bevor. Die Gründung des Ortes Warpuhnen im Quellgebiet der Kruttinna, geht auf den 22. Hochmeister des Deutschen Ordens, Winrich von Kniprode zurück.
Der evang.-luthersche Gottesdienst findet zunächst in den Schulen von Warpuhnen und den umliegenden Orten statt. Am 17. Juni 1881 erfolgt dann die Grundsteinlegung für das neue Kirchengebäude, das am 08.08.1882 eingeweiht wird. Der Gottesdienst wird auf Deutsch und Polnisch bzw. Masurisch gehalten, was die örtliche Bevölkerung damals überwiegend spricht. Gottesdienste auf Masurisch finden bis zum Verbot des Masurischen als Kirchensprache Ende 1939 zuletzt – wegen der Verdrängung des Masurischen durch das (Platt-)Deutsche – nur einmal monatlich statt. Ab 1945 dürfen Gottesdienste nur noch auf Polnisch abgehalten werden, allerdings – wird berichtet - ließ es sich die Gemeinde nicht nehmen, die Kirchenlieder weiter auf Deutsch zu singen. Die seelsorgerische Betreuung erfolgt von Sorquitten aus durch die Pfarrer der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen (Kościół Ewangelicko-Augsburski w Polsce). Durch - die seit 1957 möglich gewordene - Aussiedlung sinkt die Gemeindegliederzahl allerdings dann drastisch und hat zum Amtsantritt von Pfarrer Krzysztof Mutschmann 1986 nur noch 16 Gemeindeglieder. Entsprechend schwierig gestalten sich Nutzung und Erhalt der heute zur Diözese Masuren (Diecezja mazurska) gehörenden Kirche. Als Folge von Krieg, Flucht, Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung existiert im heutigen Warpuny (anders als im nahegelegenen Sorkwity) keine eigene evangelische Gemeinde mehr. Die Kirche stellt mit ihrer originalen Bausubstanz, erhaltenen Ausmalung und Innenausstattung jedoch ein einzigartiges bauzeitliches Zeugnis des, in der Tradition der Schinkelschen Bauschule stehenden, staatlich preußischen Kirchenbaus im späten 19. Jahrhundert, dar. Sie wird seinerzeit als staatliches Bauwerk durch das Preußische Ministerium für öffentliche Arbeiten ausgeführt und dürfte deshalb auf Entwürfen des Kirchenbaurats Friedrich Adler beruhen. Adler, Absolvent der Schinkelschule, prägt als langjähriger preußischer Kirchenbau-Dezernent maßgeblich das gesamte preußische Sakralbauwesen des späten 19. Jahrhunderts. Nach seinen Skizzen und Entwürfen entstehen mehr als 300 Kirchenbauten, u.a. so prominente wie die Jerusalemer Erlöserkirche, die St. Peter u. Pauls-Kirche in Bromberg (Kościół pw. Piotra i Pawła, Bydgoszcz) und die Berliner Thomas-Kirche.
Landschaftsprägend wird der Warpuhner Kirchenbau auf einer, zum Großen Sonntagschen See hin abfallenden Anhöhe, nach den formalen Vorgaben des richtungsweisenden Eisenacher Regulativs von 1861 errichtet. (Ostung der Kirche, länglicher rechteckiger Grundriss, gotische Formensprache, erhöhter Altarraum usw.) Die Spitze des achteckigen gotischen Turmhelms ist von einer Weltkugel unter dem Kreuz bekrönt.
In dieser schönen evangelischen Kirche in Warpuhnen wird Pastor Tegler getauft, konfirmiert und getraut. Und hier wird auch seine älteste Tochter getauft.
Da die Kirche heute ohne Gemeindeglieder ist, war sie bis vor kurzem dem Verfall preisgegeben. Dankenswerter Weise findet dann auf Initiative des Vereins der „Freunde Masurens“ am 24. April 2016 ein feierlicher Festgottesdienst zum 150. Gründungsjahr des Kirchspiels statt. Für die Erhaltung der Kirche setzen sich Pastor Tegler und die Mitglieder des Vereins „Freunde Masurens“ seit Jahren ein. Welche Freude also, dass heute mit Dr. Susanne Borrek, eine Teilnehmerin der Reise, unseren Gesang auf einer tragbaren Heimorgel begleitet. Und so kommt Kerstin Harms fast ins Schwärmen: eben hat sie die Kosten für das Dach der Kirche und die Orgelrenovierung erhalten. Und alles ist deutlich günstiger als erwartet – auch wenn es natürlich immer noch viel Geld ist. Und so findet nicht nur Kerstin Harms: diese Kirche und ihre Orgel verdienen es, erhalten zu werden. Die (katholische) Bürgermeisterin des Ortes, Justyna Gałka, schaut mit einem ihrer Kinder vorbei. Und natürlich wird die schöne neue Kirchentüre aus 2017, vom katholischen Priester gesegnet, allseits bewundert.
Dann steht die angekündigte Kutschfahrt an - verbunden mit reichhaltigem Abendessen und Tanz sowie der legendären „Masurischen Hochzeit“, die mit großer Spannung erwartet wird. Am Abend starten wir also (mit 45 Minuten Verspätung, da der polnische Bus verspätet kommt) - es geht in die Puszcza Piska (Johannesburger Heide). Die letzten Meter fahren wir dann auf einem holprigen Feldweg voll Erwartung in Richtung Johannesburger Heide. Dort soll eine „Masurische Hochzeit“ angesagt sein. Zwischenzeitlich - wir sind auf einer kleinen Lichtung angekommen - werden wir von EULALIA empfangen. Die temperamentvolle Eulalia bringt uns auf ihren Reiterhof gebracht. Sie erläutert hier ihre Stiftung – die aus einer Art Gnadenhof besteht, der sich der Betreuung von Tieren widmet.
Bald setzt Akkordeonmusik ein und zu den rhythmischen Schlägen des Schlagzeugs eröffnet das „Brautpaar“ den Tanzreigen. Brauttanz mit Ausschwärmen, Hexentanz, Babywalk und Polonaisen, nebst Volkstanzeinlagen, runden im weiteren Verlauf des Abends die masurische Hochzeit erlebnisreich ab. Nach dem opulenten Mahl und diversen Tanzrunden und Polonaisen geht der Abend zu Ende. Im Hotel angekommen, geht es nach einer umfänglichen Vermahnung direkt ins Bett. Die Brautleute sind dann – zur Vermeidung evtl. Komplikationen - rechtzeitig wieder „zwangsgetrennt“ worden.
Mittwoch, den 05. Juni 2019 (4. Tag)
Trotz der kurzen Nacht - pünktlich um 08:00 Uhr verlassen wir Mragowo. Auch heute Morgen geht es wieder in die Johannesburger Heide. Nunmehr allerdings in Richtung Eckersdorf zum Philippinendorf Wojnowo mit dem (ehemaligen) Kloster der „Heiligen Dreifaltigkeit“, das unweit des 300-Seelendorfes Ukta liegt. Das 1847 gegründete Nonnenkloster liegt unmittelbar am Ufer des Drusensees.
Eine informative Beschreibung von Pastor Tegler, die Besichtigung der Philipponen-Kirche, des Klostergeländes und des Friedhofes runden ein Bild aus den vergangenen Tagen der russischen-orthodoxen Glaubensflüchtlinge ab. Erinnerungen an Glaubensflüchtlingen die aus Italien und Frankreich nach Württemberg und Preußen kamen werden wach.
Um 10:00 Uhr starten wir dann unsere 2 1/2-stündige Schifffahrt in Rudczanny-Nieden (Ruciane-Nida) nach Mikolajki (Nikolaiken).
In Nikolaiken findet sich der Großteil unserer Gruppe – nach einem kurzen „Füße vertreten“ alsbald beim Mittagessen wieder. Da um 15:00 Uhr die Abfahrt an der schönen lutherischen Kirche angesagt ist, waren viele bereits mit dem Bezahlen beschäftigt, als wir von einer kurzen, dafür aber nicht weniger heftigen Schauer überrascht wurden. Trotz allem bleibt noch Zeit für die Besichtigung der schönen evangelischen Kirche.
Für Kerstin Harms wurde es nun aber Zeit sich von ihren Patenkindern zu trennen: Wer da vor Glück mehr strahlte - Kerstin oder die Kinder - war schwer auszumachen. Der Abschied jedenfalls war herzlich und die Geschenke von Tante Kerstin werden sicherlich noch lange Freude bereiten.
Wieder im Hotel angelangt, gab es zum Abendessen noch einen kurzen Ausblick auf den nächsten Tag und die jeweils geplante Aktivität.
Donnerstag, der 06. Juni 2019 (5. Tag)
Für die größte Gruppe - die LitauenfahrerInnen - beginnt der Tag frühmorgens mit einem Kaffee (oder Tee) und dem Abholen des Lunchpaketes – allerdings ohne den Pastor, der „vor-Ort“ bleibt und die verbliebenen TeilnehmerInnen betreut. Kerstin darf nur einen Mitfahrer persönlich wecken, um auch ihm die Teilnahme an der Fahrt zu ermöglichen. Überpünktlich treten wir die Abfahrt nach Litauen an.
Um kurz vor 10 Uhr treffen wir an der Grenze ein. Und nun sind auch wieder in der €uro-Zone angelangt. Dann haben wir wieder eine Teepause. Die Damen belagern die Herrentoilette – da es keine Damentoilette gibt. Die Kavaliere lassen Ihnen klaglos den Vortritt.
Litauen zeigt sich nun von bester Seite: eine wunderschöne Autobahn - ohne Baustellen - begleitet uns über viele Kilometer ... Kurz vor Klaipedia - es kommen alle ins Schwitzen und wissen nun weshalb man auch in Omnibussen angeschnallt sein soll - wendet unmittelbar vor uns ein PKW: Der Busfahrer kann gerade noch so abbremsen, dass er auf der 3-spurigen Autobahn ganz rechts vorbeisteuern konnte. Horror und Diskussion pur.
Dann erreichen wir Neringa, eine Selbstverwaltungsgemeinde auf der kurischen Nehrung, die sich über 50 km erstreckt. Die Kurische Nehrung wurde 1991 nach der Unabhängigkeit Litauens zum Nationalpark erklärt.
Ganz im Süden der kurischen Nehrung – rund 1,5 km vor der russischen Grenze – kommen wir in die „Hauptstadt“ Nida (Nidden) und übernachten im Hotel Nidos Banga. Zuvor allerdings wird die Nehrung besichtigt. Läuft man wie wir das tun – der Strandpromenade entlang – so kommt man unweigerlich zun Hafen von Nida und an einem der vielen Lokale vorbei.
Ein Teil der Gruppe kann noch mit dem Mann unserer Reiseleiterin eine Bootsfahrt machen, welche die TeilnehmerInnen sichtlich begeistert. Aber auch die ins Hotel Zurückgewanderten verbrachten da einen schönen Abend. Sabine und ich verbringen mit dem Pfarrers-Ehepaar Thea und Heinrich Reimann einen wundervollen Abend.
Freitag, den 07. Juni 2019 (6. Tag)
Heute Morgen besuchen wir ein besonderes „highlight“: die Künstlerkolonie Nidden, die eine bedeutende Künstlerbewegung in Ostpreußen. Durch seine exponierte Lage auf der kurischen Nehrung zwischen Ostsee und Kurischem Haff zieht Nidden viele auswärtige Maler und Literaten an. Die Künstler kehren in Nidden – in dem seit 1867 bestehenden Gasthof – bei Hermann Blode ein, der zum wichtigen Mäzen wird. Bei Blode wohnt auch Lovis Corinth, der 1893 den Friedhof von Nidden malt. Als das „Memelland“ zum Deutschen Reich „zurückkehrt“ wurden die meisten Kunstwerke als „Entartete Kunst“ eingestuft. Ernst Mollenhauer, Blodes Schwiegersohn, hat versucht den Geist der Künstlerkolonie zu erhalten. Soldaten der Roten Armee zerstören dann 1945 die einmalige Sammlung Blodes. 1967 wird in dem ehemaligen Stallgebäude des abgerissenen Hotels ein Hermann-Blode-Museum eingerichtet. Der Besuch dieser „kleinen Ausstellung“, der die Geschichte der Künstlerkolonie Nidden darstellt, ist wirklich eindrucksvoll.
Die eindrucksvolle Dünenlandschaft, welche die Künstler nach Nidden lockte“, ist unser zweiter Tagespunkt: Die 53 Meter hohe Parnidis-Düne (Hohe Düne oder Große Düne), eine der größten Wanderdünen Europas. Sie ist einfach riesig und wirklich faszinierend. Wir haben von einer schönen Aussichtsplattform – mit einer Sonnenuhr aus Granit und einem Obelisken - einen tollen Ausblick auf das kurische Haff: ein wunderschöner Ort. Wasser, Sandberge und Kiefernwälder soweit das Auge blickt. Ihre östlichen Hänge fallen direkt ins kurische Haff ab. Leider verliert sie aufgrund menschlicher Einflüsse (unerlaubtes Klettern) und aufgrund von Erosionsfortschritt an Höhe, weshalb sie auch nicht (mehr) begangen werden kann.
Wenige Meter weiter besuchen wir in Nida das Thomas-Mann-Kultur-Zentrum (seit 1996 ein litauisch-deutsches Kulturzentrum), das sich im ehemaligen Wohnhaus von Thomas Mann befindet und ihm gewidmet ist. Im Sommer 1929 verbringt Thomas Mann mit seiner Familie - nach einem Aufenthalt in Königsberg - Ferientage in Rauschen, die mit einem Kurzbesuch in Nidden verbunden sind. Mann war von der Schönheit der Landschaft so begeistert, so dass er dem Memeler Architekten Herbert Reissmann den Auftrag zum Bau und Möblierung eines Sommerhauses auf dem “Schwiegermutterberg“ gibt. Der dortige Ausblick bietet Thomas Mann den – von ihm so genannten – Italienblick auf das Kurische Haff. Thomas Mann kann allerdings nur die Sommerferien 1930 – 1932 - vor seiner Emigration 1933 – hier verbringen. In Nidden schreibt er seine Roman-Tetralogie „Joseph und seine Brüder“. Das Sommerhaus wird so zu einer weiteren Werbung für Nidden, das bereits durch seine Künstlerkolonie bekannt geworden ist. Als Thomas Mann dann - in einem Paket - ein verkohltes Exemplar des Romans „Buddenbrooks“ übersandt wird, jenen Roman für den er 1929 den Literatur-Nobelpreis erhalten hat, hat der Nationalsozialismus auch Nidden erreicht. Der Maler Ernst Mollenhauer betreut das Haus noch bis 1939 – Thomas Mann betritt das Haus nie wieder. 1939 wird das Haus von Hermann Göhring beschlagnahmt und in Jagdhaus „Elchwald“ umbenannt.
Zu gern hätte ich noch das Denkmal für Ännchen von Tharau aufgesucht, denn Ännchen hat wirklich gelebt. Heute steht im litauischen Klaipėda (Memel) der Simon-Dach-Brunnen, der auch das Ännchen von Tharau darstellt. Der Dichter und Professor für Poetik Simon Dach hat, sein im samländischen Niederdeutsch gehaltenes Lied geschaffen, das mit dem Vers anhebt: „Anke von Tharaw öß, de my geföllt / Se öß min Lehwen, min Goet on min Gölt.“ Er schreibt sein „Ännchen von Tharau“ 1633 aus Anlass der Hochzeit der 19-jährigen Tharauer Pfarrerstochter Anna Neander mit dem jungen Pfarrer Johann Portatius. Klaus Bednarz schreibt in seinem Buch „Fernes nahes Land – Begegnungen in Ostpreußen“, dass Simon Dachs berühmtestes Lied, vertont von dem Schwaben Friedrich Silcher, heute zum Repertoire jedes deutschen Männerchores gehört. Die wenigsten, die es voll Inbrunst und zuweilen auch Rührseligkeit singen, wissen, dass es die Heldin des Liedes tatsächlich lebte, denn seinen Siegeszug sollte das Lied - über den Königsberger Raum hinaus - erst antreten, als der Ostpreuße Johann Gottfried Herder es ins Hochdeutsche übersetzt und in seine Sammlung von Volksliedern aufnimmt. Aber leider gilt es eine lange Heimfahrt zurück zu legen. Am späten Abend kehren wir wieder nach Mragowo zurück.
Samstag, den 08. Juni 2019 (7. Tag)
Wir fahren mit einer knappen halben Stunde Verspätung vom Hotel los, denn Pastor Tegler wartet noch auf die telefonische Bestätigung eines heutigen Termins. Pastor Tegler wird später die heutige Morgenandacht am Seeufer in der Nähe des Wiechert´schen Hauses halten. Zuvor aber singen wir DANKE und Pastor Tegler betet und spricht uns Luthers Morgensegen zu. Nach der Besichtigung der Gedenkstätte fahren wir einige Meter um dann einen kleinen Spaziergang zu den Gräbern von Meta Wiechert und dem früh verstorbenen Sohn Ewald. Dort legen wir einen schönen Strauß Wiesenblumen am Grabstein Metas nieder. Nach der Andacht unmittelbar am wunderschönen See, wandern wir zurück zum Omnibus. Schwer können wir uns hier trennen.
Das Forsthaus ist heute ein kleines Ernst-Wiechert-Gedenkhaus. Durch die liebevoll ausgestellten zahlreichen Gegenstände aus dem Privatbesitz Wiecherts und die vielen alten Buchausgaben des masurischen Schriftstellers atmet das Holzhaus noch etwas die Vergangenheit Masurens.
In der Erzählung aus „In der Heimat“ lässt er uns die letzte Fahrt mit seinem Vater noch einmal erleben und zeigt, wie eng der Vater mit der Natur und seinem Wald verbunden war. Nicht nur mich hat dann allerdings die Darstellung und Begründung seiner ehelichen Verfehlungen irritiert. Jedenfalls kann ich die Schuldzuweisung nicht akzeptieren: Gott hat jeder und jedem den freien Willen gegeben.
Ernst Wiechert mache nie einen Hehl aus seiner Abneigung dem Nationalsozialismus gegenüber. Verhaftung und Deportation ins KZ Buchenwald waren die Folge. Er verbleibt dort zwar nur zwei Monate (Angeblich hat sich Reichsminister Hermann Göring, als großer der Literatur Wiecherts Literatur, für dessen Freilassung eingesetzt), wird aber anschließend unter Bewachung und Demütigung nach Berlin geholt. Bis zum Kriegsende im Jahr 1945 steht Wiechert und Aufsicht der Gestapo. Im Jahr 1948 siedelt er in die Schweiz über, wo er zwei Jahre später verstarb. Er wird auf dem Friedhof in Sträfe am Zürichsee begraben.
Während der Fahrt durch den Buchen-Mischwald gibt Pastor Tegler ausführliche Hinweise zum nun folgenden Besuch des Philipponendorfes bzw. des dortigen Friedhofs oder als Alternative den Besuch des Salons von Marion Gräfin Dönhoff. Der Salon befindet sich im historischen Bau, der aus dem 19. Jahrhundert stammt und von Graf Potoki rekonstuiert wird. Im Salon der Gräfin gibt es zwei Gedenkstätten: Die eine ist dem Wirken und Leben Marion Gräfin Dönhofs gewidmet, die Andere beschreibt Geschichte und Schönheit Masurens.
Dann geht es unmittelbar weiter zur Fahrt mit den Pferdewagen durch Wiesen und Wälder nach Krutynia (Krutinnen). Bald heißt es Zaprasza (Herzlich Willkommen) im Gasthaus Karczma. Das Gasthaus liegt unmittelbar an der Kruttina und so haben wir vor und während unseres Mittagsmahles noch Unterhaltung durch die badenden Kinder.
Nach dem Mittagessen machen wir dann einen „naturkundlichen Spaziergang“ durch den „Masurischen Nationalpark“. Ekkehard Rudnick – ein echt ostpreußisches Original - führt uns vorbei an „verliebten Bäumen“, Mooren und diostrophen Seen, die – so erfahren wir - durch die meist abflusslosen Senken inmitten von Moränenhügeln entstehen. Ein solch diostrophes Moor und sein mooriger Lebensraum bildet Stillgewässer mit braungefärbtem Wasser. Die Einfärbung entsteht durch sogenannte Huminsäuren, welche durch Auswaschung oder Zersetzung von Pflanzenmaterial im Untergrund oder angrenzenden Mooren entstehen; der Teich-/Seeuntergrund ist folglich meist pflanzlichen Ursprungs. Als Folge haben solche Gewässer auffallend niedrige ph-Werte - sind also "sauer" und damit „weich“. In diesen Moorgewässern sind – so hören wir – die auf extrem nährstoffarm spezialisierten, seltenen Arten (z.B. Moorlibellen) zu finden, da sie hier einen – für sie günstigen - Lebensraum geboten bekommen. Nur diese Tierarten können solch extrem saure huminsäurereichen Lebensräume besiedeln. Als Pflanzenarten treten neben mehreren Torfmoosarten z.B. Wasserschlauch-Arten Schnabelriede, Wollgras und Sonnentau-Arten auf. Die Libellen und die für die Moorarten typischen Moosjungfern, gefleckten Smaragdlibellen, die Torf-Mosaikjungfern oder die Schwarze Heidelibelle begeistern manche regelrecht. Die im Wald vorkommenden Luchse allerdings verbergen sich – als Einzelgänger – natürlich vor uns. Ekkehard Rudnick berichtet noch von einem 220 kg schweren Keiler, den es hier gab - der aber zu groß war und keine Konkurrenz zuließ. Weiter erzählt er noch von der großen Welspopulation – aber auch von der starken Zunahme von Bibern berichtet er. Neben den Schäden an den Bäumen sind die Biber auch verantwortlich für Schäden durch Überschwemmungen. Und dass Kormorane täglich 1,5 Kg Fisch benötigen – und es gibt nicht wenige davon. Der Fischfang ernährt aber auch die einheimische Bevölkerung was natürlich zu einer Problemanzeige führt.
Nun – es ist Zeit geworden - besteigen wir die Kähne und werden eine gute Stunde lang auf der romantischen Kruttinna, dem schönsten Fluss Ostpreußens, der „Perle Masurens“, gestakt. Es ist ein Erlebnis, wie die Boote ruhig durchs Wasser gleiten. Die Krutynia, die Königin der masurischen Flüsse, wie sie auch genannt wird, mäandert durch die Wälder der Puszcza Piska. Abends steht noch die Westernstadt „Western City Mrongoville“ in Mragowo (Sensburg) auf unserem Programm. Zu dieser Zeit sind wir die einzigen Besucher auf dem Gelände. Es wird zum Tanze aufgespielt. Dies und ein erfrischendes Bierchen ist, was über den einsetzenden Regen etwas hinweg tröstet. Aber irgendwie machen wir einen verlorenen Eindruck in dieser leeren Western City.
9. Juni 2019 Pfingsten (8. Tag)
Am heutigen Pfingstsonntag fahren wir zum Festgottesdienst in die evangelische Kirche in Slorkwity (Sorquitten). Die Kirche ist schön gelegen – oberhalb des Gehlandsees (Jezioro Gieladzkie). Erstmals 1470 wird die Kirche erwähnt. Die zunächst strohgedeckte Fachwerkkirche wird um 1600 durch eine barocke Steinkirche ersetzt. Die von den Gutsherren gestiftete chorlose Feldsteinkirche dient auch heute noch der evangelischen Glaubensgemeinschaft in Sorquitten und der weiteren Umgebung. Den Turm errichtet man 1701 - 1712. Bei Umbauten 1750 - 1777 setzt man die halbrunden Fenster und das auf kleine Säulen gestützte Tonnengewölbe innen ein und seitdem hat sich das äußere Erscheinungsbild der Kirche nicht mehr gewandelt. Wesentliche Teile der Innenausstattung stammen von Isaac Riga (um 1701), so die umgestaltete Kanzel von 1694 und der schwebende Taufengel. In der Predella auf dem Altartisch ist das Letzte Abendmahl dargestellt. Der zentrale Teil stellt Golgatha dar. Hier sind auch charakteristische Merkmale für Sorquitten zu sehen: die Fischer und Bauern sowie das Gutshaus der Patronatsherren von Sorquitten vor dem Umbau von 1855-1856 durch Julius von Mirbach und die Patrone der Kirche zu beiden Seiten, links Moses und rechts Aaron. Im Altaraufsatz ein Relief: Die Grablegung, daneben die Figuren der Evangelisten Markus und Lucas. Der Taufengel von 1701 wird von Georg Dietrich von der Groeben gestiftet. Er kann bei Bedarf mit einem Seilzug von der Decke herabgelassen werden. Das Barockkruzifix aus dem Jahre 1710 ist das Werk des örtlichen Pfarrers Johann Riedel (1671 - 1737). Beim Kruzifix das 1945 teilweise zerstört wird, handelt es sich dabei um ein sog. Pestkreuz zur Erinnerung an die Pest, die 1709-1710 im Sorquitter Kirchspiel gewütet hat. Die Orgel stammt aus dem Jahre 1876. Es handelt sich um eine Sauer-Orgel der Orgelbauwerkstatt Sauer in Frankfurt an der Oder. Ihre Restaurierung wird im Jahr 2010 abgeschlossen.
Außerordentliches: Bei der Darstellung von Christi Himmelfahrt im Deckengemälde ist nur der Unterleib mit den Beinen zu sehen - der Oberkörper hat bereits die Decke durchstoßen. Eine Darstellung, die sicher außergewöhnlich ist. Klaus Bednarz schreibt in „Fernes nahes Land“ im Kapitel „Der Traum des Pastors“: „Ähnliches dürfte dem Herrn Jesus wohl nirgendwo auf der Welt widerfahren sein – bei der Himmelfahrt in der Kirchendecke steckenzubleiben. In Sorquitten (Sorkwity) ist es ihm passiert. Hilflos hängen seine Beine – das eine Hosenbein rot, das andere gelb – aus dem himmelblauen Plafond über dem Altar.“
In der Kirche von Sorquitten gibt es eine alte Gruft mit Särgen, in denen Männer mit Federbüschen und langen Degen ruhen, erhalten, was angesichts der enormen Kriegs- und Nachkriegszerstörungen außerordentlich selten ist. In Jahr 2019 ist in Sorquitten seit längerem wieder eine Konfirmation zu feiern: zwei Konfirmandinnen. Ich bin natürlich gespannt, wie evangelischer Gottesdienst in Masuren gefeiert wird. Im Gottesdienst mit Heiligem Abendmahl übernimmt Pastor Krzysztof Mutschmann die Liturgie und Pastor Tegler predigt über Apostelgeschichte 2. Pastor Tegler hat als Predigtthema das 2. Kapitel der Apostelgeschichte (Vers 42) gewählt: Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.
Der Predigttext – er handelt getreu dem Pfingsfest-Tag vom Fest des Heiligen Geistes, das 10 Tage nach Christi Himmelfahrt und 50 Tage nach Ostern - im Jahre 33 nach Christi Geburt – stattfand. Und es handelt sich um das Fest der Gründung der ersten christlichen Gemeinde, die ja nach der Predigt des Apostel Paulis ebenfalls in Jerusalem stattfindet
Die Predigt de Apostel Petrus ist so gewaltig und so voller Macht, dass die Zuhörer tief bewegt zu Petrus sprechen: „Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir hier tun? Petrus antwortet Ihnen: „Tut Buße und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen!“ Und weiter heißt es dann:“ Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen und an diesem Tage wurden dreitausend Menschen hinzugefügt.“ Vom Leben dieser christlichen Gemeinde in Jerusalem wird in der Bibel berichtet: Sie bleiben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“
Über das geistliche Leben dieser ersten Gemeinde – führt Pastor Tegler dann aus - heißt es in der Bibel “Es kam aber Furcht über alle Seelen und es geschahen auch viele Wunder durch die Apostel. Alle aber die gläubig geworden waren, waren beieinander und teilten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie bunter allen aus, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern und hielten Mahlzeiten mit Freude und fröhlichem Herzen. Sie lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk und der Herr fügte täglich neue Menschen zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden!“ Anschließend legt Pastor Tegler dann den Taxt aus:
“Das ist eine historische Tatsache. Es war vor ca. 2000 Jahren in Jerusalem, aber wo soll man heute diese Gemeinschaft im Brot brechen und im Gebet suchen? Gibt es vielleicht diese Brüderschaft der Kinder Gottes in Jerusalem? Nein! Dort haben die Bewohner der heiligen Stadt, die seit Jahrhunderten in der Stadt lebten, Mauern errichtet. Die Altstadt von Jerusalem, die an die Spuren des Heilands erinnern, wurde in drei Stadtteile aufgeteilt: den christrlichen, den jüdischen und den moslemischen Stadtteil. Pastor Tegler fährt dann fort und gibt eine Zustandsbeschreibung. Er fährt dann fort: Jerusalem ist hier und heute – Jerusalem ist in jedem von uns! Bei den ersten Christen gibt es die Gemeinschaft des Gebets. Bei den ersten Christen gibt es die Einheit im Brotbrechen. Ihre AGAPA das ist die Zeit, in der die Reichen mit den Armen teilen, mit dem womit der Herr sie gesegnet hat. Sie geben den Armen keine Almosen, sondern sie saßen mit den Armen an einem Risch – wie Gleiche mit Gleichen. Wunderschön muss das Leben der ersten Christen in Jerusalem gewesen sein.
Er fährt dann weiter damit fort, dass es für ihn eine Ehre ist dass unsere Gruppe von 50 Deutschen das besondere Fest zusammen mit Ihnen, liebe polnische Freunde in der wunderschönen alten Kirche in Sorkwity feiern darf. Schön ist es gemeinsam Gottes Wort zu hören, danach das Heilige Abendmahl zu feiern und nach dem Gottesdienst dann ein vorbereitetes, gemeinsames Mittagessen zu haben. Der besondere Dank geht hier an Pfarrer Mutschmann und seine liebe Frau Hania – sowie an alle, die uns immer ihre Sorge und Fürbitte kundtun. Ein schönes Erlebnis, das der Festigkeit des Glaubens dienen mag.
Eine eindringliche Predigt, die Pastor Tegler ganz sicher aus dem Herzen kommt. Und dann werden wir wieder verwöhnt. Es gibt im – einer Kote nachgebildeten, offenen – Holzhaus hinter der Veranstaltungsscheune Köstlichkeiten jeder Art: Gegrilltes, köstlichen Kartoffelsalat und – aus dem Garten Pastor Mutschmanns - wundervolle Erdbeeren. Übrigens: wer mehr erfahren möchte über den Traum von Pastor Mutschmann kann dies auf rund 10 Seiten in Klaus Bednarz Buch „Fernes nahes Land – Begegnungen in Ostpreußen“ nachlesen. Vieles vom Traum des Krzysztof Mutschmann ging in den letzten 20 Jahren schon in Erfüllung – das große internationale Jugendzentrum zu bauen – ein Haus in dem sich ganzjährig Kinder und Jugendliche aus vielen Ländern Europas treffen können, ist im Werden.
Nach einem opulenten Mahl fahren wir nach Krzyzany (Steinwalde) bei Rhein (Ryn). Dort werden zwei Gedenksteine – am Rande des evangelischen Friedhofes – eingeweiht. Einer der beiden Gedenksteine trägt – in polnisch und deutsch - die Aufschrift
„Zum Gedenken an die Einwohner von Gneist und Steinwalde, die bis 1945 hier lebten und die auf diesem Friedhof ihre letzte Ruhe fanden.“
Der zweite Gedenkstein wurde vom Ehepaar Borrek – im Gedenken an Eltern und Großeltern Borrek – gestiftet. Er steht an jener Stelle, an der nach langen Suchen und gründlicher Recherche das Gut der Borreks von Gerhard Borrek unter Zuhilfenahme von altem Kartenmaterial lokalisiert wird. Dr. Susanne Borrek begleitet wieder gekonnt unsere Liedvorträge. Die Mitwirkung und Anwesenheit der Deutschen Minderheit, die die Feier mit ihrem schönen Chorgesang umrahmt, gibt dem Ganzen eine besondere Note.
Im Anschluss an die kleine Feier vor Ort findet dann ein (Sekt-)Empfang mit dem Ehepaar statt, an dem Bürgermeister und Ratsmitglieder teilnehmen.
Hier in Rhein hat Pastor Tegler in jungen Jahren gewirkt: seine erste Pfarrstelle war hier. Wir gehen hier mit ihm zum Friedhof, denn „auf Umwegen“ konnte der Verein „Freunde Masurens“ dort eine Grabstelle erwerben: Pastor Tegler hat 40 Jahre um ein würdiges Mahnmal gekämpft. 2011 wird ein Gedenkstein angebracht. Wir legen hier ein Kranz nieder – für 24 sinnlos ermordete Frauen, alte Männer und Kinder.
Montag, 10. Juni 2019 (9. Tag)
Heute freuen wir uns auf die Fahrt nach Kętrzyn, Gierłoź, Sztynort, Wegorzewo und Giźycko. Wir fahren nach Kętrzyn (Rastenburg), einem Deutsch-Ordensritter-Städtchen. Am 7. Mai 1946 wählt die polnische Verwaltung dann eine neue Bezeichnung für die Stadt Rastenburg, die sich bis dahin (auf Polnisch) Rastembork genannt hatte. Sie wird nun nach Wojciech Kętrzyński, einem polnisch-nationalistischen Historiker neu benannt. Kętrzyński lebte von 1838 bis 1918; er hieß ursprünglich Adalbert von Winkler und war Sohn eines preußischen Gendarmen. Später nahm er den kaschubisch-slawischen Vaternamen seiner Vorfahren an und nannte sich dann Wojciech Kętrzyński.
Schon kurz vor Rastenburg fallen die markante Ordensburg und die Kirche auf. Hier in Rastenburg besichtigen wir Stadt, Burg und Kirche mit Bischof Pawel Hause. Er nimmt sich Zeit für die Gruppe – obwohl bereits beim Pfarrkonvent anwesend sein wollte.
Die ehemalige evang. Kirche ist heute eine katholische Basilika. Viele Elemente aus der früheren evangelischen Zeit sind jedoch nicht einfach beseitigt worden – so sind heute noch an der Kanzel Martin Luther und Philipp Melanchthon zu sehen. Ebenso auch das große ehemalige Altarbild aus evangelischer Zeit - auch wenn dieses mittlerweile zur Seite geräumt ist.
Flucht und Vertreibung der einheimischen Bevölkerung ließen das kirchliche Leben der evangelischen Gemeinde in der - jetzt „Kętrzyn“ genannten - Stadt und ihrer Umgebung nahezu erlöschen. Nur vereinzelte evangelische Kirchenglieder sind verblieben, die sich jetzt mit den – auch nur wenigen – polnischen Neubürgern evangelischer Konfession zu einer neuen Gemeinde zusammenfinden. Ihr wird die ehemalige „Polnische Kirche“ (eine ehemalige Friedhofskapelle) übertragen; ein eigener Pfarrer nimmt seinen Dienst auf und Bischof Pawel Hause versorgt bis heute einen weiträumigen Sprengel mit noch vier Filialgemeinden in Barciany (Barten), Bartoszyce (Bartenstein), Brzeźnica (Birkenfeld) und Srokowo (Drengfurth). Bischof Pawel Hause erläutert dann ausführlich seine evang. Kirche, die heute rund 500 Gemeindeglieder umfasst. Sie trägt sie den Namen von Johannes dem Täufer. Leider wird hier in Kętrzyn aber keine Ökumene gelebt. So treten Kath. Priester und Bürgermeister bei allen Festen gemeinsam – als Einheit gewissermaßen – auf und die Evangelischen werden, so muss Bischof Hause berichten, einfach ignoriert. Bischof Hause berichtet noch aus der Diözese und dem Rastenburger evangelischen Gemeindeleben sowie aus den umliegenden Gemeinden.
Die rund 5000 Gemeindeglieder der katholischen Kirchengemeinde werden von 4 Priestern betreut, die zudem noch von einigen Nonnen unterstützt werden.
Bekannt ist Rastenburg bis heute für seine Pferdezucht. Die Freimaurerloge „Drei Thore des Tempels“ wird 1818 in Rastenburg gegründet und ist ein Teil der Großen National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“. Sie besteht bis 1935 und errichtet das heute noch bestehende Logengebäude. Zu den Sehenswürdigkeiten zählt die Burg Rastenburg – sie hat einen quadratischen Grundriss und zweistöckige Kreuzgänge. Die gegenüberliegende imposante Pfarrkirche St. Georg, die in die Stadtbefestigung integriert ist, wirkt durch ihre massive Bauart, die viereckigen Türme und ihre Größe, wie eine Wehrkirche. Kirche und Burg geben der Stadt ein besonderes Gepräge.
Im Gebäude der Apotheke „Zum Adler“ kommt Arno Holz, der Dichter und Dramatiker des Naturalismus und Impressionismus 1863 zur Welt. Arno Holz schreibt über die St. Georgenkirche seiner Heimatstadt in seinem „Kinderparadies“ ein Gedicht. Die Erinnerungen an die Stadt seiner Kindheit beschreibt er im Buch „Phantasus. Insbesondere Holz' späte Lyrik im "Phantasus" zeichnet sich ebenso durch Lebensnähe, inhaltliche Tiefgründigkeit, gedankliche Klarheit sowie hohe sprachliche und kompositorische Kreativität wie durch Phantastereien aus. Vielfach weist sie einen Hang zur Melancholie auf.
Und hier bei Rastenburg wird 1940 - in unmittelbarer Nähe der Stadt - das Führerhauptquartier Wolfsschanze errichtet. Zwischen den Seen und Sümpfen Masurens im schönen Stadtwald von Rastenburg liegt dieser beklemmende Ort. 1940 wählt Hitler den Flecken zu seinem Hauptquartier. Hier entstehen massive Stahlbetonbunker für ihn, für seine Generäle und diverse Nazigrößen. 240 Hektar groß war das Gelände, von Tarnnetzen geschützt. Von hier aus regiert er sein tausendjähriges Reich, allerdings nur knapp 1000 Tage: Vom Überfall auf die Sowjetunion bis zum November 1944, als der Vormarsch der Roten Armee auf die deutschen Grenzen nicht mehr aufzuhalten ist. Deutsche Pioniere jagen das Bunkergelände in die Luft. Übrig bleiben gewaltige Mauer- und Deckenreste, kahl, grau, hie und da von einer grünen Moosschicht überzogen. Bis 1955 räumen polnische Soldaten hier 55.000 Minen fort. Dorthin führt uns nun unser Besuch. Beim Dorf Gierłoź (Görlitz), erwartet uns Gästebegleiter.
Jarosdlaw Zarzecki ist Autor eines interessanten Buches über die Wolfsschanze. Sein besonderer Schwerpunkt sind die Entsorgung des Geländes von Minen durch polnische Pioniere – nach dem Krieg und die Darstellung der zig Tonnen an Sprengstoff bei der Zerstörung der Gebäuse. Im Verlauf des Rundganges – inzwischen war es recht schwül geworden und die Mückenplage setzte uns (trotz „Antibrumm“) mächtig zu - berichtet er, dass ab September 1940 unweit von Rastenburg im Mauerwald (Mamerki) unter höchster Geheimhaltung das Hauptquartier Hitlers (Bauobjekt Chemische Werke Askania) in Vorbereitung seines Überfalls auf die Sowjetunion 1941 angelegt wird. Die Kosten für die Bunkeranlage werden auf 80 Millionen RM beziffert. Die Wände der prominenten Bunker sind so ausgelegt, dass sie sogar den amerikanischen 1800-Kilo-Bomben standhalten konnten. Die Decken der Bunker sind sechs bis acht Meter dick. Die Anlage umfasst insgesamt ca. 40 Wohn-, Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude sowie sieben massive und 40 leichte Stahlbetonbunker. Die Anlage verfügt seinerzeit über einen Bahnanschluss und besaß einen eigenen Flugplatz und war von einem 50 bis 150 Meter breiten Minengürtel und einem 10 km langen Stacheldrahtzaun umgeben.
Hitler selbst hält sich vom 24. 6. 1941 bis zum 30. 11. 1944 an rd. 800 Tagen in der Wolfsschanze auf. Nach dem Abzug von Hitler übernimmt vorübergehend der Stab der IV. Feldarmee von General Hoßbach die Anlage. Am 24.01.1945 - sinnigerweise dem Geburtstag von Friedrich dem Großen, dem Idol und endzeitlichen Hoffnungsträger - wird die gesamte Anlage von deutschen Pioniertruppen gesprengt. Anhand der mitgebrachten Unterlagen und Bilder wird uns das ganze Ausmaß dieses Irrsinns aufgezeigt. Außer den gesprengten, teilweise riesigen Betonklötzen gibt es aber heute eigentlich nicht (mehr) viel zu sehen. Hier ist wirklich das gesprochene Wort entscheidend; und das von einem Zeitzeugen ist besonders eindrücklich.
Die Wolfschanze wird einer der Orte bleiben, die das Wort vom „tausendjährigen Reich“ auf ganz unbeabsichtigte Weise wahrmachen wird. „Ihre Betonquader, die lastenden Trümmer von alpinen Ausmaßen, sind nicht abzutragen, durch alle Presslufthämmer der Welt nicht. Sie sind unvergänglich.“ (Ralph Giordano)
Am 20. Juli 1944 findet in einer Leichtbaracke der Wolfsschanze das missglückte Attentat auf Hitler statt, das der Diktator leicht verletzt überlebt. An der Stelle des fehlgeschlagenen Attentats bringt man am 20. Juli 1992 eine eindrückliche Gedenktafel an. Wir lesen (der Text ist auf polnisch und deutsch angebracht):
„Hier stand die Baracke, in der am 20. Juli 1944 Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein Attentat auf Adolf Hitler unternahm. Er und viele andere, die sich gegen die national-sozialistische Diktatur erhoben hatten, bezahlten mit ihrem Leben.“
An einer wirklich seriösen Präsentation des Bunkergeländes mangelt es allerdings. Auch über die Tatsache, dass die 57 ha der Wolfschanze als wichtiges Biotop nach der Richtlinie des Europarates (92/43/EWG) klassifiziert sind, wird nur am Rande bzw. auf Nachfrage informiert.
Am Bus haben wir Gelegenheit beim Gästebegleiter Karoslaw Zarzecki dessen Buch „Die Geschichte des Führerhauptquartiers Wolfsschanze“ zu erstehen.
Dann geht es weiter nach Sztynort (Steinort). Auf der Fahrt zum ehemaligen Wohnsitz der Familie von Lehndorff fallen mir wieder die Weite der Wälder auf. Wiesen mit ansehnlichen Holunderbüschen säumen den Weg. Dann die Fahrt durch ausgedehnte Baumalleen – eine Tunnelfahrt auf der Suche nach der Vergangenheit der Familie von Lehndorff, die hier im ehemaligen Steinort einen der schönsten Adelssitze hatte. Als „tiefe Stille am See“ beschreibt Marion Gräfin Dönhoff Steinort, wo sie in ihrer Jugendzeit oft ihre Ferien verbringt. Letzter Besitzer des 1689 errichteten Schlosses ist Heinrich von Lehndorff, der 1944 – zusammen mit Graf Schenk von Stauffenberg – zu den Verschwörern gegen Hitler gehört. Nach dem misslungenen Attentat wird er im September 1944 hingerichtet. Am Rande des Areals erinnert ein Gedenkstein an ihn und das Attentat: „Zur Erinnerung an den 100. Geburtstag von Heinrich Graf Lehndorff (1909 - 1944), dem letzten Herrn auf Steinort und aktiven Teilnehmer des Bewegung des 20. Juli gegen Adolf Hitler und das NS-Regime. 22. Juni 2009
Jetzt kommen wir zum verfallenden Schloss des Grafen von Lehndorff. Wohin das Auge blickt Schloss und Park zeigen Verfallserscheinungen. Mehrere Investoren haben sich vergeblich versucht. Doch das Schloss ist ein herausragendes Denkmal des gemeinsamen deutsch-polnischen Kulturerbes. Und die Schloss- und Parkanlage zählt zu den wertvollsten barocken Ensembles in Masuren und dem historischen Ostpreußen. Durch Vernachlässigung ist das Schloss in den vergangenen 20 Jahren fast zur Ruine geworden und der Park vollständig verwildert. Unter dem Dach der Deutsch-Polnische Stiftung haben sich nun aber kulturinteressierte Menschen aus beiden Nationen zusammengefunden, um Steinort zu retten. Zu diesem Zweck kam es 2009 zu einer Übernahme des Schlosses durch die Deutsch-Polnische Stiftung. Und in der Tat – es scheint sich etwas zu tuin. Vor Ort lesen wir, dass sich 2010 die Lehndorff-Gesellschaft Steinort e.V. mit dem Ziel gründete, die Wiederherstellungsarbeiten zu begleiten, Sponsoren zu finden und Spenden zu sammeln sowie an der Entwicklung und Umsetzung der Konzeption für die Neunutzung mitzuwirken. Heute ist das Gebäude „im Bestand gesichert“. – Eine Tafel der Fakultät Architektur Lehrstuhl Tragwerksplanung beschreibt unter dem Titel „Schloss Steinort lebt! TU Dresden hilft, die Maßnahmen, die inzwischen vor Ort vorgenommen werden: „Sicherung und Nutzbarmachung der Keller, Drainage und Regenwasserableitung“ sowie die „Weiterführung der Notsicherung am Schloss mit dauerhaften Lösungen“ und schließlich „Sicherung der Bemalung der Deckenbalken und der Wandfriese“.
Ein weiteres großes Plakat nimmt zum Anlass über Dr. Antja Vollmers Buch „Doppelleben“ – anlässlich dessen Erscheinens in polnischer Übersetzung zu berichten: Quellen und Wurzeln der Recherche, die Darstellung und Bedeutung des Titels „Doppelleben“ und schließlich die Motivation und Botschaft der Autorin. Ein Buch als „ein Aufruf gegen das Vergessen und gegen die Auslöschung solcher wichtiger Persönlichkeiten, die man eigentlich für das Funktionieren der Demokratie braucht.“
Der beim Schloss liegende englische Landschaftspark nimmt mich mit auf eine gedankliche Reise in die Vergangenheit. Überwältigend der Anblick der riesigen Eichen, die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gepflanzt wurden. Der stark verwilderte Park reicht hinunter bis zum Mauersee. In der Kürze der Zeit, die uns bleibt, setze ich mich auf einen Steinquader und rufe mir Texte von Marion Gräfin von Dönhoff aus dem Buch „Kindheit in Ostpreußen“ in Erinnerung. Leider ist die Zeit so kurz.
Wir wollen noch zu einem weiteren ein Ort der nachdenklich macht: der in einem Wald gelegenen Gedenkfriedhof für die Gefallenen aus dem 1. Weltkrieg bei Węgorzewo (Angerburg). Dort mit Blick auf den See gedenken wir der im 1. Weltkrieg gefallenen Soldaten. Pastor Fryderyk Tegler hält hier eine Andacht und Kerstin Harms spielt „Ich hat‘ einen Kameraden“. Wir legen ein Blumengebinde mit der Schleife des Vereins „Freunde Masurens“ nieder und gemeinsam beten wir das Vaterunser.
Jetzt folgt die Fahrt nach Giźycko (Lötzen). Vor allem im Sommer ist der Ort ähnlich beliebt wie Mikołajki. Von hier starten die Ausflugsschiffe der „Weißen Flotte“ zur Kormoraninsel, nach Węgorzewo (Angerburg) und nach Mikołajki.
Die Stadt Giźycko selbst lockt mit Orgelkonzerten in einer nach Plänen Friedrich Schinkels 1826/27 erbauten Kirche, mit einer kleinen Burg sowie mit der trutzigen Bayon-Festung aus dem 19. Jahrhundert, die in der Schlacht an den Masurischen Seen 1914 eine wichtige Rolle spielte.
Nicht nur ich bin gespannt auf die Begegnung mit der „Deutschen Minderheit“. Die Vorsitzende Frau Barbara Ruzewicz begrüßt uns und berichtet dann von der Situation der deutschen Minderheit. Sie berichtet ausführlich von den Sorgen und Nöten der Menschen der deutschen Minderheit in Giźycko. Deutsch ist seit rund 25 Jahren wieder zugelassen und Minderheiten können seitdem eigene Vereine gründen. Das Schulsystem weicht von unserem ab: nach dem gemeinsamen Besuch der Grundschule bauen 4 Jahre Lyzeum bis zum Abitur auf. Statt des Lyzeums kann auch eine Ausbildung zum Handwerker begonnen werden. Im Gegensatz zu Deutschland ist Lyzeum hier keine Anstalt nur für Mädchen. Fahrten nach Mecklenburg-Vorpommern, Neubrandenburg, Rostock und Berlin werden in den letzten Jahren möglich. Frau Barbara Ruzewicz berichtet aber auch davon, dass sie 1 ½ Jahre „soziale Erziehung“ in Jalta zu absolvieren hat, nachdem sie sich gegen die Geschichtsklitterung auflehnt. Dann sagt sie uns, dass viele Deutsche nach dem Krieg – mangels polnischer Sprachkenntnisse – nur geringe Chancen auf eine qualifizierte Ausbildung hatten, so dass oftmals nur gering qualifizierte Arbeit, z.B. in der LPG, bleibt. Durch Pastor Tegler und den Vereins „Freunde Masurens“ mit Kerstin Harms konnte hier schon manche Hilfe erfolgen, denn gerade die zur deutschen Minderheit Gehörenden sind meist nicht auf der Sonnenseite des Lebens beheimatet. Hier ist es mehr als angebracht helfend mit einer Unterstützung beizutragen. Das gemeinsame Singen von Volksliedern gelingt dann recht gut – Stimmung kommt aus. Wir mischen uns unter die Einheimischen. Ich bitte Frau Renate Zborowska zu meiner Frau und mir an den Tisch. Wir können und angeregt mit ihr unterhalten. Bei Gesang der GastgeberInnen und nach einigen Tänzen sowie angesichts des unterhaltsamen Gesprächs vergeht die Zeit im Flug. Ich denke: hier bestehen Möglichkeiten für die Zukunft.
Im Gespräch kommt mir dann Ralph Giordanos Buch „Ostpreußen ade – Reise durch ein melancholisches Land“ in den Sinn. In diesem atemberaubenden Buch schildert er das Drama Ostpreußens und fragt „Wie kann man diese Heimat verlieren, ohne dass einem das Herzbricht?“.
Nach einer kleinen Stadtrundfahrt erfolgt der Tagesabschluss am Kreuz des Heiligen Brunos. ”Der Heilige Bruno” wird im Jahre 974 auf der Burg Querfurt geboren und ist mit der sächsischen Kaiserfamilie verwandt. Der „Heilige Bruno”, ein beharrlicher Befürworter der Bemühungen um Versöhnung zwischen Ost und West und Fürsprecher des Friedens zwischen den Völkern stirbt am 09.März 1009 den Märtyrertod.
Und dann steht unser Abschiedsabend an – mit den Gästen. Jadwiga und Julian Osiecki. Auch die „Deutsche Minderheit“ aus Mragowo (vertreten durch ihren Vorsitzenden Drezek Eugenius sowie Ingrid Zacharewicz und Brigita Trawinska) und auch die Vertreter aus Lötzen (mit Helga Fitza und Krystynia Drobrowolska) sind gekommen. Ebenso natürlich das Ehepaar Danuta und Alfred Bielski, die Eigentümer des Hotels. Ein schöner Abend – Musik spielt auf und das „Mariellchen“ bittet zum Tanz. Der Abend endet – wie könnte das auch anders sein - viel zu früh. Leider.
Dienstag, 11. Juni 2019 (10. Tag)
Um halb 9 Uhr sind alle Koffer verstaut – wir müssen Abschied nehmen. Über eine derzeit teilweise noch im Bau befindliche autobahnähnliche Straße kommen wir schnell nach Olsztyn (Allenstein) und Ostróda. Dann ist Schluss mit der Schnellstraße und es geht vorbei an Schloss Toliti. Bald erreichen wir den Oberländischen Kanal, dessen Besonderheiten – die 5 geneigten Ebenen – ihn berühmt machen. Von Jelonki (Hirschfeld) nach Buczyniec (Buchwalde) geht unsere Schiffstour, bei der wir vier „Ebenen“ hinter uns lassen. Diese Ebenen dienen der Überwindung der Höhenunterschiede: genial einfach – die Schiffe werden „einfach“ auf Wagen geladen und über Land gezogen. Wir staunen und halt das Geschehen im Bild fest: der Antrieb erfolgt rein durch Wasserkraft mit Gegengewichten.
Kapitän Robert, Matrose Kaspar sowie Dorota und ihr Sohn Jacek schippern mit uns in Buczyniec (Buchwalde) los und lassen uns köstliche Krakauer genießen. Kurze Zeit später sitzen wir – unter den Klängen „Masuren, liebes Masuren“ – wieder im Bus und fahren weiter.
Nun ist Frombork (Frauenburg) erreicht. Hier ist wieder eine Orgel zu besichtigen, die 4000 und zusätzliche 1000 Pfeifen aufweist und mit 68 Registern bespielt wird. Seit 1960 gibt es hier Sommerfestspiele. Und am Dom sehen wir die Büste von Maximilian Keller, jenem Bischof (1930 – 1947 Bischof von Ermland – Masuren), der die Flucht vieler Deutsche über das Haff organisierte. Er stirbt 1947 in Frankfurt am Main. Frauenburg liegt am Ufer des Frischen Haffes (Wiślany) Sie entsteht wahrscheinlich bereits um das 12. Jahrhundert an der Stelle einer pruzzischen Siedlung. 1310 erhält Frauenburg vom ermländischen Bischof Eberhard aus Neißen die Stadtrechte verliehen. Die ganze Domanlage auf dem Domhügel stellt ein Baudenkmal der höchsten Weltklasse dar. Das hervorragende Bauwerk ist der Dom von 1329-1388, das größte gotische Gotteshaus im Ermland. Die gewaltige Anlage des Domes liegt vor uns.
Unsere Stadtführerin – gebürtig in der Schweiz und heute der Liebe zu Polen und später auch ihres heutigen Mannes wegen - hier, zeigt uns die Schönheiten, die sie hierher gezogen haben. Von 1510 bis 1543 wohnt und arbeitet hier Nikolaus Kopernikus, Domherr von Ermland, und übt seine Forschungstätigkeit aus. Hier hat er auch sein Lebenswerk „De revolutionibus orbium coelestium“ („Sechs Bücher über die Kreisbewegungen der Weltkörper“) im Jahre 1543, d.h. vor ca. 480 Jahren, vollendet. Nikolaus Kopernikus wird dann auch im Dom beigesetzt. Heute kennt man auch die Stelle – die während der „schwedischen Wirnisse“ verloren gegangen war – an der Kopernikus beigesetzt ist.
Nur wenige Meter Spaziergang sind es dann vom Dom hinunter zum Gedenkstein für 450.000 Ostpreußische Geflüchtete. Kerstin Harms spielt bei der Niederlegung eines Gebindes das Trompetensolo „Harre meine Seele“. Bei einem Gebet und dem Vaterunser halten wir am Gedenkstein für die Opfer von Flucht und Vertreibung von Januar 1945 inne. Immer wieder kommt das Gespräch auf Flucht und Vertreibung in den letzten Kriegs- und Nachkriegswochen; wird von dieser menschenunwürdigen Phase der Zeitgeschichte gesprochen. Nach einem Blick auf das Frische Haff fahren wir weiter nach Marienburg (Malbork), wo wir eine abendliche Führung durch die gewaltige Anlage haben. Marienburg ist die bedeutendste Ordensburg der Deutschordensritter und von 1309 bis 1457 Sitz der Hochmeister. Sie wird von 1276 bis 1448 erbaut und befestigt. Königspalast, Zeughaus, Hospital – die Marienburg dient vielen Herren und Zwecken. Nach der Zerstörung 1945 leuchten heute ihre Backsteinmauern wieder im tiefen Rot. Mit mehr als 500 Metern Länge ein großartiges Monument mittelalterlichen Bauens. In zwei Gruppen betrachten wir die Burganlage, die in sich Kloster, Schloss der Hochmeister, Kirche, Hospital, Wehranlage und Gästebereich umfasst. Über Zugbrücke, den Innenhof mit Schwanenbrunnen geht es dann in den Remter mit seinen sehenswerten Fresken, den gotischen Stützsäulen und der „Fußbodenheizung“ und weiter über Stiegen und Kreuzgänge in den Hochmeisterpalast und die Burgkirche. Hier gibt es noch so unendlich viel zu sehen – dafür ist die Zeit wirklich zu kurz. Nach dem Beschuss und den großen Zerstörungen durch die Rote Armee wird seit über 20 Jahren ausgebessert, gearbeitet, restauriert. Fördermittel aus aller Welt werden eingeworben. Und heute ist die Marienburg „Weltkulturerbe“.
Mittwoch, 12. Juni 2019 (11. Tag)
Heute ist unser vorletzter Tag. Und der Psalmist begrüßt uns am Morgen. In der Tageslosung sagt er uns „Ich bete, HERR, zu dir zur Zeit der Gnade; Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe. (Ps69,14) Und wir fahren heute getrost (und pünktlich) nach Danzig (Gdańsk) los, denn um 9 Uhr wollen wir am „Grünen Tor“ sein.
In seiner Blütezeit im 16. und 17. Jahrhundert ist Gdańsk (Danzig) eine der wichtigsten Hafenstädte Europas und gehört zu den reichsten und mächtigsten Metropolen Europas, ist mit 70.000 Einwohnern nach London und Antwerpen die größte nordeuropäische Stadt, treibt Handel mit der gesamten auf dem Seeweg erreichbaren Welt. Wer durch das Goldene Tor die Langgasse betritt, die an Häusern mit prächtigen Renaissance- und Barockgiebeln vorbeiführt, und zum „Langen Markt“ kommt, der gelangt zu einem der schönsten Plätze Europas. Mit einer erfrischenden Schilderung der Stadtgeschichte – das Krantor im Auge behaltend – gehen wir über den „Langen Markt“ entlang herrlicher Häuser, sehen Nachbauten alter Koggen und kommen durchs Frauentor und die Frauengasse. Biegt man in die Frauengasse ein und kommt man auf die Ostfassade der Marienkirche zu - vorbei an den vielen Läden voller Kunstwerke aus Bernstein, dem Gold der Ostsee. Hier sollte man innehalten, da fast alles ein Ergebnis einer grandiosen Wiederaufbauleistung ist, denn die historische Bausubstanz der, bis dahin vom Krieg fast unversehrten, Stadt wurde in den letzten Märztagen des Jahres 1945 zu fast 100% zerstört. Obwohl ein Großteil der Stadt im Krieg zerstört wurde, ist Gdańsk (Danzig) heute eine der schönsten baltischen Städte. Da die Stadt im Laufe der Geschichte mal unabhängig ist, mal unter slawischer und mal unter preußischer Herrschaft steht, bietet sie Besuchern heute eine reichhaltige Geschichte und Kultur. Nach der Reformation wird die Marienkirche von Katholiken und Protestanten anfangs gleichzeitig genutzt, später ist sie aber exklusiv der lutherischen Kirche vorbehalten. Die bis 1945 evangelische, seit 1945 dann katholische Marienkirche zu Gdańsk (Danzig) ist eine der drei größten Backsteinkirchen nördlich der Alpen und eine der beiden weltgrößten Hallenkirchen. Bis 1945 ist die Marienkirche das zweitgrößte evangelisch-lutherische Gotteshaus der Welt (nur das Ulmer Münster ist größer). Unter den größten Gotteshäusern Europas, so wird uns berichtet, liegt sie etwa auf Platz 20. Sie ist 105,5 Meter lang, das Kirchenschiff ist 41 Meter breit, mit Querschiffen 66 Meter. Im Innenraum der Kirche sollen bis zu 25.000 Menschen Platz finden. Durch das ungewohnt flache Dach des Turms und die riesige schwarze, gegen die weiße Wand lehnende Orgel wirkt die Kirche äußerst imposant. Im Zweiten Weltkrieg wird die Marienkirche im März 1945 bei der Eroberung der Stadt durch die Rote Armee während der Schlacht um Ostpreußen schwer beschädigt; vierzig Prozent der Kunstschätze sind vernichtet. Der hölzerne Dachstuhl brennt aus, 14 der großen Gewölbebögen kollabieren, die Glasfenster werden zerstört. Trotzdem gehört die Ausstattung der Marienkirche auch weiterhin zu den reichsten Kirchenausstattungen im Ostseeraum mit zahlreichen Retabeln, Skulpturen, Wand- und Tafelmalereien.
Dann muss eine Pause sein: Sabine und ich „schlagen uns in die Büsche“. In einer Seitenstraße entdecken wir ein hübsches Restaurant und sitzen unter Bäumen im Schatten. Aber wir bleiben nicht lange allein bei unserem Holundersaft. Der Weg des Ehepaar Borrek führt diese ebenfalls hierher. Doch nicht genug: weitere Gruppenteilnehmer haben auch das Bedürfnis. Dann muss die Zeit aber wieder genutzt werden.
Da die polnischen Könige, die seit dem Zweiten Thorner Frieden 1466 die nominellen Oberherren der Stadt sind, jedoch immer katholisch bleiben, baut die Stadt neben der Marienkirche die barocke königliche Kapelle, damit der König während seines Aufenthalts in der Stadt den Gottesdienst besuchen konnte. Das berühmte Triptychon Das Jüngste Gericht des Brügger Malers Hans Memling war eine Auftragsarbeit des Florentiner Bankiers Angelo Tani, die für seine Heimatstadt bestimmt ist. Die Anfertigung dauert von 1467 bis 1471. Während einer Kaperfahrt der Peter von Gdańsk (Danzig) wird es 1473 aus einem britischen Schiff erbeutet und von einem der Schiffseigner, Reinhold Niederhoff, der Marienkirche in Gdańsk (Danzig) geschenkt. Daraus ergeben sich längere diplomatische Verwicklungen, die bis zur Androhung des Kirchenbanns gegen Gdańsk (Danzig) durch den Papst gehen. Napoléon Bonaparte lässt das Werk nach Paris in den Louvre schaffen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hängt es in der Sankt Petersburger Eremitage. Seit 1956 ist es im Nationalmuseum Gdańsk (Danzig) untergebracht.
Als Ersatz für die ursprüngliche große Orgel des Orgelbauers Julies Anthoni, die in ihren ältesten Teilen auf das Jahr 1586 zurückgeht und 1945 vollständig zerstört wird, baut man 1985 den erhalten gebliebenen, deutlich kleineren Prospekt der Johanniskirchenorgel von 1629 ein und stattet ihn mit einer, aus deutschen Spenden finanzierten, Rekonstruktion des Orgelwerks durch die Gebrüder Hillebrand aus Altwarmbüchen aus. Die 46 Register verteilen sich auf drei Manuale und Pedal, die Trakturen sind mechanisch.
Im Verlauf der weiteren Stadtführung werden wir dann noch – ganz sanft und nebenbei – zu einem Bernsteingeschäft geführt. Ein junger Mann erläutert die Eigenschaften des Bernsteins und zeigt wie man Fälschungen aus Kunststoff leicht vom originalen Bernstein zu unterscheiden in der Lage ist.
Zum Wissen über Gdańsk (Danzig) gehören bei einem heutigen Besuch unbedingt aber noch drei Dinge: Die Gedenkstätte Stutthof in Sztutowo erinnert an das erste außerhalb von Deutschland errichtete Konzentrationslager. Das KZ Stutthof hat insgesamt 39 Außenlager - seine größten waren in Thorn (Toruń) und Elbing (Elbląg) mit je ungefähr 5000 jüdischen Frauen als Gefangene. Auf dem Gelände des KZ Stutthof und dem Museum erfährt man über die Geschichte von Stutthof und das Schicksal seiner Insassen.
Und zum Zweiten: Solidarność – Im August 1980 stellen sich mutige Arbeiterinnen und Arbeiter gegen aufrollende Panzer. Lech Wałęsa, ein Elektriker, schreibt mit seiner Unterschrift unter das Abkommen von Gdańsk (Danzig) Weltgeschichte: Die staatssozialistische Regierung erkennt die unabhängige, selbstverwaltete Gewerkschaft Solidarność an. Im Dezember 1981 ruft General Jaruzelski das Kriegsrecht aus und lässt die Solidarność gewaltsam niederschlagen. Die Solidarność überdauert diese Zeit im Untergrund. 1989 gewinnt sie dann doch noch: die Wahlen und den Kampf gegen das staatssozialistische System. Solidarność war unter anderem deshalb so viel erfolgreicher als alle anderen Widerstandsbewegungen in Ostmitteleuropa, weil in ihr verschiedene Milieus zusammenarbeiten: Arbeiter und Intellektuelle, Katholiken und Linke. Das ist nicht nur das Verdienst des polnischen Papstes, sondern ganz besonders das Verdienst von kritischen Linken und Linkskatholiken, die Anfang der 1970er in einem offenen Dialog Jahre des Misstrauens zwischen Linken und Katholiken überwinden.
Und Drittens: Der Schriftsteller Günter Grass wird am 16. Oktober 1927 in Danzig geboren. Hier in der Stadt Danzig, sind auch zwei seiner Hauptwerke, »Die Blechtrommel« und »Katz und Maus«, angesiedelt. Grass ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart, gehört der berühmten »Gruppe 47« an und wird 1999 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. An der Ostseeküste entlang kommen nach Stettin, die bedeutendste Stadt in Pommern und Kreuzungspunkt zahlreicher Handelswege, Mitglied der Hanse, aber auch Standort für viele Betriebe im Zuge der Industrialisierung. Wir übernachten hier in einem neuen, sehr schönen Hotel – dem Hotel Vulcvan.
Donnerstag 13.06.2019 (12. Tag)
Langsam neigt sich unsere Reise dem Ende entgegen. Und am Montag sitze ich um diese Zeit längst wieder im Büro. Doch unbeschwert leben: das ist eine Kunst. Denn häufig erhöhen ja viele Gewohnheiten und Pflichten den Umfang an Arbeiten, die täglich zu erledigen sind. Und belasten so unser ganzes Leben. Darum finde ich, ist der Ratschlag, all das abzulegen, was uns beschwert, überaus nützlich. Doch zurück nach Stettin (Szczecin), der Hauptstadt der Woiwodschaft Westpommern. Stettin ist eine Großstadt mit derzeit knapp 410.000 Einwohnern - womit Stettin (Szczecin) nach Danzig die siebtgrößte Stadt Polens ist. Sie bildet den Schwerpunkt des deutsch-polnischen Ballungsraums Stettin mit über 760.000 Einwohnern, der zu einer europäischen Metropolregion mit rund einer Million Einwohnern entwickelt werden soll.
Um 09:30 Uhr treffen wir unseren Stadtführer und beginnen mit der Besichtigung direkt am „neu errichteten“ Schloss.
Der sympathische Reiseleiter zu einer Vielzahl touristischer Sehenswürdigkeiten aus den verschiedenen Epochen, wie das Schloss der pommerschen Herzöge, die gotischen Stadtkirchen oder die berühmte Hakenterrasse. (Hermann Haken am 3. Mai 1828 in Köslin geboren und am 16. Juli 1916 in Stettin gestorben ist, war ein deutscher Jurist und Politiker. Seine große Bekanntheit erlangt er als wohl bedeutendster Oberbürgermeister von Stettin. Während seiner 29 Jahre währenden Amtszeit entwickelt er die Hauptstadt Pommerns zur modernen Großstadt und zu einer der wichtigsten Industrie- und Hafenstädte im Ostseeraum). Wir hören, dass sich die Anlage des noch größtenteils erhaltenen weiträumigen Stadtzentrums mit den sternenförmigen Plätzen am Pariser Vorbild orientierte. Auf den ehemaligen Festungsanlagen entstanden unter Führung des Pariser Architekten Georges-Eugène Haussmann moderne Wohnquartiere mit weiträumigen Boulevards. Im - nur 120 km von Berlin entfernten – Aber man kann im Leben nicht alles haben. Und so trösten wir uns damit, dass wir die berühmte Hakenterrasse erst bei unserem nächsten Besuch in Stettin kennen lernen können.
Wegen einer Großveranstaltung kann sie (und einiges andere) nicht betreten werden.
Stettin vermischten sich 800 Jahrhunderte Wenden mit 10 Jahrhunderten Germanen erklärt der Reiseführer. Die Geschichte der Stadt Stettin reicht bis in das 8. Jahrhundert zurück. Das heute in Polen liegende Stettin (Szczecin) hat eine über 700 Jahre dauernde Geschichte als deutsche Stadt. 1124 erfolgt die Stadtgründung. 1309 beginnt Herzog Otto I. mit dem Bau eines Schlosses und macht damit Stettin offiziell zur Residenzstadt Pommerns. Sein Nachfolger Barnim III. gerät mit der Stettiner Bürgerschaft in Streit, als er beginnt, auf dem den Bürgern vorbehaltenen Burgplatz ebenfalls ein Schloss zu errichten. Erst der Vertrag vom 24. August 1346 bringt eine Einigung, und es entsteht ein fester Steinbau, der Ursprung des heute noch bestehenden Stettiner Schlosses. Zu Ehren des Bischofs Otto von Bamberg stiftet der Herzog die Ottenkirche, die gemeinsam mit dem Schloss errichtet wird. Zum Ende des 14. Jahrhunderts kommt es zu einem Anschub für Stettins Wirtschaft, als im Zuge des Konflikts zwischen Polen und dem Deutschen Orden sowohl Polen als auch Pommern der Stadt weitgehende Handelsprivilegien einräumen, um das vom Orden beherrschte Danzig als Handelsmetropole ablösen zu können. 1532 wird der der Kunst und den Wissenschaften zugetane Barnim IX. Herzog von Pommern-Stettin. Er beruft den bekannten Baumeister Caspar Teiß an seinen Hof und beauftragt ihn 1538 mit dem Ausbau des Ostflügels des Schlosses. Barnim IX. ist maßgeblich an der Einführung der Reformation in Pommern beteiligt. In deren Folge gründet er 1543 als erste weltliche Hochschule in Stettin das Pädagogium, allerdings nicht als eine Universität, sondern als eine Hohe Schule. Das Pädagogium entwickelte sich zu dem angesehenen Marienstiftsgymnasium.
Im Jahre 1570 wird in Stettin ein Friedenskongress abgehalten, der zur Beendigung des Dreikronenkriegs zwischen Dänemark und Schweden durch den Frieden von Stettin führt. Einen Rückschlag muss die Stadt hinnehmen, als 1572 das Handelshaus Loitz in Konkurs geht und damit als wichtiger Finanzier ausfällt. Nur mit Hilfe des Herzogs kann der finanzielle Zusammenbruch der Stadt vermieden werden, unter anderem dadurch, dass 1580 Stettin das Privileg erhält, die für Pommern neu eingeführten Münzen zu schlagen. In den Jahren 1575 bis 1577 wird auf Veranlassung des seit 1560 herrschenden Herzogs Johann Friedrich das Herzogsschloss im reinen Renaissance-Stil umgebaut. In diesem Rahmen wird auch die Ottenkirche abgerissen und durch die neue Schlosskirche zu Stettin ersetzt. Herzog Philipp II., der seine Regentschaft 1606 antritt, war in hohem Maße wissenschaftlich und künstlerisch interessiert und hat eine umfangreiche Bibliothek und Kunstsammlung angelegt. Zu deren Unterbringung fügt er dem Schloss einen Westflügel an. Zusätzlich baute er 1612 das Sommerschloss Oderburg, in dem er eine Bildergalerie einrichtet. Dies alles lässt sich nur durch erhöhte Abgaben der pommerschen Städte finanzieren, die Stettin durch die Einführung einer Biersteuer kompensieren will. Das veranlasste im Juli 1616 einen Volksaufstand, in dessen Folge die Steuer wieder zurückgenommen wird.
Leider gab es auch in Stettin schlimme Auswüchse: Elisabeth von Doberschütz wurde am 17. Dezember 1591 in einem Hexenprozess verurteilt und auf dem Stettiner Heumarkt enthauptet. Die adlige Jungfer Sidonia von Borcke wird 1619 der Hexerei bezichtigt und am 28. September 1620 in Stettin enthauptet und verbrannt.
Der 1618 ausgebrochene Dreißigjährige Krieg berührt Stettin zunächst nicht. Erst im Juli 1630 besetzen die Schweden unter Gustav Adolf die Stadt und richten in der Oderburg ihr Quartier ein. Während ihrer Besatzungszeit verstärken die Schweden die Befestigungsanlagen rund um die Stadt. Auch nach dem Westfälischen Frieden von 1648 bleibt Stettin in schwedischer Hand, was der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm nicht hinnehmen will, denn nach dem Aussterben des Greifengeschlechts nach dem Tode von Bogislaw XIV. 1637 hätte Hinterpommern und damit auch Stettin an Brandenburg fallen sollen. Deshalb zieht der Kurfürst im Schwedisch-Brandenburgischen Krieg 1676 mit seinen Truppen nach Stettin, belagert es zwei Jahre lang und zwingt die Stadt am 6. Januar 1678 zur Kapitulation. Der Friedensvertrag von St. Germain zwingt den Kurfürsten jedoch schon 1679 wieder zum Abzug. Mit dem Frieden von Stockholm 1720 gelingt es dem König Friedrich Wilhelm I. endlich, Stettin für Preußen zu erwerben.
König Friedrich Wilhelm I. lässt dann in den Jahren 1724 bis 1740 die Festungsanlagen der Stadt grundlegend neugestalten und modernisieren. Die von Friedrich II. für die östlichen Provinzen in Gang gesetzten Förderpläne lassen auch Stettins Wirtschaft wieder aufblühen. So profitiert der Handel ab 1746 von der Wiederherstellung des Finowkanals nach Berlin, und durch die Entwässerung des Oderbruchs gewinnt Stettins südliches Umland an Bedeutung. Durch den 1740 begonnenen Ausbau der Swine mit der Eröffnung des Ostseehafens Swinemünde 1746 entwickelt sich Stettin zum Ende des 18. Jahrhunderts zum wichtigsten Hafen Preußens.
Nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon I. im Jahre 1806 wurde Stettin vorübergehend Exil für die Berliner Minister und Behörden. Obwohl Festungsstadt, fiel Stettin am 29. Oktober 1806 nach der Kapitulation des preußischen Generals Friedrich Gisbert Wilhelm von Romberg kampflos in französische Hände. Die Einnahme Stettins erfolgte, so erzählte uns unser Stadtführer schmunzelnd – mittels einer List - durch nur 500 Reitersoldaten. Die Besatzung dauert bis zum 5. Dezember 1813. Nach der Vertreibung Napoleons ordnet Preußen seine Verwaltung neu und die Provinz Pommern wird errichtet, zu deren Hauptstadt Stettin bestimmt wird. Als Vorbote der sich im 19. Jahrhundert entwickelnden Industrie wird 1817 in Stettin die Zuckersiederei Dohm gegründet. Gleichzeitig wird der Hafen immer weiter ausgebaut. 1898 eröffnete Kaiser Wilhelm II. den neuen Freihafen. Die Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg hinterließ auch in Stettin ihre Spuren. Den größten Einschnitt bildete die Schließung der Vulcan-Werft im Jahre 1928.
Nach der „Machtergreifung“ der NSDAP 1933 emigrierte ein Teil der Stettiner Juden, die im gleichen Jahr etwa 1 % der Gesamtbevölkerung von 272.000 ausmachten. Die für 1500 Besucher gebaute und im Jahre 1875 eingeweihte Synagoge zu Stettin an der Grünen Schanze wurde im Novemberpogrom 1938 Opfer einer Brandstiftung. Die Ruine wurde 1940 abgerissen. Auch Angehörige der evangelischen Gemeinde wurden verfolgt. Der einen Monat vor Kriegsende (am 9. April 1945) hingerichtete Dietrich Bonhoeffer hatte das 1937 geschlossene Predigerseminar der Bekennenden Kirche in (Stettin-) Finkenwalde geleitet. Am 26. April 1935 wurde das pommersche Predigerseminar der Bekennenden Kirche eröffnet. Mit der Seminarleitung und dem Lehrbetrieb war Dietrich Bonhoeffer beauftragt. In Finkenwalde bei Stettin blieb das Seminar bis zu seiner Schließung. Am 29. August 1937 verfügte der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei in einem Schreiben an das Geheime Staatspolizeiamt das staatspolizeiliche Verbot. Das Seminar in Finkenwalde wurde geschlossen – dennoch fand die Ausbildung in veränderter Form eine Fortsetzung. „Illegale Ausbildung ging auch nach der polizeilichen Versiegelung der Gebäude [in Finkenwalde] in der getarnten Form von Sammelvikariaten bis in den Krieg hinein weiter. Hier in Finkenwalde wird nicht nur gelernt, sondern auch selber angestrichen, gehämmert und eingerichtet. Die 23 Kursteilnehmer sind engagiert, sie haben sich bewusst für dieses Seminar entschieden. Im Seminar lernt Dietrich Bonhoeffer Eberhard Bethge kennen, der zu seinem engen Freund wird. Nach Dietrichs Tod gibt Eberhard Bethge Bonhoeffers Werke und eine Biographie Bonhoeffers heraus. Seine Erfahrungen aus dieser Zeit hat Bonhoeffer in dem Buch „Gemeinsames Leben“ festgehalten.
Am 5. Juli 1945 übergibt die sowjetische Besatzungsmacht Stettin – unter Verletzung bestehender alliierter Vereinbarungen, die die Festlegung einer vorläufigen Demarkationslinie zwischen dem Ostblock und dem Westen „unmittelbar westlich von Swinemünde und von dort die Oder entlang bis zur Einmündung der westlichen Neiße“ vorsahen – an polnische Verwaltungsbehörden. Dies geschieht im Rahmen sowjetischer Bestrebungen, die Westmächte in Bezug auf die deutsche Ostgrenze vor ein fait accompli (einen unumkehrbaren Umstand, einen eigenmächtig geschaffenen Sachverhalt) zu stellen. Am 21. September 1945 kam es zum Schweriner Grenzvertrag. Der polnische Staat benannte die Stadt in Szczecin um.
Abschließend noch einige Stettiner Anmerkungen: Als wir an der St. Peter und Paul-Kirche vorbeikommen erzählt unser Reiseleiter, dass diese zur polnisch-katholischen Kirche gehört. Die Polnisch-Katholische Kirche wurde 1951 von der Polish National Catholic Church (PNCC) unabhängig und wahrte die synodal-episkopale Ordnung. Sie ist eine zur Utrechter Union altkatholischer Kirchen gehörende Kirche – in ihr dürfen Priester heiraten und es gibt die Frauenordination.
Dann gehen wir in die neue Philharmonie – einem aus Stahl und Glas bestehenden Musikpalast – er ist die futuristische Darstellung eines Eisberges. Man mag dazu stehen wie man will – eines ist unbestritten: die Akustik.
Katharina II wird am 02. Mai 1729 in Stettin als Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst geboren. Am 17. November 1796 stirbt sie in St. Petersburg. Als 13-jährige wird sie verheiratet. Seit dem 9. Juli 1762 ist die Kaiserin von Russland. Katharina II. ist eine Repräsentantin des aufgeklärten Absolutismus. Schon den Zeitgenossen erscheint ihr Aufstieg wie eine fabelhafte Geschichte. Eine Prinzessin mit großem Titel und winzigem Besitz wird mitten im Winter an den russischen Hof bestellt. Mit dem Thronfolger zwar vermählt, aber im Bett und am Tisch getrennt, greift sie nach dem Tod der Zarin nach der Macht, beseitigt ihren Gatten und wird Autokratin im Sinne des Aufgeklärten Absolutismus. 43 Jahre lang herrscht sie über das Reich. Als sie stirbt, besteht Russland ungefähr in seinen heutigen Grenzen und ist zur europäischen Großmacht geworden. Mit ihrer Konversion zum orthodoxen Glauben erhält Sophie Auguste Friederike den Namen Katharina. Sie ist die zweite Zarin dieses Namens. Die von ihr eingesetzte Gesetzgebende Kommission fügt den Ehrentitel „die Große“ hinzu. Sie ist die einzige Herrscherin, der in der Geschichtsschreibung der Beiname die Große verliehen wird. Es gibt nicht viele Frauen, die die Geschichte so geprägt haben wie diese Prinzessin aus einem deutschen Duodezfürstentum.
Mit all unserem geballten Wissen machen wir uns zum Mittagessen auf. Zuvor kommen wir aber noch am Kino „Pionier“ aus 1907 vorbei – dem ältesten Kino der Welt. Hier sitzt man Tischen und dann und wann ertönt auch Klaviermusik. Nun sind wir in der altpolnischen Schenke „Pod Kogutem“ in der ul. plac Lotnikow 3 angelangt. Nach dem Mittagsmahl – an einem Nebentisch speist eine Hochzeitsgruppe – geht es über den obligatorischen Polenmarkt (die angebotenen Kirschen und Pfirsiche sind übrigens deutlich teurer als im Stuttgarter Raum) in Richtung Lüneburg. Unsere Rückfahrt verläuft zügig und wir sind überpünktlich in Scharnebeck zurück.
Fazit der Reise ist für mich: Reisen bildet nicht nur – es beseitigt auch manches Vorurteil. Manche lebten einst hier – oder sind Nachfahren von denen, die einst hier lebten und die nun als Touristen voller Heimweh ihre alten Häuser und Höfe besuchen und oft nicht wiederfinden. Oder die - wie Hans-Jürgen und Eberhardt Schmidt - traurig darüber sind, dass so garnichts in der alten Heimat Königsberg vorangehen will und alles „verlottert“. Wenn wir die Zukunft im Sinne Kants gestalten können, im Sinne der praktischen Vernunft, die sich von der Moral leiten lässt, dann ja – dann muss man mit Klaus Bednarz sagen, wären Königsberg und das Königsberger Gebiet eine große Chance. Nicht nur für Russland und Deutschland, sondern für ganz Europa. Ein Höhepunkt der letzten Jahre war der EU-Beitritt Polens im Jahr 2004. Rufen wir uns ins Gedächtnis, dass in den Jahren vor Polens Beitritt ein großer Teil der deutschen Gesellschaft gegen die Mitgliedschaft Polens war. Meinungsumfragen aus dieser Periode gaben ein widersprüchliches Bild ab. Die Deutschen unterstützen zwar mehrheitlich die EU-Erweiterung, nahmen aber zu jedem Kandidaten eine andere Haltung ein. Sie befürworteten den Beitritt Ungarns und Tschechiens, jedoch nicht den Polens.
Die großen Parteien in Deutschland ignorieren damals die kritische Haltung der Bevölkerung zu Polen. Sie handeln gegen die öffentliche Meinung, weil sie wissen, dass die Aufnahme Polens in die EU den Interessen Deutschlands dient. Die deutsche Politik hält an der Osterweiterung fest, trotz einer ersten bilateralen Krise. Trotzdem agiert die deutsche politische Elite im Geist des Vertrages von 1991 und unterstützt Polens EU-Beitritt. Dank der Erweiterung kann Deutschland seine geopolitische Position erheblich verbessern, aus der peripheren in eine zentrale Lage innerhalb der EU wechseln. Für Polen eröffnet die Mitgliedschaft die Chance zu einem politischen und ökonomischen Bedeutungswachstum, den es nach 2004 intelligent zu nutzen weiß.
Wir alle sind wohl fasziniert vom Zauber dieser Landschaft, die immer noch so schön ist, wie sie in den Liedern und Gedichten besungen wird.
Danke für die Begegnungen mit den Menschen, die heute dort leben – und mit denen, die 1945 ihre alte Heimat verlassen mussten.
Danke Kerstin Harms und Fryderyk Tegler für die Hilfe dabei und für eine rundum hervorragend organisierte, informative Begegnungs- und Studienreise.
So gewinnt man Freunde für Masuren und die deutsch-polnische Verständigung – ganz im Sinne von Marion Gräfin von Dönhoff, Klaus Bednarz und dem Verein Freunde Masurens mit Kerstin Harms und Fryderyk Tegler.
Friedhart Hübler
Alljährliche Masuren-Studienreise mit Pastor Tegler und Kerstin Harms vom 16.06. – 27.06.2018
Samstag, 16.06.2018
Gegen 7.15 Uhr geht das Abenteuer Masurenreise los. Abfahrt ist der Parkplatz am Scharnebecker Schiffshebewerk. Wir fahren unter der Leitung von Pastor Tegler und Kerstin Harms mit der Firma Anker Reisen – am Steuer Uwe – Richtung Berlin. Von dort aus geht es weiter nach Frankfurt / Oder. Während der 12-tägigen Fahrt stärkt uns Pastor Tegler immer wieder seelisch mit einer Andacht. Gegen 13.00 Uhr erreichen wir die polnische Grenze.
Und weiter geht es in Richtung Gniezno/Gnesen. Gniezno/Gnesen ist eine der ältesten Städte Polens. Viele weitere Informationen zu dieser faszinierenden Stadt erhalten wir durch Pastor Tegler: Erste Ansiedlungen gibt es hier bereits seit der Steinzeit. Später kommt es zur Gründung des ältesten polnischen Erzbistums. Gnesen war auch lange Zeit der Krönungsort der polnischen Könige und Hauptstadt der polnischen Nation. Noch heute ist Gniezno/Gnesen der Sitz des Primas der katholischen Kirche Polens. Im Dom hält uns Dr. Andrzej Białczyk eine Andacht. Anschließend führt uns Dr. Białczyk durch die Gnesener Altstadt. Wir nehmen Quartier im Hotel W Starej Kamienicy. Nach dem Abendessen beschließen wir den Abend mit einer Folkloredarbietung eines sehr bekannten polnischen Ensembles. Beeindruckend war der Klang der „Hochzeitsziege“ – einem dem Dudelsack ähnlichem Instrument.
Sonntag, 17.06.2018
Nach dem Frühstück fahren wir nach Toruń/Thorn und besichtigen dort die historische Altstadt. Toruń /Thorn wurde die Königin der Weichsel genannt. Thorn ist die Geburtsstadt von Nikolaus Kopernikus – einem der bedeutendsten Astronomen der damaligen Zeit. Im Krieg wurde die Altstadt kaum beschädigt. Wunderbare Backsteinbauten, Kirchen, Stadttore, Stadtmauer und Bürgerhäuser begeistern uns. Nach der humorvollen Führung durch den Stadtführer Christoph bereitete uns Uwe ein opulentes 4-Gang-Menü aus Würstchen, Senf, Brot und Gurke. Danach geht es weiter über Olsztyn/Allenstein nach Sorkwity/Sorquitten. Im Bus werden Thorner Kathrinchen gereicht. In Sorkwity/Sorquitten findet am See eine Abendandacht statt.
Von hier fahren wir nach Mrągowo/Sensburg, wo wir für die nächsten 8 Tage Quartier nehmen. Wir werden empfangen im Hotel Panoramic Oscar mit einer polnischen Żubrówka und einem Bärenfang im Wald am Ufer des schönen Schosssees. Aufs herzlichste begrüßen uns hier der Landtagspräsident von Ermland und Masuren Herr Julian Osiecki und seine Frau Jadwiga.
Nach dem Abendessen entspannen wir auf der Hotelterrasse mit Blick auf die herrliche Seenlandschaft Masurens.
Montag, 18.06.2018
Heute steht der Wallfahrtsort Święta Lipka „Heilige Linde“ als erstes auf dem Programm. Nach einem beeindruckenden Orgelkonzert auf der berühmten Barockorgel geht es weiter zur alten Bischofsstadt Reszel/Rössel mit Stadt- und Burgbesichtigung. Reszel/Rössel ist ein kleines reizvolles Städtchen mit einer sehr gut erhaltenen Altstadt.
Hier in der Burg war mehrere Jahre wegen Brandstiftung eine Frau inhaftiert, die dort letztendlich als die letzte Hexe Europas auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.
Weiter geht es zur Schlossbesichtigung nach Łęźajny/Lossainen. Trotz Plünderungen im 1. Weltkrieg ist die Inneneinrichtung teilweise noch erhalten. Das Schloss liegt in einem von Wald umgebenen Park. Im Park befindet sich auch eine Kapelle, die ursprünglich das Mausoleum der Familie Fischer war.
Wir fuhren weiter nach Warpuny/Warpuhnen. In dieser Kirche wurde Pastor Tegler getauft, konfirmiert und getraut. Heute ist die Kirche ohne Gemeindeglieder und bis vor kurzem dem Verfall preisgegeben.
Der Abend schließt mit einer masurischen Hochzeit mit Kutschfahrt, Abendessen und Tanz in der Johannesburger Heide.
Dienstag, 19.06.2018
Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg nach Kętrzyn/Rastenburg. Dort besichtigen wir unter der sachkundigen Führung von Bischof Hause Stadt, Burg und stattliche Kirche. In der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde Rastenburg als kleine Ordensburg durch den Deutschen Orden gegründet. Die Kirche ist ein überaus schönes Beispiel sakraler Wehrarchitektur.
Von dort geht es weiter zur Wolfsschanze Gierłoź/ Görlitz. 1940 wählte Hitler diesen Flecken zu seinem Hauptquartier. Von hier aus regierte Hitler sein Reich – allerdings nicht 1000 Jahre sondern nur knapp 1000 Tage. Nach der Sprengung durch deutsche Pioniere blieben gewaltige Mauer- und Deckenreste übrig. Auch die Reste der Baracke, in der am 20. Juli 1944 Oberst Graf von Stauffenberg das Attentat auf Hitler verübte, sind zu sehen.
Weiter geht es über Sztynort/Steinort nach Węgorzewo/ Angerburg, wo wir auf dem Heldenfriedhof zu Ehren der Gefallenen aus dem 1. Weltkrieg Blumen niederlegen.
Von dort fahren wir weiter nach Giźycko/Lötzen, wo es zu einer Begegnung mit der Deutschen Minderheit kommt. „Gemeinsamer“ Gesang, Kaffeetrinken und Gespräche bilden einen schönen Rahmen für diese Begegnung. Eine kleine Stadtrundfahrt schließt sich an.
Ein Denkmal erinnert an den Heiligen Bruno (974 n. Chr.). Er war beharrlicher Befürworter des Friedens zwischen den Völkern von Ost und West. Bei Lötzen starb er 1009 den Märtyrertod.
Nach dem Abendessen findet noch ein romantischer Spaziergang am Hotel See zur sogenannten Liebesquelle statt.
Mittwoch, 20.06.2018
Die Teilnehmenden, die nicht nach Litauen fahren, machen sich auf den Weg nach Wojnowo/Eckertsdorf. Besucht wird das wunderschöne Philipponen Kloster am Ufer des Drusensees. Die Philipponen kamen aus Russland und galten als die radikalste Gruppe unter den Altorthodoxen. Sie verweigerten den Eid, die Ehe und das Gebet für den Zaren. Sie siedelten sich vorwiegend in Masuren an. In ihrer Radikalität gingen sie bis zur Selbstverbrennung.
Weiter geht es nach Ruciane-Nida, den Startpunkt für unsere Schifffahrt nach Mikołajki/ Nikolaiken. Eine beeindruckende Landschaft mit Tapan-Wildpferden sowie eine herrliche Seenlandschaft zeigen sich den Mitreisenden. Namentlich die Nikolaiker Maränen – ein Speisefisch – machten die kleine Stadt weit über Ostpreußen hinaus bekannt. Während des 2. Weltkrieges war hier die deutsche Abwehr unter Admiral Kanaris stationiert. Dies bewahrte die Stadt vor der Zerstörung. So wurde der Ort als das masurische Venedig erhalten – heute ein Touristenzentrum.
Donnerstag, 21.06.2018
Der Donnerstag steht den Reisenden zur freien Verfügung
Freitag, 22.06.2018
Nach dem Frühstück fahren wir nach Olsztyn/Allenstein. Allenstein ist heute Universitätsstadt und Sitz der Regierung von Ermland und Masuren. Vor dem Krieg zählte die damalige Garnisonsstadt 50000 Einwohner. Heute sind es fast 180.000. Sehenswert ist die Jacobikirche mit ihrem markanten Turm und die Burg, auf der Nikolaus Kopernikus von 1521 – 1561 mit einer einjährigen Unterbrechung lebte und wirkte.
Gegen Mittag fahren wir nach Olsztynek/Hohenstein in das dortige Freilichtmuseum. Hier fand die Schlacht statt, die als die 2. Tannenbergschlacht in die Geschichte einging. Hindenburg schlug die russische Armee vernichtend.
Eine weitere Attraktion ist ein aus Königsberg hierher gebrachtes Museum der Volksarchitektur, das nach 1945 zum ausgedehnten Ensembles mit Vorlaubenhäuser und Windmühlen ausgebaut wurde. Ein herrliches Ambiente! In einer reizvollen Holzkirche mit bäuerlichen Motiven übergeben wir der Museumsdirektorin eine Christusstatue. Seit 2012 hat der Verein „Freunde Masurens e.V.“ das Patronat dieser Kirche übernommen.
Anschließend machen wir uns auf den Weg nach Sorkwity/Sorquitten. Im Rahmen der Sorquittener Gespräche erleben wir in Bild und Ton einen äußerst interessanten Vortrag von Oberförster Waldemar Bzura. zum Thema „Masuren zwischen Himmel und Wasser“ .
Im Anschluss findet im Jugendzentrum ein Empfang für uns statt.
Samstag, 23.06.2018
Der Vormittag ist dem Geburtsort von Ernst Wiechert in Piersławek/ Kleinort gewidmet. Wichert gehörte zu den meistgelesenen Autoren seiner Zeit (1887 – 1950). Er schrieb Romane, Novellen und Erzählungen. In ihnen beschreibt er, dass es nirgends auf der Welt so viele Seen, Moore, Reiher, Adler und Störche gibt wie in Masuren. Leider kann das Geburtshaus nicht besichtigt werden. Entschädigt werden wir durch die zauberhafte und melancholische Stimmung, die uns ergreift.
Der weitere Tag führt uns nach Gałkowo/Nickelsdorf zum „Salon der Marion Gräfin Dönhoff“. Marion Gräfin Dönhoff – in Ostpreußen 1909 geboren – war Chefredakteurin und Mitherausgeberin der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT. Gräfin Dönhoff setzte sich zeitlebens für eine Versöhnung zwischen dem Ostblock und dem Westen ein. Sie schrieb mehr als 20 Bücher und wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt.
Weiter geht es mit der Pferdekutsche nach Krutyn/Kruttinnen. Nach dem Mittagessen erleben wir auf einem Spaziergang das ostpreußische Original Eckehardt Rudnick. Die anschließende Stakerfahrt auf der romantischen Kruttinna – der Perle Masurens – ist einfach nur bezaubernd.
Dann geht es weiter in die Westernstadt „Western City Mrongoville“, wo uns eine kleine Pferdedressur und Vorführung von Peitschentricks erwartet.
Sonntag, 24.06.2018
Wir machen uns auf den Weg nach Sorkwity/Sorquitten zu einem festlichen Gottesdienst mit Heiligem Abendmahl in der dortigen evangelischen Kirche mit Pastor Mutschmann und Pastor Tegler. Kerstin Harms blies auf der Trompete „Ich bete an die Macht der Liebe“ Die Predigt hielt Pastor Tegler auf polnisch : „Vergeltet nicht Böses mit Bösem“. Die deutschen Gäste erhielten eine Übersetzung. Russische Kinder aus Gussew/Gumbinnen, die ihre Ferienfreizeit in Sorkwity/Sorquitten verbringen, runden den Gottesdienst mit Gesang ab. Auch der Verein Freunde Masurens e.V. hat sich finanziell an dem Aufenthalt der Kinder aus Russland, die aus einer sehr armen Gegend kommen, beteiligt.
Hinterher findet in der Kirchengemeinde ein gemütliches Mittagessen mit Grillen statt.
Wer möchte, kann im Anschluss nach Ryn/Rhein fahren, um dort ein Blumenbukett auf dem vom Verein Freunde Masurens e.V. im Jahre 2011 errichteten Mahnmal für 24 sinnlos ermordete Frauen, Kinder und alte Männer zu legen.
Ein sehr schöner Abschiedsabend im Hotel Panoramic Oscar mit Ehrungen vom Landtagspräsidenten Julian Osiecki für 10 Jahre Gruppenreise nach Masuren für Kerstin Harms, Ehrenfried Adamzyk und Fahrer Uwe und masurischen Klängen beendet unseren Aufenthalt in Mrągowo/Sensburg. Zugegen sind auch das Ehepaar Osiecki, das Ehepaar Bielski (Inhaber des Hotels), Mitglieder der Deutschen Minderheit sowie das Ehepaar Grygo aus Krutyn/Kruttinnen.
Montag, 25.06.2018
Die Abreise beginnt. Über Olsztyn/Allenstein und Ostróda/Osterode geht es zum Oberländischen Kanal – einem durch Anwendung von Rampen statt Schleusen schiffbar gemachten Kanal. Die 5 geneigten Ebenen haben ihn berühmt gemacht.
Weiterfahrt nach Frombork/Frauenburg - am Ufer des Frischen Haffes gelegen. Von 1510 – 1543 wohnte und arbeite hier Nikolaus Kopernikus auch hier. Beigesetzt wurde er im Dom. Der Dom - von 1329 – 1388 errichtet - ist das größte gotische Gotteshaus im Ermland. Das atemberaubende Orgelkonzert hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck bei uns allen.
An einem Mahnmal am Frischen Haff, wo 450000 Menschen in der Zeit von Februar – März 1945 ihr Leben auf der Flucht durch die russische Armee verloren, legen wir ein Blumengebinde ab.
Weiter geht es nach Malbork/Marienburg. Die gleichnamige Ordensburg war die bedeutendste und größte Ordensburg der Deutsch Ordensritter. Sie wurde von 1276 – 1448 erbaut und weiterbefestigt, sie war Königspalast, Zeughaus und Kloster. In einer sehr beeindruckenden abendlichen Führung besichtigen wir das Weltkulturerbe.
Dienstag, 26.06.2018
Wir fahren nach Gdańsk/ Danzig zur Stadtbesichtigung. Gdańsk/Danzig war einst eine der reichsten und mächtigsten Metropolen Europas - nach London und Antwerpen die größte nordeuropäische Stadt. Obwohl im 2. Weltkrieg zu fast 100 % zerstört sieht man heute das Ergebnis einer grandiosen Wiederaufbauleistung. Überall begegnet uns der Bernstein – das Gold der Ostsee! Wunderschöne Plätze laden zum Verweilen ein.
Weiter geht es nach Szczecin/Stettin – unserer letzten Station in Polen. Uwe erfreut uns mit einem kleinen Imbiss am Bus. Szczecin/Stettin wird auch die Großstadt im Grünen genannt. Herrliche Wälder und das Wasser von Oder und Ostsee prägen das Bild der Stadt. Am Abend kehren wir in einem Restaurant mit Blick auf die Oder ein.
Mittwoch, 27.06.2018
Für uns findet eine Stadtführung mit einem Orgelkonzert in der St. Jacobi-Kathedrale statt. In einer altpolnischen Schenke kehren wir zum Abschied ein.
Danach machen wir uns auf den Heimweg nach Scharnebeck, wo wir am Abend wohlbehalten ankommen.
Es war für uns ein beeindruckendes und unvergessliches Erlebnis.
Wir danken ganz herzlich den Organisatoren Kerstin Harms, Pastor Tegler und Fahrer Uwe.
Vom Niederrhein grüßen herzlich
Walter Schwarz
Marion Lukasczyk
Annelie und Wolfgang Gronowski
Pastor Teglers 35. Masuren/Studienfahrt 2017
Sonntag, den 18. Juni 2017
Heute beginnt – vorerst für uns - endlich die Reise in die ehemalige deutsche Provinz Ostpreußen. Am Anfang waren Erzählungen der Schwiegermutter – waren Fotos von Masuren. Gut 10 Jahre später wird mein Traum wahr: Wir reisen durch ein verlorenes Land, wir fahren nach Ostpreußen und wir fahren in die Heimat von „Opi“ – dem Vater der beiden Schwestern Christa und Sabine - und von Jürgen. Schade dass „Brüdi“ – der Bruder der Beiden - nicht auch mit dabei sein kann. Die Umstände lassen es nicht zu.
Wir machen einen Schlenker über Frankfurt und holen Christa in Bergen-Enkheim ab. Dann geht es zurück auf unsre Route und weiter in Richtung Scharnebeck, dem Beginn unserer Reise und Treffpunkt am nächsten Morgen.
Wir wollen früh genug in Scharnebeck ankommen um das Schiffshebewerk noch zu bestaunen, denn das ist für uns Süddeutsche ja schon eine andere Dimension als unsere sanften Main- und Neckarschleusen. Nach der Besichtigung des Schiffshebewerkes und dessen Informationszentrums erwartet uns das Gästehaus Sveta Kruse. Am Abend sitzen wir noch etwas zusammen – ein erstes Kennenlernen in der Gruppe mit der wir knapp 2 Wochen unterwegs sind.
Montag, den 19. Juni 2017
Heute nun, am Montag, 19. Juni 2017 geht das Abenteuer los. Es heißt früh „Raus aus den Federn“, denn um 07:00 Uhr ist Abfahrt am großen Parkplatz am Scharnebecker Schiffshebewerk. Zuvor gilt es noch Bäcker Kruse aufzusuchen. Den Weg dahin kennen wir bereits vom Vortreffen im April. Dann endlich brechen wir auf zur Fahrt mit dem Reisebus der Firma Stambula - vorbei an Lauenburg, dessen Panorama sich vor uns in der Elbe spiegelt. Bei Stolpe übernimmt unsere endgültige Busfahrerin Petra den Bus. Bevor die Ersten in ihren Reiseschlummer fallen, entfaltet Pastor Fryderyk Tegler die Morgenandacht zur Tageslosung aus Jeremia 8,9: Was können die Weißen Weises lehren, wenn sie des HERRN Wort verwerfen? Nun weise ist, wer Gottes Wege und Willen achtet und einbezieht, wer offen ist für das, was Gott mit uns anfangen kann und will. Eine Strophe aus dem Abendlied von Matthias Claudius hat die Mutter ihrem Sohn gestickt, der ihn nun stets vor Augen hat: Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen garnicht viel.
Über den Berliner Ring geht es zum Grenzübergang Frankfurt/Oder, den wir um 12:45 Uhr erreichen und weiter Richtung Gnesen [Gniezno]. Nach einer Pause in Stolpe gibt Pastor Tegler Informatinen zu Gnesen, einer der ältesten Städte Polens. Erste menschliche Ansiedlungen gibt es bereits in der Steinzeit. Um das Jahr 1000 empfängt Bolesław I. Chrobry Kaiser Otto III. und es kommt zur Gründung des ältesten polnischen Erzbistums. Bolesław I. Chrobry wird der erste König von Polen. Bis 1320 ist die Stadt Krönungsort der polnischen Könige. Gniezno ist lange Zeit das kulturelle Zentrum Polens und Hauptstadt der polnischen Nation. Polen verbindet so mit dieser Stadt die Anfänge seines Staatswesens zumal Gnesen bis heute Sitz der katholischen Kirche Polens mit dem Primas als oberstem Hirten ist.
Für 17:00 Uhr ist die Ankunft in Gnesen geplant. Zuvor ist aber noch – wie wohl bei jeder Masurenfahrt - das pädagogisch verordnete Brückenzählen an der Reihe. Dann erreichen wir Gnesen. Vor der Abendandacht im Dom mit Erzbischof Prof. Dr. Muszyński und der Besichtigung der Kathetrale führt uns noch ein kleiner Rundgang mit dem Kanzler des Erzbistums Dr. Andrzej Bialczyl durch die Stadt. Die Erzkathedrale von Gnesen ist eines der bedeutendsten Kirchengebäude Polens. So ist die Kirche seit dem 15. Jhrt zugleich die Hauptkirche des Erzbischofs von Gnesen sowie des Primas von Polen. Von europäischer Bedeutung ist in der Erzkathedrale die zweiflügelige Bronzetür. Anlässlich des Besuchs von Papst Johannes Paul II. in Polen 1997 schuf der deutsche Künstler Heinrich Gerhard Bücker für die Erzkathedrale einen neuen Hochaltar, der vom Papst bei seinem Besuch persönlich geweiht wird.
Dann ist es soweit: Erzbischof Prof. Dr. Muszynski begrüßt unsere Gruppe in der Kathedrale – und das in absolut einwandfreiem Hochdeutsch. Wie zu hören ist, spricht er darüber hinaus aber noch mehrere andere Sprachen: Ein feiner, gebildeter und überaus faszinierender Mann – ohne Frage.
Für 19.00 Uhr ist das Abendessen mit den Gästen Erzbischof Prof. Dr. Muszynski und dem Kanzler Dr. Andrzej Bialczyl vorgesehen. Zuvor gilt es für Kerstin Harms aber noch eine Hürde zu beseitigen: Polen – nun Mitglied von EU und NATO – hat Gäste: Amerikaner haben sich in unserem Hotel einquartiert. Und so können nur 16 Reiseteilnehmer tatsächlich im Hotel „W Starej Kamienicy“, in der 3 Maja 13 in Gnesen übernachten. 32 Personen dagegen nächtigen im komfortablen Hotel „Nest“. Ein Name der durchaus bedeutungsvoll ist, denn Gniezno - ins Deutsche übersetzt - heißt Nest. Zur Begrüßung in unserem Nachbarland sind dann alle wieder im Hotel „Zum alten Bürgerhaus“, was „W Starej Kamienicy“ auf deutsch bedeutet.
Polnische Folklore mit einem sehr bekannten Ensemble „Wiwaty“, das sich dem Erhalt dieser Musik verschrieben hat und uns ein gemütliches Beisammensein bei polnischer „Volkstümlicher Musik“ und unseren Gästen Erzbischof Prof. Dr. Muszynsk und Dr. Andrzej Bialczyl bereitet.
Dienstag, den 20. Juni 2016
Wir fahren pünktlich um 8 Uhr vom schönen Hotel Nest los um die restliche Gruppe abzuholen – fast jedenfalls, denn in Zimmer 103 steht der Koffer noch auf dem Zimmer. Jetzt geht es aber wirklich vom Hotel „W Starej Kamienicy“ los. Zweieinhalb Stunden werden wir bis Thorn (Torun) fahren.
Dann spricht es sich im Bus herum: Im Vorfeld der Reise hat es erhebliche Probleme gegeben. Pastor Fryderyk Tegler ist erst unmittelbar vor Reisebeginn aus dem Krankenhaus entlassen worden („Man kann nicht ohne Herz fahren“). Lange war unklar, ob er die 35. Masurenreise überhaupt wird antreten können. Und auch die souveräne Busfahrerin Petra wusste am Freitag vor Reisebeginn noch nichts von einer Masurenfahrt, die sie dann nach den Ausfällen von zwei Kollegen übernimmt.
Pastor Tegler hält wieder eine Andacht zur Tageslosung. Psalm 42,7: „Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir, darum gedenke ich an dich“. Der Sänger des Psalms ist betrübt und verunsichert, weil ihn eine tiefe Sehnsucht nach dem lebendigen Gott umtreibt. Wir antworten mit dem Lied „Gott ist die Liebe – er liebt auch mich“. Pastor Tegler endet die Andacht mit Gebet und Vaterunser und spricht uns den aronitischen Segen zu.
Um 10 Uhr überqueren wir die Weichsel und lernen den Begriff „Stadtrundfahrt“ in seiner eher unangenehmen Variante kennen. Irgendwann sind wir zum dritten Mal an derselben Straßenbahnquerung. Doch dann ist der Parkplatz endlich erreicht. Einige fahren mit einer Taxe zu einem - für sie bedeutsamen - Friedhof – andere gehen zur Toilette und Dritte suchen einfach nur Schatten. Es ist richtig heiß geworden inzwischen.
Nach der obligatorischen Kulturpause holt der Stadtführer „seine lieben Gäste“ zum Stadtrundgang durch Thorn (Torun) ab. Der polnische „Stadtbegleiter“, wie er sich nennt, führt dann „seine lieben Gäste“ vorbei am Kopernikus-Denkmal und „Schiefem Turm“ zum Rathaus und Marktplatz. Und dann schmecken uns die „Kathrinchen“, die Thorner Ganzjahres-Lebkuchenspezialität, welche die Meisten von uns erstehen.
Thorn ist eine deutsche Gründung, die im Verlauf der Geschichte dann 3 x deutsch und 3 x polnisch werden wird. Die Blütezeit der Stadt ist im 19. Jahrhundert. Die Stadt spielt auch in der Hanse eine wichtige Rolle und wird „Königin der Weichsel” genannt. Im Zweiten Weltkrieg wird sie fast nicht zerstört: Backsteinbauten wie Rathaus, Kirchen, Stadttore, Stadtmauer und Bürgerhäuser bestimmen den Charakter Thorns. Nikolaus Kopernikus wird 1473 hier geboren. Und so ist die Thorner Universität „Nikolaus Kopernikus“ heute Partneruniversität der Universitäten von Göttingen und Heidelberg. Wir gehen vorbei an Kornspeichern, finden immer wieder deutsche Schriftzüge an den Hauswänden von Thorn und Spuren auf Ladenschildern. Heute lebt Torun in einem großen Maß vom Tourismus, berichtet unser Stadtbegleiter. Schön ist, dass Thorn, 1997 zum Weltkulturerbe erklärt wurde.
Während einer Pause auf dem Rastplatz vor Allenstein (Olsztyn) proben wir – auf Wunsch einiger TeilnehmerInnen - das Lied „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“, das wir dann in der Andacht singen wollen. Die Andacht, die an der Grenze von Ermland und Masuren stattfinden soll, muss dann aber aus Zeitgründen ausfallen, denn um 19:00 Uhr warten im Hotel in Sensburg (Mragowo) Zimmerverteilung und Abendessen auf uns.
Dort kommen wir kurz vor 19:00 Uhr an und werden im Hotel „PANORAMIC-OSCAR“ mit einer polnischen „Żubrówka“ (Bison-Wodka) empfangen.
1945 unzerstört, präsentiert sich Sensburg als schöner Ferienort, der malerisch am Schoß-See (Czos See) gelegen ist. Es ist eines der wichtigsten Ferienzentren der Masurischen Seenplatte. Von den beiden Weltkriegen wenig berührt, bietet Sensburg das Bild einer ostpreußischen Provinzstadt - mit vielen Häusern aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die heute als architektonisches Ensemble unter Denkmalschutz stehen. Und – wenn wundert es: Pastor Tegler ist in dieser Stadt der erste Ehrenbürger.
Hier beziehen wir nun unser schönes Quartier im Hotel am Wald und Ufer des schönen Schoß-Sees: Für 8 Tage und Nächte richten wir uns ein und lernen die Freunde von Pastor Tegler kennen. Der Landtagspräsident von ”Warmia i Mazury” (Ermland und Masuren), Herr Julian Osiecki und seine Frau Jadwiga, die Stadtdirektorin von Mragowo, begleiten uns in den nächsten Tagen immer wieder auf unseren Touren.
Masuren - allein der Klang des Wortes zieht mich immer wieder zu dieser Landschaft des Ostens hin. Masuren ist mit seiner eiszeitlichen Moränenlandschaft, seinen tiefen Wäldern und den kristallklaren Seen und Flüssen eine irdische Idylle. Ein Land der scheinbar unendlichen Seen, inmitten tiefer, dunkler Wälder. Orte und alleinstehende Gehöfte, die sich in der Schwere der Landschaft verlieren. Und über allem ein Hauch von Melancholie. Es ist die Tiefe, die besondere Stimmung Masurens, die mich so fasziniert. Viele Werke bekannter Schriftsteller sind hier verwurzelt. Ich denke an Siegfried Lenz, Arno Holz, Agnes Miegel, Arno Surminski oder an Ernst Wiechert. Schriftsteller, bei denen sich die wunderbaren Bilder dieser Landschaft in ihren Texten wiederfinden. Auch Ralph Giordano zeigt uns in seinem Buch „Ostpreußen ade“, immer wieder hingerissen von den Wäldern, den Seen und den Tieren Ostpreußens einmalige Naturschönheit. Dabei treiben ihn drei Grundgefühle um: die Liebe zu einem unvergleichlich schönen Land, der Zorn auf Hitler und seine Anhänger, die es verspielt haben, und die Trauer, weil dieser Verlust unwiderruflich ist.
Mittwoch, den 21.06.2017
Heute stehen der Wallfahrtort Heilige Linde sowie Rössel und Warpuhnen auf unserem Programm. Auf der Fahrt zur Dorfkirche Warpuhnen – erzählt Pastor Tegler noch im Rückblick auf den gestrigen Tag in Gnesen und den Altar des Heiligen Adalbert, dass der Hl Adalbert Märtyrer war und von den Pruzzen ermordet wurde. Der Hl Adalbert (er hieß von Geburt Vojtĕch) und war Sohn eines böhmischen Fürsten aus dem Hause der Slavnik, seine Mutter war mit dem deutschen König Heinrich I. verwandt. Vojtĕch war ein aufgewecktes Kind, doch eine schwere Krankheit bewog seine Eltern, ihren Sohn der Gottesmutter Maria zu versprechen und ihn für den geistlichen Beruf zu bestimmen. Bei der Firmung in Magdeburg, erhielt er von Erzbischof Adalbert den Namen Adalbert. Auf Drängen seines Erzbischofs Willigis von Mainz kam Adalbert dann zusammen mit zwölf Mönchen 992 nach Prag und gründete dort mit diesen Mönchen das Kloster Břevnov, das bald zu einem religiös-kulturellen Zentrum wurde. Von hier aus unternahm er Missions-Aktivitäten in Ungarn, wo er wohl König Geysa und König Stephan I. taufte, und nach Polen, wo er Erzbischof von Gnesen - dem heutigen Gniezno - wurde. Auf Betreiben des polnischen Herzogs Bolesław I. Chrobry, dem Tapferen und mit dessen Unterstützung in Form von Begleitung durch 30 von Soldaten zog Adalbert nach Gdańsk (Danzig), von wo aus er auf Wunsch des Herzogs die den Polen feindlichen Pruzzen im Samland missionieren sollte. Nur noch begleitet von seinem leiblichen Halbbruder Gaudentius und dem Priester Benedikt ging er von dort in die Dörfer der Pruzzen, blieb aber ohne Erfolg und wurde immer wieder vertrieben. Nach wenigen Tagen wollte er die Gegend deshalb wieder verlassen, wurde aber am Frischen Haff vom Götzenpriester Sicco mit einem Ruder erschlagen und mit Spießen durchbohrt; sein Kopf wurde abgetrennt und auf einem Pfahl ausgestellt. Ein Adler soll seinen Leichnam bewacht haben, bis er in Gniezno in dem um 1000 erbauten Dom bestattet werden konnte; Boleslav I. habe seinen Leichnam mit Gold aufwiegen lassen und so losgekauft.
Im bekanntesten polnischen Marien-Wallfahrtsort Święta Lipka (Heilige Linde) werden wir natürlich wieder in perfektem Deutsch geführt. Die Kirche und das Kloster der Jesuiten in Święta Lipka gelten als einer der wertvollsten Barockkomplexe im Land und einer der wichtigsten Pilgerorte Nordpolens. Die Kirche aus dem Jahr 1693 wurde vom Jesuitenorden wegen des sumpfigen Geländes auf Erlenpfählen errichtet. Die dreischiffige Basilika und das gesamte Klosterensemble wirken auf mich überwältigend. Vor allem die farbige Fassade mit den zwei hohen Türmen, eingebettet im Grün der Vegetation, hat etwas Luftiges. Beim Eintritt in den Kirchhof bewundere ich das schöne, im 18. Jahrhundert meisterhaft angefertigte Tor – das Werk eines Schmiedes aus dem nahen Rössel. In den Nischen der Kapellen und in der westlichen Seite des Kreuzganges stehen vierundvierzig Steinfiguren, die sogenannte Ahnentafel Christi. Ganz in der Tradition der Jesuiten wurde die Kirche mit theatralischen Elementen wie illusionistischen Wand- und Deckenmalereien (die prächtigen Wandmalereien stammen von Matthias Meyer) ausgestattet. Die dreischiffige Basilika 1687/1693 von dem gebürtigen Tiroler Georg Ertly erbaut, beeindruckt mit ihrer prachtvollen Ausstattung. Die größte Attraktion stellt das orginellste Meisterstück die berühmte Barockorgel dar. Ein wahres Prachtstück diese Orgel, die von 1721 stammt und vom Königsberger Orgelmeister Johann Josua Mosengel geschaffen wurde. Sie ist mit Engelsfiguren verziert, die sich während des Spiels lebhaft bewegen. Schwester Agnes, eine von 4 Ordensschwestern, ist Organistin und spielt für die anwesenden Besucher u.a. Ave Maria und Toccata von Johann Sebastian Bach. Święta Lipka als Gesamtensemble gilt als "Perle des Barocks". Eigentlich würde man vermuten – diese neben Frauenburg berühmteste Kirche des Ermslandes – nicht im früher hauptsächlichen protestantischen Masuren zu finden. Wie fast alle Wallfahrtsorte hat natürlich auch Święta Lipka schöne Legenden parat.
Über die ermländisch-masurische Grenze kommen wir ins nahe Rössel (Reszel), ein kleines, verträumtes, reizvolles Städtchen, das auf einem Hügel liegt und seine ursprüngliche Altstadtanlage bewahrte. Das ermländische Städtchen gilt als Eingangstor nach Masuren. Am sechs Kilometer langen Abschnitt des sogenannten Pilgerweges von Święta Lipka nach Reszel wurden 1733 fünfzehn barocke Rosenkranzkapellen gebaut.
1347 hatten sich Augustinermönche niedergelassen, die in der Nähe der Burg ein kleines Kloster und die Johanniskirche errichteten. 1353 ging die Stadt in das Eigentum der Bischöfe von Ermland über. Von 1373 bis 1401 wurde eine Stadtmauer mit Wehrtürmen errichtet.
1632 übernahmen Jesuiten das seit über hundert Jahren verlassene Augustinerkloster und richteten dort ein Kolleg ein, das in den ersten Jahren 15 Schüler kostenlos unterrichtete. Aus ihm entwickelte sich später ein staatliches Gymnasium – wird uns berichtet. 1772 kam Rössel im Ergebnis der ersten Teilung Polens zusammen mit dem gesamten Fürstbistum Ermland zum preußischen Staat.
Im Mai 1806 wird Rössel durch einen großen Brand zerstört, in dessen Folge sie fast ganz neu aufgebaut werden muss. Die ebenfalls zerstörte Burg überlässt der preußische König Friedrich Wilhelm III. der evangelischen Gemeinde, die sich dort nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel eine Kirche und Wohnungen für Pfarrer und Kantor errichtet. Insgesamt dauert der Wiederaufbau der Stadt bis 1840. Der Brand wird ungerechtfertigter Weise der Magd Barbara Zdunk angelastet, die ihn durch Zauberkraft entfacht haben soll. Sie ist eine der letzten „Hexen“ die – nach Folter und Geständnis – verbrannt wird. In der Burg sind entsprechende Marterwerkzeuge ausgestellt. Vorbei an der ursprünglichen Kirche der Augustiner und späterem Jesuiten-Kolleg, heute ein griechisch-orthodoxes Gotteshaus, überqueren wir zu Fuß eine, für unseren Bus gesperrte, mittelalterliche Brücke über die tief unter uns fließende Sajna. Das Stadtgebiet selbst befindet sich über den Steilhängen des Ufers der Zaina (Sajna), einem Flüsschen, das an der Stadt vorbeifließt. Dann stehen wir vor der größten Attraktion – der alten Bischofsburg – einem massiven Backsteinbau mit einer dicken runden Bastei – mit 126 gezählten ungleichmäßigen Turmstufen - einem schlanken neugotischen Türmchen und einem mächtigen rechteckigen Tor, das zum kleinen, kopfsteingepflasterten Innenhof führt. Die Burg wurde im 14. Jh. errichtet und war über mehrere Jahrhunderte Eigentum der Bischöfe von Ermland. 1780 wird sie vom Bistum aufgegeben. Die Burg behielt bis heute überwiegend ihre ursprüngliche Form und gilt als Musterbeispiel gotischer Verteidigungsbauten. Seit 1945 beherbergt die Burg in einem „Anbau“, der ehemals die evangelische Kirche war, eine interessante Kunstgalerie. Es gibt ein Café und Gästezimmer. Vom Turm aus bewundern wir den weiten Blick über das Stadtpanorama. Am südlichen Rand der Stadt entstand in den Jahren von 1360 bis 1381 eine dreischiffige Hallenkirche, die heutige Pfarrkirche St. Peter und Paul. Einige gehen dann noch in die nahe Kirche, die wahrlich eine Besichtigung wert ist.
Jetzt führt uns der Weg weiter nach Lossainen Łęźajny. Zu den Sehenswürdigkeiten des Dorfes Łęźajny (Lossainen) gehört das 1910 errichtete Schloss Łęźajny (Lossainen). Es war Sitz des 1909 geadelten Admirals Fischer von Lossainen (Er war Konteradmiral der kaiserlichen deutschen Marine). Trotz Plünderungen ist die Inneneinrichtung – der man durch die Holztäfelungen ansieht, dass Herr Fischer von Lossainen von Beruf Schiffsbauer war - teilweise erhalten. Zu den sehenswerten Details der Innenausstattung gehören die Stuckdecken in den Repräsentationsräumen, Eichenwandtäfelungen, die originalen Kacheln in der Küche und das unveränderte Badezimmer im Obergeschoss. Im Weinkeller des Hauses wurden Wandmalereien entdeckt, welche Embleme der Meeresflotte darstellen. Die Führung zeigt den Empfangsraum, die Bibliothek, den Ballsaal und den Speisesaal. Die (spärliche) Ausstattung - Möbel, Tapeten, Vorhänge, Bilder - wird zurzeit vom polnischen Fernsehen (die Kaschuben hatten ja kein Schloss) für die Aufnahmen zu einer Fernsehserie über das teils tragische Leben der polnischen und deutschen Kaschuben umgestaltet - insbesondere zum Gedenken an die Opfer der Hinrichtung von 20.000 Behinderten. Heute ist das Schloss das Gästehaus der Universität und Eigentum der Universität Ermland-Masuren. Nur Gruppen mit einem Leiter mit besonderen Beziehungen können dort Kaffee und Kuchen genießen – uns schmeckte jedenfalls beides. Das Schloss liegt in einem Park, der im Norden von einem Wald abgeschlossen wird. Im Nordosten des Parks sehen wir im Vorbeifahren aus dem Omnibus die Kapelle, welche ursprünglich das Mausoleum der Familie von Fischer war. Wir fahren weiter: durch die Städtchen schlängeln sich Straßen aus altem Kopfsteinpflaster, stille Dörfer mit roten Ziegeldächern sind durch schattenspendende Alleen verbunden.
Unser „Kurzbesuch“ in Warpuhnen (Warpuny) steht bevor. Die Gründung des Ortes Warpuhnen im Quellgebiet der Krutinna, geht auf den 22. Hochmeister des Deutschen Ordens, Winrich von Kniprode zurück, der den örtlichen Grundbesitz des Ordens im Rahmen der Kolonisation aufteilt und 1373 das Freigut Wersteinen dem prußischen Edlen Sanglobe als Lehen überschreibt.
Der evang.-luthersche Gottesdienst findet zunächst in den Schulen von Warpuhnen und den umliegenden Orten statt. Am 17. Juni 1881 erfolgt dann die Grundsteinlegung für das neue Kirchengebäude, das am 08.08.1882 eingeweiht wird. Der Gottesdienst wird auf Deutsch und Polnisch bzw. Masurisch gehalten, das die örtliche Bevölkerung damals überwiegend spricht. Gottesdienste auf Masurisch finden bis zum Verbot des Masurischen als Kirchensprache Ende 1939 zuletzt – wegen der Verdrängung des Masurischen durch das (Platt-)Deutsche – nur einmal monatlich statt. Danach dürfen Gottesdienste nur noch auf Polnisch abgehalten werden, allerdings – wird berichtet - ließ es sich die Gemeinde nicht nehmen, die Kirchenlieder weiter auf Deutsch zu singen. Die seelsorgerische Betreuung erfolgt von Sorquitten aus durch die Pfarrer der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen (Kościół Ewangelicko-Augsburski w Polsce). Durch - die seit 1957 möglich gewordene - Aussiedlung sinkt die Gemeindegliederzahl allerdings dann drastisch und hat zum Amtsantritt von Pfarrer Krzysztof Mutschmann 1986 nur noch 16 Gemeindeglieder. Entsprechend schwierig gestalten sich Nutzung und Erhalt der heute zur Diözese Masuren (Diecezja mazurska) gehörenden Kirche. Als Folge von Krieg, Flucht, Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung existiert im heutigen Warpuny (anders als im nahegelegenen Sorkwity) keine eigene evangelische Gemeinde mehr. Die Kirche stellt mit ihrer originalen Bausubstanz, erhaltenen Ausmalung und Innenausstattung jedoch ein einzigartiges bauzeitliches Zeugnis des, in der Tradition der Schinkelschen Bauschule stehenden, staatlich preußischen Kirchenbaus im späten 19. Jahrhundert, dar. Sie wird seinerzeit als staatliches Bauwerk durch das Preußische Ministerium für öffentliche Arbeiten ausgeführt und dürfte deshalb auf Entwürfen des Kirchenbaurats Friedrich Adler beruhen. Adler, Absolvent der Schinkelschule, prägt als langjähriger preußischer Kirchenbau-Dezernent maßgeblich das gesamte preußische Sakralbauwesen des späten 19. Jahrhunderts. Nach seinen Skizzen und Entwürfen entstehen mehr als 300 Kirchenbauten, u.a. so prominente wie die Jerusalemer Erlöserkirche, die St. Peter u. Pauls-Kirche in Bromberg (Kościół pw. Piotra i Pawła, Bydgoszcz) und die Berliner Thomas-Kirche.
Landschaftsprägend wird der Warpuhner Kirchenbau auf einer, zum Großen Sonntagschen See hin, abfallenden Anhöhe nach den formalen Vorgaben des richtungsweisenden Eisenacher Regulativs von 1861 (Ostung der Kirche, länglicher rechteckiger Grundriss, gotische Formensprache, erhöhter Altarraum usw.) errichtet. Die Spitze des achteckigen gotischen Turmhelms ist von einer Weltkugel unter dem Kreuz bekrönt. In dieser schönen evangelischen Kirche in Warpuhnen wurde Pastor Tegler getauft, konfirmiert, getraut und seine älteste Tochter getauft. Da die Kirche heute ohne Gemeindeglieder ist, war sie bis vor kurzem dem Verfall preisgegeben. Dankenswerter Weise findet dann auf Initiative des Vereins der „Freunde Masurens“ am 24. April 2016 ein feierlicher Festgottesdienst zum 150. Gründungsjahr des Kirchspiels statt. Für die Erhaltung der Kirche setzen sich Pastor Tegler und die Mitglieder der Vereins „Freunde Masurens“ seit Jahren ein. Und nicht nur ich finde: diese Kirche verdient es erhalten zu werden. Der (katholischen) Bürgermeisterin des Ortes, Justyna Gałka, wird deshalb schon 2016 der Dank ausgesprochen und eine Spende überreicht. Jetzt 2017 wird in ihrem Beisein eine schöne neue Kirchentüre angebracht und anschließend vom katholischen Priester gesegnet.
Jetzt steht die angekündigte Kutschfahrt an - verbunden mit reichhaltigem Abendessen und Tanz sowie der legendären „Masurischen Hochzeit“, die mit großer Spannung erwartet wird. Es geht in die Puszcza Piska (Johannesburger Heide). Nachdem unser Busfahrer seine Fahrkünste in reichem Maße gezeigt und uns an einigen Falschparkern vorbei manövriert hat, fahren wir die letzten Meter auf einem holprigen Feldweg. Dann plötzlich – wir werden Mitten im Wald von einer hübschen Amazone, hoch zu Ross mit langen blonden Haaren und - wie sich später herausstellt - noch längeren schlanken Beinen, gestoppt und auf drei Kutschwagen mit 6 Pferden verteilt. Unsere Kutschwagen werden von der temperamentvollen Eulalia angeführt, die von 2 Hunden und einer wilden Reiterin eskortiert wird. Dann ein neuer, überraschender Stopp: Eulalia gibt bekannt, dass man zu einer Hochzeit geladen sei. Allerdings ist es erst noch erforderlich, dass das Brautpaar von Amazone Martha und deren Pferd auszuwählen ist. Und Marthas Pferd ist wählerisch und sucht und sucht. Dann sind die beide Glücklichen gefunden. Erst wird im Nachbarwagen Erika Gierszewski ausgewählt. Kurz darauf spürt auch der Bräutigam eine Pferdenase im Rücken und - schwups sind die Beiden zwangsverheiratet. Diese Hochzeit startet nun allerdings nicht in der Kirche mit Pastors Segen, sondern beginnt mit einem komfortablen Menü in der Johannesburger Heide. Zwischenzeitlich hat uns die temperamentvolle Eulalia auf ihren Reiterhof gebracht. Sie erläutert hier ihre Stiftung – die aus einer Art Gnadenhof besteht, der sich der Betreuung von Tieren widmet. Bald setzt Akkordeonmusik ein und zu den rhythmischen Schlägen des Schlagzeugs eröffnet das „Brautpaar“ den Tanzreigen. Brauttanz mit Ausschwärmen, Hexentanz, Babywalk und Polonaisen, nebst Volkstanzeinlagen, runden im weiteren Verlauf des Abends die masurische Hochzeit erlebnisreich ab. Die Brautleute werden dann – zur Vermeidung von Komplikationen - rechtzeitig wieder zwangsgetrennt. Um 23:00 Uhr erklingt das Schlusslied und es geht ohne Umwege mit dem Omnibus – nach Hause.
Donnerstag, den 22. Juni 2017
Heute freuen wir uns auf die Fahrt nach Ketrzyn, Gierloz, Stynort, Wegorzewo und Gizycko Wir fahren nach Kętrzyn (Rastenburg), einem Deutsch-Ordensritter-Städtchen. Am 7. Mai 1946 wählt die polnische Verwaltung dann eine neue Bezeichnung für die Stadt Rastenburg, die sie bis dahin auf Polnisch Rastembork genannt hatte. Sie wird nun nach Wojciech Kętrzyński, einem polnisch-nationalistischen Historiker benannt. Er lebte von 1838 bis 1918, hieß ursprünglich Adalbert von Winkler und war Sohn eines preußischen Gendarmen. Später nahm er den kaschubisch-slawischen Vaternamen seiner Vorfahren an und nannte sich nun Wojciech Kętrzyński.
Schon kurz vor Rastenburg fallen die markante Ordensburg und die Kirche auf. Hier in Rastenburg besichtigen wir Stadt, Burg und Kirche mit Pastor Pawel Hause. Die ehemalige evang. Kirche ist heute eine katholische Basilika. Viele Elemente aus der evangelischen Zeit sind jedoch nicht einfach beseitigt worden – heute noch sichtbar sind an der Kanzel Martin Luther und Philipp Melanchthon zu sehen. Ebenso auch das große ehemalige Altarbild aus der evangelischen Zeit - auch wenn dieses mittlerweile zur Seite geräumt ist.
Flucht und Vertreibung der einheimischen Bevölkerung ließen das kirchliche Leben der evangelischen Gemeinde in der - jetzt „Kętrzyn“ genannten - Stadt und ihrer Umgebung nahezu erlöschen. Nur vereinzelte evangelische Kirchenglieder sind verblieben, die sich jetzt mit den – auch nur wenigen – polnischen Neubürgern evangelischer Konfession zu einer neuen Gemeinde zusammenfinden. Ihr wird die ehemalige „Polnische Kirche“ (eine ehemalige Friedhofskapelle) übertragen; ein eigener Pfarrer nimmt seinen Dienst auf und Pastor Pawel Hause versorgt bis heute einen weiträumigen Sprengel mit noch vier Filialgemeinden in Barciany (Barten), Bartoszyce (Bartenstein), Brzeźnica (Birkenfeld) und Srokowo (Drengfurth). Pastor Pawel Hause erläutert dann ausführlich seine evang. Kirche, die heute rund 500 Gemeindeglieder umfasst. Sie trägt sie den Namen von Johannes dem Täufer. Leider wird hier in Kętrzyn aber keine Ökumene gelebt. So treten Kath. Priester und Bürgermeister bei allen Festen gemeinsam – als Einheit gewissermaßen – auf und die Evangelischen werden, so muss Pastor Hause berichten, einfach ignoriert. Und doch: Auch in Rastenburg gibt es ein Reformationsgedenken 1517 – 2017. Pastor Hause berichtet auch noch aus der Diözöse und dem Rastenburger evangelischen Gemeindeleben sowie aus den umliegenden Gemeinden. Die rund 5000 Gemeindeglieder der katholischen Kirchengemeinde werden von 4 Priestern betreut, die zudem noch von einigen Nonnen unterstützt werden.
Bekannt ist Rastenburg unter anderem auch für seine Pferdezucht. Die Freimaurerloge „Drei Thore des Tempels“ wird 1818 in Rastenburg gegründet und ist ein Teil der Großen National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“. Sie besteht bis 1935 und errichtet das heute noch bestehende Logengebäude. Zu den Sehenswürdigkeiten zählt die Burg Rastenburg – sie hat einen quadratischen Grundriss und zweistöckige Kreuzgänge. Die gegenüberliegende imposante Pfarrkirche St. Georg, die in die Stadtbefestigung integriert ist, wirkt durch ihre massive Bauart, die viereckigen Türme und ihre Größe, wie eine Wehrkirche. Kirche und Burg geben der Stadt ein besonderes Gepräge.
Im Gebäude der Apotheke „Zum Adler“ kommt Arno Holz, der Dichter und Dramatiker des Naturalismus und Impressionismus 1863 zur Welt. Über die St. Georgenkirche seiner Heimatstadt schreibt Arno Holz im „Kinderparadies“ ein Gedicht. Die Erinnerungen an die Stadt seiner Kindheit beschreibt er im Buch „Phantasus. Insbesondere Holz' späte Lyrik im "Phantasus" zeichnet sich ebenso durch Lebensnähe, inhaltliche Tiefgründigkeit, gedankliche Klarheit sowie hohe sprachliche und kompositorische Kreativität wie durch Phantastereien aus. Vielfach weist sie einen Hang zur Melancholie auf.
Hier bei Rastenburg wird 1940 - in unmittelbarer Nähe der Stadt - das Führerhauptquartier Wolfsschanze errichtet. Zwischen den Seen und Sümpfen Masurens im Stadtwald von Rastenburg liegt dieser beklemmende Ort. 1940 wählt Hitler den Flecken zu seinem Hauptquartier. Hier entstehen massive Stahlbetonbunker für ihn, für seine Generäle und diverse Nazigrößen. 240 Hektar groß war das Gelände, von Tarnnetzen geschützt. Von hier aus regiert er sein tausendjähriges Reich, allerdings nur knapp 1000 Tage: Vom Überfall auf die Sowjetunion bis zum November 1944, als der Vormarsch der Roten Armee auf die deutschen Grenzen nicht mehr aufzuhalten ist. Deutsche Pioniere jagen das Bunkergelände in die Luft. Übrig bleiben gewaltige Mauer- und Deckenreste, kahl, grau, hie und da von einer grünen Moosschicht überzogen. Bis 1955 räumen polnische Soldaten hier 55.000 Minen fort. Dorthin führt uns nun unser Besuch. Beim Dorf Gierłoź (Görlitz), erwartet uns Gästebegleiter Jerzy Szynkowski erwartet. Jerzy Szynkowski ist Autor einiger interessanter Bücher über die Wolfsschanze und Masuren. Und er legt Wert darauf Gästebegleiter und keinesfalls Führer zu sein. Ein Ausdruck, den er an dieser Stelle nicht mehr hören möchte. Im Verlauf des Rundganges – inzwischen war es recht schwül geworden und die Mückenplage setzte uns (trotz „Antibrumm“) mächtig zu - berichtet er, dass ab September 1940 unweit von Rastenburg im Mauerwald (Mamerki) unter höchster Geheimhaltung das Hauptquartier Hitlers in Vorbereitung seines Überfalls auf die Sowjetunion 1941 angelegt wird. Die Kosten für die Bunkeranlage werden auf 80 Millionen RM beziffert. Die Wände der prominenten Bunker sind so ausgelegt, dass sie sogar den amerikanischen 1800-Kilo-Bomben standhalten konnten. Die Anlage umfasste insgesamt ca. 40 Wohn-, Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude sowie sieben massive und 40 leichte Stahlbetonbunker. Die Decken der Bunker waren sechs bis acht Meter dick. Die Anlage verfügte über einen Bahnanschluss und besaß einen eigenen Flugplatz und war von einem 50 bis 150 Meter breiten Minengürtel und einem 10 km langen Stacheldrahtzaun umgeben.
Hitler selbst hält sich vom 24. 6. 1941 bis zum 30. 11. 1944 an rd. 800 Tagen in der Wolfsschanze auf. Nach dem Abzug von Hitler übernimmt vorübergehend der Stab der IV. Feldarmee von General Hoßbach die Anlage. Am 24.01.1945 - sinnigerweise dem Geburtstag von Friedrich dem Großen, dem Idol und endzeitlichen Hoffnungsträger - wird die gesamte Anlage von deutschen Pioniertruppen gesprengt.
Unserem Gästebegleiter Jerzy Szynkowski gelingt es uns anhand seiner mitgebrachten Unterlagen und Bilder das ganze Ausmaß dieses Irrsinns aufzuzeigen. Außer den gesprengten, teilweise riesigen Betonklötzen gibt es aber heute eigentlich nicht (mehr) viel zu sehen. Hier ist wirklich das gesprochene Wort entscheidend; und das vom Zeitzeugen Jerzy Szynkowski ist besonders eindrücklich.
Die Wolfschanze wird einer der Orte bleiben, die das Wort vom „tausendjährigen Reich“ auf ganz unbeabsichtigte Weise wahrmachen wird. „Ihre Betonquader, die lastenden Trümmer von alpinen Ausmaßen, sind nicht abzutragen, durch alle Presslufthämmer der Welt nicht. Sie sind unvergänglich.“ (Ralph Giordano)
Am 20. Juli 1944 findet in einer Leichtbaracke der Wolfsschanze das missglückte Attentat auf Hitler statt, das der Diktator leicht verletzt überlebt. An der Stelle des fehlgeschlagenen Attentats bringt man am 20. Juli 1992 eine eindrückliche Gedenktafel an. Wir lesen (der Text ist auf polnisch und deutsch angebracht):
„Hier stand die Baracke, in der am 20. Juli 1944 Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein Attentat auf Adolf Hitler unternahm. Er und viele andere, die sich gegen die national-sozialistische Diktatur erhoben hatten, bezahlten mit ihrem Leben.“
An einer wirklich seriösen Präsentation des Bunkergeländes mangelt es allerdings. Auch über die Tatsache, dass die 57 ha der Wolfschanze als wichtiges Biotop nach der Richtlinie des Europarates (92/43/EWG) klassifiziert sind, wird nur am Rande bzw. auf Nachfrage informiert. Nach einem kleinen „Würstchen-Imbiss“ am Bus und der Gelegenheit bei Gästebegleiter Jerzy Szynkowski dessen Buch über die Wolfsschanze zu erstehen, geht es nun nach Sztynort (Steinort).
Auf der Fahrt zum ehemaligen Wohnsitz der Familie von Lehndorff fallen mir wieder die Weite der Wälder auf. Wiesen mit ansehnlichen Holunderbüsche säumen den Weg. Dann die Fahrt durch ausgedehnte Baumalleen – eine Tunnelfahrt auf der Suche nach der Vergangenheit der Familie von Lehndorff, die hier im ehemaligen Steinort einen der schönsten Adelssitze hatte. Als „tiefe Stille am See“ beschreibt Marion Gräfin Dönhoff Steinort, wo sie in ihrer Jugendzeit oft ihre Ferien verbringt. Letzter Besitzer des 1689 errichteten Schlosses ist Heinrich von Lehndorff, der 1944 – zusammen mit Graf Schenk von Stauffenberg – zu den Verschwörern gegen Hitler gehört. Nach dem misslungenen Attentat wird er im September 1944 hingerichtet.
Jetzt kommen wir zum verfallenden Schloss des Grafen von Lehndorf. Wohin das Auge blickt Schloss und Park zeigen Verfallserscheinungen,. Mehrere Investoren haben sich vergeblich versucht. Doch das Schloss ist ein herausragendes Denkmal des gemeinsamen deutsch-polnischen Kulturerbes. Und die Schloss- und Parkanlage zählt zu den wertvollsten barocken Ensembles in Masuren und dem historischen Ostpreußen. Durch Vernachlässigung ist das Schloss in den vergangenen 20 Jahren fast zur Ruine geworden und der Park vollständig verwildert. Unter dem Dach der Deutsch-Polnische Stiftung haben sich kulturinteressierte Menschen aus beiden Nationen zusammengefunden, um Steinort zu retten. Zu diesem Zweck kam es 2009 zu einer Übernahme des Schlosses durch die Deutsch-Polnische Stiftung. Vor Ort lesen wir, dass sich 2010 die Lehndorff-Gesellschaft Steinort e.V. mit dem Ziel gründete, die Wiederherstellungsarbeiten zu begleiten, Sponsoren zu finden und Spenden zu sammeln sowie an der Entwicklung und Umsetzung der Konzeption für die Neunutzung mitzuwirken. Heute ist das Gebäude „im Bestand gesichert“. - Der beim Schloss liegende englische Landschaftspark nimmt mich mit auf eine gedankliche Reise in die Vergangenheit. Überwältigend der Anblick der riesigen Eichen, die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gepflanzt wurden. Der stark verwilderte Park reicht hinunter bis zum Mauersee. In der Kürze der Zeit, die uns bleibt, setze ich mich auf einen Steinquader und rufe mir Texte von Marion Gräfin von Dönhoff aus dem Buch „Kindheit in Ostpreussen“ in Erinnerung. Leider ist die Zeit so kurz. – Wir wollen noch zum – im Wald gelegenen - Gedenkfriedhof aus dem 1. Weltkrieg bei Węgorzewo (Angerburg). Dort mit Blick auf den See gedenken wir der im 1. Weltkrieg gefallenen Soldaten. Wieder ein Ort der nachdenklich machen muss. Pastor Fryderyk Tegler hält hier eine Andacht und Kerstin Harms spielt „Ich hat‘ einen Kameraden“. Wir legen ein Blumengebinde mit der Schleife des Vereins „Freunde Masurens“ nieder und gemeinsam beten wir das Vaterunser.
Jetzt folgt die Fahrt nach Giźycko (Lötzen). Vor allem im Sommer ist der Ort ähnlich beliebt wie Mikołajki. Von hier starten die Ausflugsschiffe der „Weißen Flotte“ nach Węgorzewo (Angerburg), zur Kormoraninsel und nach Mikołajki.
Die Stadt selbst lockt mit Orgelkonzerten in einer nach Plänen Friedrich Schinkels 1826/27 erbauten Kirche, mit einer kleinen Burg sowie mit der trutzigen Bayon-Festung aus dem 19. Jahrhundert, die in der Schlacht an den Masurischen Seen 1914 eine wichtige Rolle spielte.
Nicht nur ich bin gespannt auf die Begegnung mit der „deutschen Minderheit“. Die Vorsitzende Frau Barbara Ruzewicz begrüßt uns und berichtet dann von der Situation der deutschen Minderheit. Sie berichtet ausführlich von den Sorgen und Nöten der Menschen der deutschen Minderheit in Giźycko. Deutsch ist seit rund 25 Jahren wieder zugelassen und Minderheiten können seitdem eigene Vereine gründen. Das Schulsystem weicht von unserem ab: nach dem gemeinsamen Besuch der Grundschule bauen 4 Jahre Lyzeum bis zum Abitur auf. Statt des Lyzeums kann auch eine Ausbildung zum Handwerker begonnen werden. Im Gegensatz zu Deutschland ist Lyzeum hier keine Anstalt nur für Mädchen. Stolz berichtet sie noch, dass ihre Enkelin die Drittbeste im Deutsch-Abitur war. Fahrten nach Mecklenburg-Vorpommern, Neubrandenburg, Rostock und Berlin werden in den letzten Jahren möglich. Frau Barbara Ruzewicz berichtet aber auch davon, dass sie 1 ½ Jahre „soziale Erziehung“ in Jalta zu absolvieren hat, nachdem sie sich gegen die Geschichtsklitterung auflehnt. Dann sagt sie uns, dass viele Deutsche nach dem Krieg – mangels polnischer Sprachkenntnisse – nur geringe Chancen auf eine qualifizierte Ausbildung hatten, so dass oftmals nur gering qualifizierte Arbeit, z.B. in der LPG, bleibt. Durch Pastor Tegler und den Vereins „Freunde Masurens“ mit Kerstin Harms konnte hier schon manche Hilfe erfolgen, denn gerade die zur deutschen Minderheit Gehörenden sind meist nicht auf der Sonnenseite des Lebens beheimatet. Hier ist es mehr als angebracht helfend mit einer Unterstützung beizutragen.
Eine Begegnung bei Kaffee und Kuchen - die mit dem Vortrag des Chores der deutschen Minderheit, verstärkt durch Kerstin Harms - endet. Schade dabei, dass die „deutsche Minderheit“ und wir BesucherInnen aus der Bundesrepublik eher separiert bleiben. Es hat doch niemand Angst vor dem anderen. Ich denke: hier bestehen Möglichkeiten für die Zukunft. Das gemeinsame Singen von Volksliedern gelingt dann aber doch recht gut. Der Verein „Freunde Masurens“ denkt jetzt daran, für die Zukunft eine Freundschaft mit der deutschen Minderheit zu vereinbaren. Mir kommt Ralph Giordanos Buch „Ostpreußen ade – Reise durch ein melancholisches Land“ in den Sinn. In diesem atemberaubenden Buch schildert er das Drama Ostpreußens und fragt „Wie kann man diese Heimat verlieren, ohne dass einem das Herzbricht?“.
Nach einer kleinen Stadtrundfahrt erfolgt der Tagesabschluss am Kreuz des Heiligen Brunos. ”Der Heilige Bruno” wird im Jahre 974 auf der Burg Querfurt geboren und ist mit der sächsischen Kaiserfamilie verwandt. Der „Heilige Bruno”, ein beharrlicher Befürworter der Bemühungen um Versöhnung zwischen Ost und West und Fürsprecher des Friedens zwischen den Völkern stirbt am 09.März 1009 den Märtyrertod.
Freitag, den 23. Juni 2017
Nach dem Frühstück fahren wir nach Olsztyn (Allenstein). Dort besichtigen wir Stadt und Burg. Allenstein ist Universitätsstadt und Sitz der Regierung von „Warmia i Mazury“ (Ermland und Masuren). Die Stadt liegt in der Olsztyner Seenplatte, am Fluss Łyna (Alle), im Süden der historischen Landschaft Warmia (Ermland). Sie entwickelt sich aus einer Siedlung, die um die Burg des Domkapitels gegründet wird. Heute hat Allenstein rund 200.000 Einwohner und ist Hauptstadt von „Warmia i Mazury”. Sehenswert ist die überschaubare Altstadt, die nach dem Wüten der Roten Armee 1945 weitgehend wieder aufgebaut wird.
In den Jahren 1516 bis 1519 bekleidet das Amt des Administrators der Neffe und Pflegesohn des ermländischen Bischofs Lucas Watzenrode, der als Astronom bekannt gewordene ermländische Domherr Nikolaus Kopernikus. Kopernikus wohnt während dieser Zeit auf der Burg Allenstein. Als Zeugnis erhielt sich dort bis heute eine auf dem Putz des Kreuzgangs der Burg gemalte astronomische Tafel zur Berechnung des Aequinoctiums. Der Archdiakon Bernhard Sculteti unterstützt Kopernikus mit Geschützen und Proviant, damit Schloss Allenstein in voller Unabhängigkeit von Polen selbständig behauptet werden kann. Aufgrund seiner erfolgreichen Verteidigung wird Kopernikus zum Kommissar des Ermlands ernannt und mit dem Wiederaufbau beauftragt. Tiedemann Giese, der spätere Bischof von Ermland, ist sein Assistent. Im Rahmen der Wiedervereinigung Ost- und Westpreußen kommt die Stadt 1772 als Teil des Ermlandes dann zum Königreich Preußen.
Übrigens bestimmt dann der Friedensvertrag von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg die Durchführung einer Volksabstimmung: Im Abstimmungsgebiet Allenstein - über den Verbleib bei Deutschland oder einen Anschluss an Polen - entfallen in der Stadt Allenstein 16.740 Stimmen auf Ostpreußen und damit Deutschland, 340 auf Polen.
Die jüdische Gemeinde Allensteins wird in der Zeit des Nationalsozialismus aufgrund von Emigration und Deportationen in die Vernichtungslager ab 1942 ausgelöscht, die Synagoge bereits 1938 niedergebrannt. Das letzte nicht zerstörte architektonische Zeugnis jüdischen Lebens in Allenstein ist das Taharahaus Bet Tahara.
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wird die Stadt Anfang 1945 noch Kriegsschauplatz. Die Zivilbevölkerung wird - bis kurz vor Einmarsch der Roten Armee - zum Durchhalten aufgefordert. Durch eigenverantwortliches Handeln hat der Landrat Horst-Günter Benkmann aber rechtzeitig zur Flucht aufgerufen und so tausenden Ostpreußen das Leben gerettet. Am 22.01.1945 wird die Stadt von sowjetischen Truppen eingenommen, wobei es zu Ausschreitungen sowjetischer Soldaten gegenüber der Zivilbevölkerung kommt.
Nach Augenzeugenberichten ereignen sich Gewaltexzesse in der zum Feldlazarett umfunktionierten Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Kortau, wo alle Lazarett-Patienten und das Personal ermordet wurden. Dort werden bei Bauarbeiten in den 1950er Jahren mehrere kleinere und größere Massengräber entdeckt; das größte von ihnen barg 227 Leichen.
Die letzten Einheiten der Sowjetarmee verlassen die Stadt im Jahre 1956.
Nach der nahezu vollständigen Zerstörung der Allensteiner Altstadt haben die polnischen Restauratoren wahrlich hervorragende Arbeit geleistet: Sehenswert, die Jakobikirche mit ihrem markanten Turm und die Burg, auf der Nikolaus Kopernikus von 1521 bis 1561 mit einer einjährigen Unterbrechung lebt und wirkt.
1999 entsteht die Woiwodschaft „Warmia i Mazury” (Ermland-Masuren) mit Regierungssitz in Olsztyn. Im gleichen Jahr wird hier die Universität Warmia i Mazury (Ermland-Masuren) gegründet. Die Stadt wird Sitz des Erzbistums Ermland der polnischen Katholischen Kirche sowie der Diözese Masuren der polnischen Evangelisch-Augsburgischen Kirche.
Unser Rundgang führte uns zur Basilika, zum Marktplatz und durch die Altstadt. Hier ist dann auch eine freie Zeit angebracht. Und die Möglichkeit in Allenstein einzukaufen. Einige setzen sich zum Mittagessen in eines der schönen Straßencafes. Andere genießen in der Altstadt ein Eis oder trinken Kaffee.
Um 12:30 Uhr stoßen dann die drei „Guttstädter“ wieder zur Allensteiner Gruppe hinzu und können die Fahrt nach Olsztynek (Hohenstein) und den Besuch des Freilichtmuseums planmäßig mitmachen. Denn am Morgen waren wir - drei Personen aus der Gruppe - mit Josef einem hervorragend deutsch sprechenden Taxifahrer – ein ganz toller Mann übrigens - zu einer Fahrt in die Vergangenheit von Sabine und Christa geb. Spangenberg nach Guttstadt (Dobre Misasto) aufgebrochen. Eine wunderschöne Fahrt durch kilometerlange Eichenalleen. Dann sind wir in Wichertshof (Wichrowo), jenem Forsthaus, auf das immer wieder die Sprache gekommen ist. Dort ist der Großvater der beiden Schwestern Leiter des Forstamtes gewesen. Und tatsächlich das Forsthaus strahlt einen Glanz aus: Ach Josef, der Taxifahrer, ist da mit von der Partie und auch er bekommt leuchtende Augen. Und er lässt es sich nicht nehmen ins Forsthaus, das heute, wie sich herausstellte, unter Denkmalschutz steht, zu gehen. Ehrlich gesagt, das hätten wir nicht gewagt. Aber - schon werden wir allesamt ins Forsthaus hereingebeten und mit leckerem Cappuccino und Keksen bewirtet. Mehrere Forstbeamte sind nun fast drei Stunden mit uns auf Spurensuche. Die Sekretärin bringt immer wieder neue Dokumente. Im nächsten Jahr steht das 140 jährige Jubiläum des Forstamtes Wichrowo an. Kein Wunder, dass der ehemalige Oberforstmeister Spangenberg in den forstamtlichen Unterlagen direkt parat ist. Und stolz zeigte man uns die bereitliegenden Unterlagen. Eine Herzlichkeit, schlägt uns entgegen, wie man sie selten findet. Zufrieden und überglücklich machen sich die Schwestern - mit mir als Anhang - nach dem Austausch der Adressen auf den Weg nach Allenstein.
Das Freilichtmuseums (Museum für volkstümlich Baukunst) in Olsztynek (Hohenstein) liegt im „Allensteiner Kreis“ am nördlichen Ortsrand, etwa 25 Kilometer südwestlich von Allenstein (Olsztyn). Es wurde im Jahre 1938 errichtet. Den Anstoß für die Sammlung geben die Nachbildungen von Holzhäusern, die aus Königsberg hierher gebracht wurden. Das Freilichtmuseum zeigt einige Dutzend originale und rekonstruierte Gebäude aus Ermland, Masuren, Powiśle, Barten, Samland und Preußisch-Litauen. Gezeigt werden Fachwerkhäuser aus Holz, Speicher, weichselländische Windmühlen, Wirtschaftsgebäude, ein Wirtshaus und ein Kirchlein. Alle Gebäude sind mit entsprechender Ausstattung und teilweise mit Haustieren versorgt. Das Freilandmuseum in Olsztynek ist eines der ältesten Freilichtmuseen in Polen. Der Komplex ist wunderschön angelegt, hat zauberhafte Teiche, kleine Waldoasen, Sümpfe, Felder, Wiesen und Weiden. Die Schönheit der Landschaft wird durch die Anwesenheit verschiedener Tiere bereichert. Es lassen sich Pferde (auch Koniks aus der Familie der Tarpane), Kühe, Ziegen, Schafe, Kaninchen und Vögel beobachten. Vielfältig sind auch die Ausstellungsstücke. Neben der Architektur (50 Exponate) gehören um die 8000 Musealien, die die materielle Kultur repräsentieren sowie ca. 2000 Ausstellungsstücke der volkstümlichen Handwerkskunst zum Freilandmuseum.
Der Verein „Freunde Masurens“ e.V. hat 2012 das Patronat über die Kirche übernommen und bei der Einrichtung eines alten Pfarrhauses geholfen. Pastor Teglers erster Talar, eine Bibel von 1632, zwei Paramente und ein Harmonium aus dem 17. Jahrhundert wurden übergeben.
Um 17:00 Uhr findet in der neuen „Veranstaltungsscheune“ ein Vortrag im Rahmen der „Sorquittener Gespräche“ statt. Sein Thema „Schlösser in Ostpreußen am Beispiel von Nakomiady (Eichmedien)“. Referent ist Herr Christian von Redecker, Sohn des früheren Besitzers. Er berichtete ausführlich von den Anstrengungen seines Vaters und seinen eigenen zum Erhalt von Eichmedien. Ein interessantes Protokoll. Auch der ZDF-Fernsehjournalist Wolf von Lojewski hat in der Sendung "Meine Heimat - Deine Heimat" über Nakomiady und den heutigen Besitzer berichtet. An den Vortrag schließt sich ein Empfang im Jugendzentrum der Kirchengemeinde an.
Samstag, den 24. Juni 2017
In der heutigen Tageslosung aus Psalm 83,2.3 heißt es „Gott, schweige doch nicht! Gott, bleib nicht so still und ruhig! Denn siehe, deine Feinde toben, und die dich hassen, erheben das Haupt.“ Heute fahren wir nach Königsberg (Kalinigrad) und Cranz (Selenogradsk). Schon als wir um 6:00 Uhr mit einem polnischen Bus nach Russland aufbrechen verdirbt der Nieselregen die Laune. Und es regnet weiter. Zum ersten Mal werden wir heute die Reisepässe (mit dem Visum) benötigen. Mit Lunchpaketen versorgt, sind wir schon kurz nach 7 Uhr morgens – rund 15 km vor der Grenze – nun „rubelreich“ – der Umtausch von 5 € hat problemlos geklappt. Dann beginnt das Warten an der Grenze. Erst an der polnischen und nach mit allen Feinheiten noch einmal an der russischen Grenze. 8:30 Uhr: Die Polen geben die Pässe zurück und wir fahren zum russischen Posten. Schon um 9:20 Uhr sind alle Reiseteilnehmer „durch“.
Um 10:00 Uhr sind wir dann in Mühlhausen und besuchen die dortige zerfallene Kirche. Wenigstens etwas Optimismus kommt auf, wenn man hört, wie es vor kurzem hier noch ausgesehen haben muss. Jetzt kann man Ansatzpunkte einer Ertüchtigung – ein Innengerüst ist gestellt - erahnen. Martin Luther bzw. dessen Lieblingstochter Margarete Luther sei Dank.
Herzog Albrecht hatte seinerzeit für die Ausbildung des minderjährigen Georg von Kunheim d.J. gesorgt. Mit einer Empfehlung an Philipp Melanchthon schickt er ihn 1550 zum Studium der Rechtswissenschaft an die Universität Wittenberg. Und dort lernt er Margarethe Luther kennen. Nach dem Tod ihrer Mutter wächst die jüngste Tochter Martin Luthers bei ihrem Vormund Melanchthon auf. Georg und Margarete verloben sich 1554. Georg bittet seine Vormünder in Preußen um ihre Zustimmung zur Heirat. Diese lehnen aber ab - die Verbindung erscheint nicht standesgemäß. Der Herzog bittet sogar Melanchthon, den Jüngling umzustimmen. Aber Melanchthon tut das Gegenteil: Er setzt sich beim Herzog für das bedrohte Liebesglück ein und schreibt nach Preußen. Erst der zweite Brief des, auch in Preußen geachteten, Reformators, der das persönliche Ansehen des jungen Paars höher stellt als adliges Standesdenken, kann die Widerstände beseitigen. Die Briefe Melanchthons sind erhalten. Im Jahr 1555 fand am 5. August in Wittenberg die Hochzeit von Margarete Luther und Georg v. Kunheim statt. Margarete gebar vier Söhne und fünf Töchter, von denen nur drei überlebten. Nach 15 glücklichen Ehejahren starb sie im Alter von 36 Jahren. Mit fünf ihrer Kinder ruht sie hier in der Gruft der Dorfkirche Mühlhausen. Margaretes Geburt soll Luther zum Weihnachtslied Vom Himmel hoch, da komm ich her inspiriert haben.
Dann fahren wir weiter nach Königsberg (seit 1946 Kaliningrad). Die frühere Hauptstadt der Provinz Ostpreußen ist seit Ende des II. Weltkrieges die Hauptstadt. des sowjet. Verwaltungsgebiet „Kaliningrad“. 460.000 Einwohner sind es offiziell – unter der Hand spricht man von rund 650.000 Königsbergern.
Königsberg ist die erste große deutsche Stadt, die von der Roten Armee eingenommen wird. 100.000 Königsberger erleben Grauenvolles! 1948 werden die letzten Deutschen aus der Stadt nach Deutschland ausgewiesen, davon sind 85.000 verschleppt, verhungert oder an Seuchen verstorben.
Unweit des Domes wird ein Bauwerk mit 16 Stockwerken erstellt. Regierungssitz soll es werden. Aber der Bau wird nie bezogen, denn die Statiker haben sich verrechnet. Und nun steht „das Monstrum”, wie es die Kaliningrader nennen, auf tönernen Füßen und ist mit seiner Hässlichkeit und Monstrosität nicht zu überbieten. Und das ausgerechnet dort, wo einst das Königsberger Schloss stand. Doch der Reihe nach:
Kaliningrad ist in Stadtbezirke eingeteilt. Erfreulich: alle 7 ehemaligen Stadttore bleiben erhalten – auch wenn sie heute etwas verloren „herumstehen“. Unsere Stadtführerin berichtet etwas unstrukturiert dann, dass viele Menschen – besonders natürlich die Jugend – nicht wissen wer Kalinin, der Namensgeber der Stadt, überhaupt war. Dagegen weiß man aber sehr wohl, wer Immanuel Kant ist. Kant kommt – so sagt eine Tafel am Geburtshaus – am 20.04.1724 zur Welt. Seitdem leben wir mit dem „kategorischen Imperativ“.
Auf dem Weg zum Dom kommen wir zu einer alten Holzbrücke von 1404, die eben renoviert und ertüchtigt wird. An Dom zeigt die Gästebetreuerin dann einen Gedenkstein für Friedrich Julius Leopold Rupp. Er wird am 13. August 1809 in Königsberg geboren und ist Theologe, Publizist und Hochschullehrer. Der Gedenkstein für Julius Rupp steht seit 1909 neben dem Königsberger Dom, und zwar an der Stelle, wo sich der Vorgarten seines Hauses befunden hat. Das an einem großen Findling angebrachte Relief ist eine der frühesten plastischen Arbeiten von Rupps Enkeltochter Käthe Kollwitz. Nach alten Vorlagen hat der Berliner Bildhauer Harald Haacke das seit Kriegsende verschollene Relief nachgearbeitet. Die Arbeit Haackes wird 1991 als Stiftung des Vereins Ännchen von Tharau der heutigen Stadt Kaliningrad übergeben und an dem Stein angebracht. Auf diesem Gedenkstein sind unterhalb des Reliefs eingemeißelt folgende Worte von Julius Rupp zu lesen: Wer nach der Wahrheit, die er bekennt, nicht lebt, ist der gefährlichste Feind der Wahrheit selbst.
Übrigens: Ännchen von Tharau hat wirklich gelebt. Der Königsberger Dichter und Professor für Poetik Simon Dach schuf dazu, ein im samländischen Niederdeutsch gehaltenes Lied, das mit dem Vers anhebt: „Anke von Tharaw öß, de my geföllt / Se öß min Lehwen, min Goet on min Gölt.“ Er schreibt sein „Ännchen von Tharau“ 1633 aus Anlass der Hochzeit der 19-jährigen Tharauer Pfarrerstochter Anna Neander mit dem jungen Pfarrer Johann Portatius. Klaus Bednarz schreibt in seinem Buch „Fernes nahes Land – Begegnungen in Ostpreußen“ , dass Simon Dachs berühmtestes Lied, vertont von dem Schwaben Friedrich Silcher, heute zum Repertoire jedes deutschen Männerchores gehört, wobei die wenigsten, die es voll Inbrunst und zuweilen auch Rührseligkeit singen, wissen, dass es die Heldin des Liedes tatsächlich lebte. Seinen Siegeszug sollte das Lied aber - über den Königsberger Raum hinaus - erst antreten, als der Ostpreuße Johann Gottfried Herder es ins Hochdeutsche übersetzt und in seine Sammlung von Volksliedern aufnimmt.
Käthe Kollwitz, Rupps Enkelin, selbst in Königsberg geboren, verbringt ihre Kindheit von 1867 bis 1885 in Königsberg und kommt viele Jahre in den Ferien immer wieder hierher. Ihre Mutter Katharina, geborene Rupp, ist die Tochter des freikirchlichen Predigers Julius Rupp. Durch ihren Vater gefördert, nimmt Käthe ab 1881 Unterricht bei dem Künstler Rudolf Mauer. 1886 geht sie in die sogenannte Damenakademie des Vereins der Berliner Künstlerinnen. Sie erhält Unterricht von Karl Stauffer-Bern und wird mit Gerhart Hauptmann und Arno Holz bekannt.
Im Jahre 1327 überlässt der Hochmeister des Deutschen Ordens Werner von Orseln ein Grundstück am Ostende der Pregelinsel Kneiphof für den Bau des Doms. Um 1330 wird mit dem Bau begonnen. Da der Boden auf der Insel sumpfig ist, müssen die Dombauer zuerst Hunderte von Eichenpfählen in die Erde rammen, bevor sie mit dem eigentlichen Bau anfangen können. Der alte Dom in der Altstadt wird abgetragen; man verwendet die Baumaterialien für den Bau des neuen Doms auf der Insel. Eigens für den Materialtransport wird in die Stadtmauer der Altstadt ein neues Tor, das Domtor, eingebaut und eine Brücke, die Dombrücke, erbaut. Diese Brücke wird nach dem Ende des Dombaus wieder abgerissen, das Tor bleibt jedoch weitere sechs Jahrhunderte bestehen.
Mit viel deutschem Geld wird der Dom wiederhergestellt. Erst durch Spenden aus Deutschland wird der Dom-Wiederaufbau möglich. Für die Orgel hat der russische Staatschef Wladimir Putin die Finanzmittel bereitgestellt – anlässlich eines Besuches des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder.
Der, am 13.09.1339 gegründete, „Backstein-Dom“ hat heute eine Orgel mit 124 Registern und 8000 Pfeiffen. Die Orgel ist die größte Orgel Russlands. Sie ist ein wundervolles Instrument und wurde von der Firma Schuke aus Potsdam gebaut. Der Königsberger (Kaliningrader) Dom stellt eine hervorragende Kulturleistung zweier Völker dar, die hier ein sichtbares Zeichen der Verständigung geschaffen haben, denn bis 1998 war vom Dom nur das Dach vorhanden. Heute ist der Dom Konzertsaal. Der Königsberger Dom ist ein bedeutendes Baudenkmal der Backsteingotik. Der Dom ist heute wieder das bedeutendste historische Bauwerk der - im Zweiten Weltkrieg - nahezu komplett zerstörten und danach eingeebneten Stadt. Er ist die ehemalige Bischofskirche des Bistums Samland, das nicht zum Deutschordensstaat gehörte. Mit der Gründung der „Albertina“, der Albertus-Universität, wurde der Dom zur Universitätskirche, zu deren Gemeinde alle Studenten und Professoren der Albertus-Universität gehörten. Die Alma Mater wird vom letzten Hochmeister es Deutschen Ordens, Albrecht von Brandenburg, gegründet, der nach dem Niedergang der Ordensherrschaft im baltischen Raum zum Protestantismus übergetreten ist. Die Gründung der Universität sollte helfen, die Reformation im einstigen Ordensstaat durchzusetzen. Erst als Altstadt, Kneiphof und Löbenicht 1724 vereinigt werden, gehört der Dom auch formal zu „Königsberg“. Auf dem Gebiet der mittelalterlichen Städte ist kein anderes Gebäude aus der Ordenszeit oder späteren Epochen erhalten, denn im Zweiten Weltkrieg zerstören bei den Luftangriffen auf Königsberg im August 1944 die Brandbomben der Royal Air Force und die Schlacht um Königsberg im April 1945 den größten Teil der Bebauung. Unter sowjetischer Herrschaft werden die Ruinen abgetragen und zum Teil überbaut. Das weltliche Machtzentrum ist die Altstadt den Hauptkirche die Schlosskirche ist. Die Krönungsstätte der Könige Friedrich I. und Wilhelm I. ist nicht der Dom, sondern die Schlosskirche im – heute nicht mehr existierenden – Schloss.
Wer von Königsberg spricht, kommt schwerlich ohne Immanuel Kant (* 22. April 1724 - 12. Februar 1804) aus. Kant ist (der) deutsche Philosoph der Aufklärung. Er zählt zu den bedeutendsten Vertretern der abendländischen Philosophie. Sein Werk Kritik der reinen Vernunft kennzeichnet einen Wendepunkt in der Philosophiegeschichte und den Beginn der modernen Philosophie. Mit seinem kritischen Denkansatz (Sapere aude – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!) ist Kant der wohl wichtigste Denker der deutschen Aufklärung. Das Grabmal Kants befindet sich unmittelbar neben dem Königsberger Dom in Kaliningrad.
Um die Mittagszeit besuchen wir dann die Gemeinde der Königsberger Auferstehungskirche, deren Beginn ins Jahr 1990 zurückgeht. Der Gemeindeleiter Sergej und Kirchenvorstand stellt die heutige Gemeinde vor. Anfangs trifft man sich in Privatwohnungen. Bald werden es 600 Gemeindeglieder – überwiegend „Russlanddeutsche“ – die sich versammeln. Heute gibt es mehrere Gruppen (Kinder, Frauen und einen Bibelkreis. 1995 erfolgt dann der Baubeginn des Gemeindezentrums mit Kirchengebäude dem 1998 die Einweihung folgt. Erster Pastor wird seinerzeit Kurt Beier. Heute ist Igor Runge Probst der Evang.-luth. Kirche im Gebiet Kaliningrad und Pastor der Gemeinde.
Jetzt geht es noch zum Badeort Selenogradsk (Cranz), der an der Samlandküste liegt. Gegründet wird der Badeort 1816 auf Betreiben des Königsberger Arztes Friedrich Christian Kessel. Zu den zwei Badebuden kommt 1817 ein Warmbad. Der 1836 gegründete Kesselsche Verschönerungsverein schafft Gartenanlagen und stellt bis Anfang des 20. Jahrhunderts Ruhebänke auf. Cranz hat heute vor allem Bedeutung für den Wochenendtourismus von Kaliningrad aus. Deutsche und andere Ausländer sind sehr selten. In den letzten Jahren hat sich eine rege Bautätigkeit entwickelt. Es entstehen viele Privathäuser für reiche Moskauer und Tourismuseinrichtungen. Es gibt leider auch verschiedene Bauruinen, die in der Rubelkrise in den 90er Jahren entstanden und heute einen wenig schönen Anblick an der Seepromenade bilden. Die lange Seepromenade lädt zum Spazieren ein. Die Restaurants sind modern und – soweit wir das beurteilen konnten - auf Weststandard. Eine Seebrücke ergänzt die Promenade. Die Stadt mit ihren Straßen ist ausgesprochen sauber. Die Badesandstrände liegen östlich und westlich der gemauerten Promenade der Innenstadt.
Nun geht es zurück – unsere Gästebegleiterin verabschiedet sich. Und auch an der Grenze geht diesmal alles überraschend schnell. Um 20:30 Uhr sitzen wir bereits beim Abendessen.
Sonntag, den 25. Juni 2017
Am heutigen Sonntag gehen wir zum Festgottesdienst nach Sorquitten (Sorkwity). Die Kirche ist schön gelegen – oberhalb des Gehlandsees (Jezioro Gieladzkie). Erstmals 1470 wird die Kirche erwähnt. Die zunächst strohgedeckte Fachwerkkirche wird um 1600 durch eine barocke Steinkirche ersetzt. Die von den Gutsherren gestiftete chorlose Feldsteinkirche dient auch heute noch der evangelischen Glaubensgemeinschaft in Sorquitten und der weiteren Umgebung. Den Turm errichtet man 1701 - 1712. Bei Umbauten 1750 - 1777 setzt man die halbrunden Fenster und das auf kleine Säulen gestützte Tonnengewölbe innen ein und seitdem hat sich das äußere Erscheinungsbild der Kirche nicht mehr gewandelt. Wesentliche Teile der Innenausstattung stammen von Isaac Riga um 1701, so die umgestaltete Kanzel von 1694 und der schwebende Taufengel. In der Predella auf dem Altartisch ist das Letzte Abendmahl dargestellt. Der zentrale Teil stellt Golgatha dar. Hier sind auch charakteristische Merkmale für Sorquitten zu sehen: die Fischer und Bauern sowie das Gutshaus der Patronatsherren von Sorquitten vor dem Umbau von 1855-1856 durch Julius von Mirbach und die Patrone der Kirche zu beiden Seiten, links Moses und rechts Aaron. Im Altaraufsatz ein Relief: Die Grablegung, daneben die Figuren der Evangelisten Markus und Lucas. Der Taufengel von 1701 wird von Georg Dietrich von der Groeben gestiftet. Er kann bei Bedarf mit einem Seilzug von der Decke herabgelassen werden. Das Barockkruzifix aus dem Jahre 1710 ist das Werk des örtlichen Pfarrers Johann Riedel (1671 - 1737). Beim Kruzifix das 1945 teilweise zerstört wird, handelt es sich dabei um ein sog. Pestkreuz zur Erinnerung an die Pest, die 1709-1710 im Sorquitter Kirchspiel gewütet hat. Die Orgel stammt aus dem Jahre 1876. Es handelt sich um eine Sauer-Orgel der Orgelbauwerkstatt Sauer in Frankfurt an der Oder. Ihre Restaurierung wird im Jahr 2010 abgeschlossen. Außerordentliches: Bei der Darstellung von Christi Himmelfahrt im Deckengemälde ist nur der Unterleib mit den Beinen zu sehen - der Oberkörper hat bereits die Decke durchstoßen. Eine sicher außergewöhnliche Darstellung. Klaus Bednarz schreibt in „Fernes nahes Land“ im Kapitel „Der Traum des Pastors“: „Ähnliches dürfte dem Herrn Jesus wohl nirgendwo auf der Welt widerfahren sein – bei der Himmelfahrt in der Kirchendecke steckenzubleiben. In Sorquitten (Sorkwity) ist es ihm passiert. Hilflos hängen seine Beine – das eine Hosenbein rot, das andere gelb – aus dem himmelblauen Plafond über dem Altar.“ Die Familie von Mirbach bestattet ihre Toten in einer Grabanlage im Wald hinter dem Schloss auf einer Halbinsel. Diese Anlage ist zerstört. Dagegen hat sich in der Kirche von Sorquitten eine alte Gruft mit Särgen, in denen Männer mit Federbüschen und langen Degen ruhen, erhalten, was angesichts der enormen Kriegs- und Nachkriegszerstörungen außerordentlich selten ist. In Jahr 2017 ist in Sorquitten keine Konfirmation zu feiern. Trotzdem bin ich gespannt, wie der evangelische Gottesdienst in Masuren gefeiert wird. Im Gottesdienst mit Heiligem Abendmahl übernimmt Pastor Krzysztof Mutschmann die Liturgie und Pastor Tegler predigt über Lukas 11, 9-13. Ich bin gespannt, was aus der Predigt mitnehmen kann, denn ich höre Pastor Tegler zum ersten Mal predigen. Der Predigttext - das ist die Geschichte, in der Jesus fragt – wo bittet ein Sohn den Vater um einen Fisch – und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange. Jesus ist mit seiner Liebe immer bei uns und getreu seinen Versprechen, unter denen auch das Versprechen und die Versicherung ist: „Bittet so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ Eine eindringliche Predigt, die Pastor Tegler ganz sicher aus dem Herzen kommt.
Und jetzt werden wir schon wieder verwöhnt. Es gibt im – einer Kote nachgebildeten, offenen – Holzhaus hinter der Scheune Köstlichkeiten jeder Art: Gegrilltes, köstlichen Kartoffelsalat und - aus Pastor Mutschmanns Garten - wundervolle Erdbeeren. Übrigens: wer mehr erfahren möchte über den Traum von Pastor Mutschmann kann dies auf rund 10 Seiten in Klaus Bednarz Buch „Fernes nahes Land – Begegnungen in Ostpreußen“ nachlesen. Vieles vom Traum des Krzysztof Mutschmann ging in den letzten 20 Jahren schon in Erfüllung – das große internationale Jugendzentrum zu bauen – ein Haus in dem sich ganzjährig Kinder und Jugendliche aus vielen Ländern Europas treffen können, ist im Werden.
Nach einem opulenten Mahl fahren wir nach Rhein (Ryn). Auch dort hat Pastor Tegler in jungen Jahren gewirkt: seine erste Pfarrstelle war hier. Wir gehen hier mit ihm zum Friedhof, denn „auf Umwegen“ konnte der Verein „Freunde Masurens“ dort eine Grabstelle erwerben, nachdem Pastor Tegler 40 Jahre und ein würdiges Mahnmal gekämpft hat. 2011 wird ein Gedenkstein angebracht. Wir legen hier ein Kranz nieder – für 24 sinnlos ermordete Frauen, alte Männer und Kinder.
In einem sehr schönen, gepflegten Lokal – der renovierten Mühle - über dem Yachthafen machen wir eine kurze Pause. Die Reiseleitung spendiert eine Runde des örtlichen Bieres - vor dem anschließenden Besuch von Park, Garten und Manufaktur des Schlosses Eichmedien (Nakomiady). Und Park und Garten begeistern: Hier entwickelt sich etwas. Und beim Besuch der Manufaktur werden anschließend kleine Kostbarkeiten erworben.
Montag, den 26. Juni 2017
Heute ist wieder ein Psalmwort Tageslosung: In Ps 119,1 singt der Psalmist, dass der Ewige ja nicht das Wort der Wahrheit von seinem Munde nehmen möge. Kerstin Harms zeigt gleich früh am Morgen ihr Verkaufstalent: Im Anklang an den vorigen Tag mit seinen riesigen, roten Mohnfeldern bietet sie Stofftaschen mit Mohndrucken an. War es die Schönheit der Taschen oder das verkäuferische Talent? Die Stofftaschen jedenfalls sind im Nu vergriffen und ein Teil des Busses geht so leer aus.
Beeindruckend dann wieder die Fahrt durch die Feld- und Wiesenlandschaft. Ein Gefühl der Unendlichkeit des Waldes. Kein Verkehr - nur einem Forstfahrzeug begegnen wir. Auch weil heute die „Museen“ geschlossen haben, sind wir inmitten des Waldes allein. Einsam liegt das Forsthaus Kleinort (Pierslawek) von Ernst Wiechert bei Peischendorf (Piecki). Hier kommt Ernst Wiechert 1887 zur Welt, hier verlebt er mit seiner Familie seine Kindheit. Hier nimmt er intensiv die Stimmungen des Waldes auf, die sich später in seinen Romanen widerspiegeln. In der masurischen Sage „Die Jeromin-Kinder“ beschreibt Ernst Wiechert dann gefühlvoll die Wechselbeziehungen zwischen den in Masuren lebenden Menschen und der Natur. Wunderbare Naturbeschreibungen finde ich in „Das einfache Leben“ und auch in „Wälder und Menschen“ wieder. Ernst Wiechert ist der Schriftsteller der Stille und Melancholie.
Das Gelände mit den Wirtschaftsgebäuden und der dazugehörige Parkplatz machen einen so ordentlichen und sauberen Eindruck, dass wir glauben, versehentlich in einer der zahlreichen masurischen Pensionen gelandet zu sein. Auf dem Vorhof begrüßt uns in freudiger Erregung und mit wedelndem Schwänzchen ein Schäferhundwelpe.
Dann hören wir aus dem Leben von Ernst Wiechert, der eigentlich genauso wie sein Vater Förster werden will, doch der Vater erkennt früh die Begabung seines Sohnes und schickt ihn auf ein Gymnasium und anschließend zum Studieren nach Königsberg. Wiechert wird Lehrer, widmet sich aber zugleich zunehmend seiner großen Leidenschaft: dem Schreiben. In seinen Romanen besingt er immer wieder die Schönheit seiner ostpreußischen Heimat. Tragische Schicksalsschlage, die ihm nicht erspart bleiben (früher Tod seines Bruders, Selbstmord der Mutter, Schreckenserlebnisse des Ersten Weltkriegs, Tod seines Sohnes, Selbstmord der ersten Ehefrau Meta und der Kampf gegen Depressionen), legen einen melancholischen Schleier über seine Werke. Während der Nazi-Diktatur macht Ernst Wiechert nie einen Hehl aus seiner Abneigung gegen den Nationalsozialismus, was eine Verhaftung und Deportation ins KZ Buchenwald zur Folge hat. Er verbleibt dort zwar nur zwei Monate (Angeblich hat sich Reichsminister Hermann Göring, als großer der Literatur Wiecherts Literatur, für dessen Freilassung eingesetzt), wird aber anschließend unter Bewachung und Demütigung nach Berlin geholt. Bis zum Kriegsende im Jahr 1945 steht Wiechert und Aufsicht der Gestapo. Im Jahr 1948 siedelt er in die Schweiz über, wo er zwei Jahre später verstarb. Er wird auf dem Friedhof in Sträfe am Zürichsee begraben. Das Forsthaus ist heute ein kleines Ernst-Wiechert-Gedenkhaus. Durch die liebevoll ausgestellten zahlreichen Gegenstände aus dem Privatbesitz Wiecherts und die vielen alten Buchausgaben des masurischen Schriftstellers atmet das Holzhaus noch etwas die Vergangenheit Masurens. In der Erzählung aus „In der Heimat“ lässt er uns die letzte Fahrt mit seinem Vater noch einmal erleben und zeigt, wie eng der Vater mit der Natur und seinem Wald verbunden war. Schwer können wir uns hier trennen.
Dann sind wir auf dem Weg nach Gałkowo (Galkowen/Nickelshorst), dem ehemalige Jagd- und Forsthaus von Alexander Graf Potocki. Der Jagdhof Gałkowo erwartet uns inmitten herrlicher Natur. Der historische Bau, der aus dem 19. Jahrhundert stammt, wird von Alexander Potocki rekonstruiert. Graf Potocki trägt das vom Verfall bedrohte Jagdhaus in Sztynort ab und versetzt es von Sztynort, dem Sitz der Grafen Lehndorff, in die Johannisburger Heide ins 80 km entfernte Gałkowo. Heute ist es ein Gasthaus und im ersten Stock des Hauses erinnert ein Gedenkraum an Marion Gräfin Dönhoff sowie an den letzten Besitzer von Sztynort, den Grafen von Lehndorff. Während die Gruppe noch vor dem Haus steht, treffe ich zufällig Renate Marsch-Potocki, die viel über das Haus und Masuren zu berichten weiß. Dann treffen wir – die Gruppe ist inzwischen hinzugekommen - Renate Marsch-Potocki, die Mutter Graf Potockis und langjährige dpa-Korrespondentin in Polen, gibt uns eine authentische Einführung. Eine feine, gebildete Frau, die dann u.a. berichtet, dass es seit 1995 in Mikolaiken eine Marion-Gräfin-Dönhoff Schule gibt. Im „Salon Marion Dönhoff“ wird der großen deutschen Journalistin Marion Gräfin Dönhoff gedacht. Im Salon der Gräfin gibt es zwei „Gedenkstätten“: Eine ist dem Leben und Wirken der Gräfin gewidmet, die auch nach ihrer Vertreibung selbst zu einer treibenden Versöhnung wird. Die Andere beschreibt die Schönheit und Geschichte Masurens. Nur wenige Schritte entfernt befinden sich Gästezimmer in einem rekonstruierten Forstgehöft. Direkt gegenüber liegt das Gestüt Ferenstein.
Direkt anschließend geht es zur Fahrt mit Pferdewagen durch Wissen und Wälder nach Krutynia (Kruttinnen). Eines der Pferde unseres Kutschwagens scheut, treibt den Wagen rückwärts und wir landen im seitlichen Graben. Einige hat dieser kleine Zwischenfall erschreckt, doch wir erreichen – allesamt wohlbehalten – unser Ziel und sind Zaprasza - Herzlich Willkommen - im Gasthof Karczma, einem Restaurant direkt an der Kruttina gelegen. Nach dem Mittagessen machen wir einen kleinen naturkundlichen Spaziergang vorbei an „verliebten Bäumen“, Mooren und diostrophen Seen, die meist, so hören wir, in abflusslosen Senken in Mitten von Moränenhügeln entstehen. Ein solch diostrophes Moor und sein und mooriger Lebensraum bildet Stillgewässer mit braungefärbtem Wasser. Die Einfärbung entsteht durch sogenannte Huminsäuren, welche durch Auswaschung oder Zersetzung von Pflanzenmaterial im Untergrund oder angrenzenden Mooren entstehen; der Teich-/Seeuntergrund ist folglich meist pflanzlichen Ursprungs. Als Folge haben solche Gewässer auffallend niedrige ph-Werte - sind also "sauer" und damit „weich“. In diesen Moorgewässern sind – so hören wir – die auf extrem nährstoffarm spezialisierten, seltenen Arten (z.B. Moorlibellen) zu finden, da sie hier einen Lebensraum geboten bekommen. Oder anders gesagt: nur dieses Tierarten können solch extrem sauren huminsäurereichen Lebensräume besiedeln. Als Pflanzenarten treten neben mehreren Torfmoosarten z.B. Wasserschlauch-Arten Schnabelriede, Wollgras und Sonnentau-Arten auf. Schade, dass Ekkehard Rudnick, ein noch echt ostpreußisches Original uns nicht durch den Masurischen Naturpark hier in Krutynia (Kruttinnen) führen kann. Er ist gesundheitlich angeschlagen ist und hat einen Arzttermin. Aber die Libellen und die für die Moorarten typischen Moosjungfern, gefleckten Smaragdlibellen, die Torf-Mosaikjungfern oder die Schwarze Heidelibelle entschädigen uns – etwas wenigstens. Die im Wald vorkommenden Luchse verbergen sich – als Einzelgänger – natürlich vor uns. Unser Begleiter berichtet noch von einem 220 kg schweren Keiler, den es hier gab. Der war aber zu groß und ließ keine Konkurrenz zu. Weiter erzählt er noch von der großen Welspopulation – aber auch von der starken Zunahme von Bibern berichtet er. Neben den Schäden an den Bäumen verursachen diese auch Schäden durch Überschwemmungen. Und dass Kormorane täglich 1,5 Kg Fisch brauchen - es gibt nicht wenige davon und der Fischfang ernährt auch die einheimische Bevölkerung - wird ebenfalls als Problem angezeigt. Nun – es ist ½ 4 geworden - besteigen wir die Kähne und werden eine gute Stunde lang auf der romantischen Kruttinna, dem schönsten Fluss Ostpreußens, der Perle Masurens, gestakt. Ein Erlebnis wie die Boote ruhig durchs Wasser gleiten. Die Krutynia, die Königin der masurischen Flüsse, wie sie auch genannt wird, mäandert durch den Wälder der Puszcza Piska. Abends besuchen wir noch die Westernstadt „Western City Mrongoville“ in Mragowo (Sensburg). Zu dieser Zeit sind wir die einzigen Besucher auf dem Gelände. Irgendwie machen wir einen verlorenen Eindruck.
Dienstag, den 27. Juni 2017
Unseren letzten Tag in Sensburg beginnen wir am Morgen mit einem Klosterbesuch. Die Tageslosung passt da gut: „Ich habe dich bereitet, dass du mein Knecht seist, Israel, ich vergesse durch nicht! sagt Deutero-Jesaja im 44. Kapitel. So eindeutig an dieser Stelle Israel als Gottes „Knecht“ bezeichnet wird, so eindeutig ist das an anderen Stellen im Buch des Jesaja nicht. Wer ist der Gottesknecht? Das Volk Israel – oder Jesus, wie es Philippus dem äthiopischen Finanzbeamten erklärt? Der Titel „Knecht Gottes“ beschreibt wohl das Verhältnis der Menschen zu Gott. Wer sich Knecht Gottes nennt, weiß um Gottes liebevolle Zuwendung: Ich bin von Gott geliebt, gewollt, angenommen. Das wussten auch die Nonnen, die einst hier im Kloster der „Heiligen Dreifaltigkeit und des Erlösers“ in Wojnowo (Eckertsdorf) bei Utka leben, das unser Ziel ist. Hier in diesem sogenannten „Philipponendorf“ können wir den ursprünglichen masurischen Baustil sehen. Wojnowo wird im 19. Jahrhundert von russisch-orthodoxen Altgläubigen gegründet. Bis ins späte 20. Jahrhundert hinein bleiben Wojnowo und das „Nachbardorf“ Gałkowo (Galkowen) letzte Siedlungen, in denen überwiegend Altorthodoxe leben. Entlang der Dorfstraße fallen mir eine Reihe von Holzhäusern auf, die besonders durch die bäuerliche Architektur ihren Reiz ausstrahlen. Eine natürliche Ursprünglichkeit, umgeben von üppigen Sommerblumen. Wieder ein traumhafter Moment Masurens: die Weite der Felder, Bewegung durch weidende Kühe, unterbrochen von Baumgruppen.
Dann vor uns: das kleine Kloster und die russisch-orthodoxe Kirche in Wojnowo. Die kleine Holzkirche unterscheidet sich in ihrem Baustil von den ostpreußischen Kirchenbauten. Das 1847 erbaute Frauenkloster der Altgläubigen ist das einzige in ganz Polen. Es war das Zentrum des religiösen und gesellschaftlichen Lebens der masurischen Philipponen. Heute ruhen die Nonnen auf dem kleinen Friedhof am Jezioro Dus (Drusensee). Die chrakterischen Holzkreuze stehen – nach philipponischer Tradition – zu Füßen der Gestorbenen und zeigen in Richtung Osten. Die meisten Einwohner Wojnowos kehrten später wohl zur offiziellen Kirche zurück und nur wenige bleiben bei ihrem altorthodoxen Glauben. Wieder ein Ort, der durch seine Landschaft und Geschichte die Tiefe und Ruhe Masurens ausstrahlt.
Um 10 Uhr beginnen wir unsere Schifffahrt von Ruciane-Nida (Rudczanny-Nieden) nach Mikołajki (Nikolaiken) – um 13 Uhr kommen wir in Nikolaiken an. Jetzt heißt es im Ort Ausschwärmen, denn Nikolaiken hat sein ursprüngliches Aussehen weitgehend bewahrt. Als eine der wenigen Städte wird es im 2. Weltkrieg nicht zerstört. Mikołajki wird wegen seiner vielen Brücken und Stege auch „Masurisches Venedig“ genannt – auch weil die malerische Lage zwischen den Seen Jezioro Tałty (Talty-See) und Jezioro Mikołajskie (Nikolaiker See) einmalig ist. Jahrhunderte lebten die Nikolaiker von der Fischerei – vor allem der Moränen-Fischerei. Heute ist der Tourismus wesentliche Einnahmequelle der Bewohner. Er entwickelt sich schon Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Aufnahme des Passagierverkehrs aus den großen Seen (Mauer- und Spirdingsee).
Nicht nur weil sie unser vereinbarter Treffpunkt ist, die evangelische Kirche ist für viele besonders anziehend. Sie stammt aus dem Jahr 1842 – und auch sie wurde nach Plänen von Schinkel erbaut. Der Innenraum ist hell und klar gegliedert und durch die dezenten Farbglasfenster erhält der Kirchenraum eine atmosphärische Beleuchtung – warm und aufrecht. Kerstin Harms hat hierher eine besondere Beziehung – seit Jahren schon hat sie hier zwei Patenkinder. Die Mutter treffen wir als wir auf den Bus waren. Eine hrzliche Begegnung.
Jetzt müssen wir zurück – es gilt die Koffer zu packen. Und dann steht unser Abschiedsabend an – mit Gästen. Jadwiga und Julian Osiecki sind anwesend und auch die „Deutsche Minderheit“ aus Mragowo (vertreten durch ihren Vorsitzenden Drezek Eugenius sowie Ingrid Zackaremicz und Brigita Tramiaska) und auch die Vertreter aus Lötzen (mit Helga Fritza und Krystynia Drobrowolska) sind ebenso gekommen wie das Ehepaar Danuta und Alfred Bielski, die Eigentümer des Hotels. Ein schöner Abend – Musik wird aufgespielt und Friedericke Sellschopp bittet als „Mariellche“ zum Tanz. Der Abend endet viel zu früh - leider.
Mittwoch, den 28. Juni 2017
Um halb 9 Uhr sind alle Koffer verstaut. Wir fahren los und kommen über eine autobahnähnliche Straße (die sich derzeit teilweise noch im Bau befindet) schnell nach Olsztyn (Allenstein) und Ostróda. Dann ist Schluss mit der Schnellstraße und es geht vorbei an Schloss Toliti. Dann erreichen wir den Oberländischen Kanal, dessen Besonderheiten – die 5 geneigten Ebenen – ihn berühmt machten. Von Jelonki (Hirschfeld) nach Buczyniec (Buchwalde) geht unsere Schiffstour, bei der wir vier „Ebenen“ hinter uns lassen. Diese Ebenen dienen der Überwindung der Höhenunterschiede: genial einfach – die Schiffe werden „einfach“ auf Wagen geladen und über Land gezogen. Der Antrieb erfolgt rein durch Wasserkraft mit Gegengewichten.
Kapitän Robert, Matrose Kaspar sowie Dorota und ihr Sohn Jacek schippern mit uns in Buczynek (Buchwalde) los und lassen uns köstliche Krakauer genießen. Kurze Zeit später sitzen wir – unter den Klängen „Masuren, liebes Masuren“ – wieder im Bus und fahren weiter. In „Preussisch Holland“ dann noch ein kurzer Stopp. Das elterlich und großelterliche Haus von Bärbel Schulze, die allerdings schon in Lüneburg geboren ist, wird erreicht. Sie soll Gelegenheit bekommen sich umzuschauen. Ausgerüstet mit alten Fotographien schaut sie sich um. Einiges kann sie wiedererkennen – anderes ist verschwunden.
Nun ist Frambork (Frauenburg) erreicht. Hier ist wieder eine Orgel zu besichtigen, die 4000 und zusätzliche 1000 Pfeiffen aufweist und mit 68 Registern bespielt wird. Seit 1960 gibt es hier Sommerfestspiele. Und am Dom sehen wir die Büste von Maximillian Keller, jenem Bischof (1930 – 1947 Bischof von Ermland – Masuren), der die Flucht vieler Deutsche über das Haff organisierte. Er stirbt 1947 in Frankfurt am Main. Frauenburg liegt am Ufer des Frischen Haffes (Wiślany) Sie entsteht wahrscheinlich bereits um das 12. Jahrhundert an der Stelle einer pruzzischen Siedlung. 1310 werden Frauenburg dann vom ermländischen Bischof Eberhard aus Neißen die Stadtrechte verliehen. Die ganze Domanlage auf dem Domhügel stellt ein Baudenkmal der höchsten Weltklasse dar. Das hervorragende Bauwerk ist der Dom von 1329-1388, das größte gotische Gotteshaus im Ermland. Die gewaltige Anlage des Domes liegt vor uns. Eine Stadtführerin – gebürtig in der Schweiz – der Liebe zu Polen und später auch ihres heutigen Mannes wegen hier, zeigt uns die Schönheiten, die sie hierher gezogen haben. Von 1510 bis 1543 wohnt und arbeitet hier Nikolaus Kopernikus, Domherr von Ermland, und übt seine Forschungstätigkeit aus. Hier hat er auch sein Lebenswerk „De revolutionibus orbium coelestium“ („Sechs Bücher über die Kreisbewegungen der Weltkörper“) im Jahre 1543, d.h. vor ca. 480 Jahren, vollendet. Nikolaus Kopernikus wird dann auch im Dom beigesetzt. Heute kennt man auch die Stelle – die während der „schwedischen Wirnisse“ verloren gegangen war – an der Kopernikus beigesetzt ist.
Nur wenige Meter Spaziergang sind es dann vom Dom hinunter zum Gedenkstein für 450.000 Ostpreußische Geflüchtete. Kerstin Harms spielt bei der Niederlegung eines Gebindes das Trompetensolo „Harre meine Seele“. Bei einem Gebet und dem Vaterunser halten wir am Gedenkstein für die Opfer von Flucht und Vertreibung von Januar 1945 inne. Immer wieder kommt das Gespräch auf Flucht und Vertreibung in den letzten Kriegs- und Nachkriegswochen; wird von dieser menschenunwürdigen Phase der Zeitgeschichte gesprochen. Nach einem Blick auf das Frische Haff fahren wir weiter nach Marienburg (Malbork), wo wir eine abendliche Führung durch die gewaltige Anlage haben. Marienburg ist die bedeutendste Ordensburg der Deutschordensritter und von 1309 bis 1457 Sitz der Hochmeister. Sie wird von 1276 bis 1448 erbaut und befestigt. Königspalast, Zeughaus, Hospital – die Marienburg dient vielen Herren und Zwecken. Nach der Zerstörung 1945 leuchtet sie heute wieder im tiefen Rot ihrer Backsteinmauern. Mit mehr als 500 Metern Länge ein großartiges Monument mittelalterlichen Bauens. In zwei Gruppen betrachten wir die Burganlage, die in sich Kloster, Schloss der Hochmeister, Kirche, Hospital, Wehranlage und Gästebereich umfasst. Über Zugbrücke, den Innenhof mit Schwanenbrunnen geht es dann in den Remter mit seinen sehenswerten Fresken, den gotischen Stützsäulen und der „Fußbodenheizung“ und weiter über Stiegen und Kreuzgänge in den Hochmeisterpalast und die Burgkirche. Hier gibt es noch so unendlich viel zu sehen – dafür ist die Zeit wirklich zu kurz. Nach dem Beschuss und den großen Zerstörungen durch die Rote Armee seit rund 20 Jahren ausgebessert, gearbeitet, restauriert. Fördermittel aus aller Welt werden eingeworben. Und heute ist die Marienburg „Weltkulturerbe“.
Donnerstag, den 29. Juni 2017
Heute ist unser vorletzter Tag. Und der Psalmist begrüßt uns am Morgen. In der Tageslosung sagt er uns „Ich bete, Herr, zu dir zur Zeit der Gnade; Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe. (Ps69,14) Und wir fahren heute getrost (und pünktlich) nach Danzig (Gdańsk) los, denn um 9 Uhr wollen wir am „Grünen Tor“ sein.
In seiner Blütezeit im 16. und 17. Jahrhundert ist Gdańsk (Danzig) eine der wichtigsten Hafenstädte Europas und gehört zu den reichsten und mächtigsten Metropolen Europas, ist mit 70.000 Einwohnern nach London und Antwerpen die größte nordeuropäische Stadt, treibt Handel mit der gesamten auf dem Seeweg erreichbaren Welt. Wer durch das Goldene Tor die Langgasse betritt, die an Häusern mit prächtigen Renaissance- und Barockgiebeln vorbeiführt, und zum „Langen Markt“ kommt, der gelangt zu einem der schönsten Plätze Europas. Mit einer erfrischenden Schilderung der Stadtgeschichte – das Krantor im Auge behaltend – gehen wir über den „Langen Markt“ entlang herrlicher Häuser, sehen Nachbauten alter Koggen und kommen durchs Frauentor und die Frauengasse. Biegt man in die Frauengasse ein und kommt man auf die Ostfassade der Marienkirche zu - vorbei an den vielen Läden voller Kunstwerke aus Bernstein, dem Gold der Ostsee. Hier sollte man innehalten, da fast alles ein Ergebnis einer grandiosen Wiederaufbauleistung ist, denn die historische Bausubstanz der, bis dahin vom Krieg fast unversehrten, Stadt wurde in den letzten Märztagen des Jahres 1945 zu fast 100% zerstört. Obwohl ein Großteil der Stadt im Krieg zerstört wurde, ist Gdańsk (Danzig) heute eine der schönsten baltischen Städte. Da die Stadt im Laufe der Geschichte mal unabhängig ist, mal unter slawischer und mal unter preußischer Herrschaft steht, bietet sie Besuchern heute eine reichhaltige Geschichte und Kultur. Nach der Reformation wird die Marienkirche von Katholiken und Protestanten anfangs gleichzeitig genutzt, später ist sie aber exklusiv der lutherischen Kirche vorbehalten. Die bis 1945 evangelische, seit 1945 dann katholische Marienkirche zu Gdańsk (Danzig) ist eine der drei größten Backsteinkirchen nördlich der Alpen und eine der beiden weltgrößten Hallenkirchen. Bis 1945 ist die Marienkirche das zweitgrößte evangelisch-lutherische Gotteshaus der Welt (nur das Ulmer Münster ist größer). Unter den größten Gotteshäusern Europas, so wird uns berichtet, liegt sie etwa auf Platz 20. Sie ist 105,5 Meter lang, das Kirchenschiff ist 41 Meter breit, mit Querschiffen 66 Meter. Im Innenraum der Kirche sollen bis zu 25.000 Menschen Platz finden. Durch das ungewohnt flache Dach des Turms und die riesige schwarze, gegen die weiße Wand lehnende Orgel wirkt die Kirche äußerst imposant. Im Zweiten Weltkrieg wird die Marienkirche im März 1945 bei der Eroberung der Stadt durch die Rote Armee während der Schlacht um Ostpreußen schwer beschädigt; vierzig Prozent der Kunstschätze sind vernichtet. Der hölzerne Dachstuhl brennt aus, 14 der großen Gewölbebögen kollabieren, die Glasfenster werden zerstört. Trotzdem gehört die Ausstattung der Marienkirche auch weiterhin zu den reichsten Kirchenausstattungen im Ostseeraum mit zahlreichen Retabeln, Skulpturen, Wand- und Tafelmalereien.
Da die polnischen Könige, die seit dem Zweiten Thorner Frieden 1466 die nominellen Oberherren der Stadt sind, jedoch immer katholisch bleiben, baut die Stadt neben der Marienkirche die barocke königliche Kapelle, damit der König während seines Aufenthalts in der Stadt den Gottesdienst besuchen konnte. Das berühmte Triptychon Das Jüngste Gericht des Brügger Malers Hans Memling war eine Auftragsarbeit des Florentiner Bankiers Angelo Tani, die für seine Heimatstadt bestimmt ist. Die Anfertigung dauert von 1467 bis 1471. Während einer Kaperfahrt der Peter von Gdańsk (Danzig) wird es 1473 aus einem britischen Schiff erbeutet und von einem der Schiffseigner, Reinhold Niederhoff, der Marienkirche in Gdańsk (Danzig) geschenkt. Daraus ergeben sich längere diplomatische Verwicklungen, die bis zur Androhung des Kirchenbanns gegen Gdańsk (Danzig) durch den Papst gehen. Napoléon Bonaparte läßt das Werk nach Paris in den Louvre schaffen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hängt es in der Sankt Petersburger Eremitage. Seit 1956 ist es im Nationalmuseum Gdańsk (Danzig) untergebracht.
Als Ersatz für die ursprüngliche große Orgel des Orgelbauers Julies Anthoni, die in ihren ältesten Teilen auf das Jahr 1586 zurückgeht und 1945 vollständig zerstört wird, baut man 1985 den erhalten gebliebenen, deutlich kleineren Prospekt der Johanniskirchenorgel von 1629 ein und stattet ihn mit einer, aus deutschen Spenden finanzierten, Rekonstruktion des Orgelwerks durch die Gebrüder Hillebrand aus Altwarmbüchen aus. Die 46 Register verteilen sich auf drei Manuale und Pedal, die Trakturen sind mechanisch.
Im Verlauf der Stadtführung werden wir dann noch – ganz sanft und nebenbei – zu einem Bernsteingeschäft geführt. Ein junger Mann erläutert die Eigenschaften des Bernsteins und zeigt wie man Fälschungen aus Kunststoff leicht vom originalen Bernstein zu unterscheiden in der Lage ist.
Zum Wissen über Gdańsk (Danzig) gehören bei einem heutigen Besuch aber unbedingt noch drei Dinge: Die Gedenkstätte Stutthof in Sztutowo erinnert an das erste außerhalb von Deutschland errichtete Konzentrationslager. Das KZ Stutthof hat insgesamt 39 Außenlager. Die größten Außenlager waren in Thorn (Toruń) und Elbing (Elbląg) mit je ungefähr 5000 jüdischen Frauen als Gefangenen. Auf dem Gelände des KZ Stutthof und dem Museum erfährt man über die Geschichte von Stutthof und das Schicksal seiner Insassen.
Und zum Zweiten: Solidarność – Im August 1980 stellen sich mutige Arbeiterinnen und Arbeiter gegen aufrollende Panzer. Lech Wałęsa, ein Elektriker, schreibt mit seiner Unterschrift unter das Abkommen von Gdańsk (Danzig) Weltgeschichte: Die staatssozialistische Regierung erkennt die unabhängige, selbstverwaltete Gewerkschaft Solidarność an. Im Dezember 1981 ruft General Jaruzelski das Kriegsrecht aus und lässt die Solidarność gewaltsam niederschlagen. Die Solidarność überdauert diese Zeit im Untergrund. 1989 gewinnt sie dann doch noch: die Wahlen und den Kampf gegen das staatssozialistische System. Solidarność war unter anderem deshalb so viel erfolgreicher als alle anderen Widerstandsbewegungen in Ostmitteleuropa, weil in ihr verschiedene Milieus zusammenarbeiten: Arbeiter und Intellektuelle, Katholiken und Linke. Das ist nicht nur das Verdienst des polnischen Papstes, sondern ganz besonders das Verdienst von kritischen Linken und Linkskatholiken, die Anfang der 1970er in einem offenen Dialog Jahre des Misstrauens zwischen Linken und Katholiken überwinden.
Und Drittens: Der Schriftsteller Günter Grass wird am 16. Oktober 1927 in Danzig geboren. Hier in der Stadt Danzig, sind auch zwei seiner Hauptwerke, »Die Blechtrommel« und »Katz und Maus«, angesiedelt. Grass ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart, gehört der berühmten »Gruppe 47« an und wird 1999 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.
An der Ostseeküste entlang kommen wir über Lauenburg nach Słupsk (Stolp). Stolp an der Stolpe (heute Słupsk) war einst, nach Stettin, die bedeutendste Stadt in Pommern und Kreuzungspunkt zahlreicher Handelswege, Mitglied der Hanse, aber auch Standort für viele Betriebe im Zuge der Industrialisierung. Nach einer kurzen WK-Pause (Würstchen und Kaffee) kommen wir nach Kołobrzeg (Kolberg). Die westpommersche Hafenstadt Kołobrzeg (früher auch Colberg) ist Sol- und Kurbad an der Ostsee. Wirtschaftlich prägend für die Stadt mit rund 46.700 Einwohnern sind vor allem der Tourismus und die Hafen- und Fischereiwirtschaft. Nach dem Abendessen führt die Meisten noch ein kurzer Spaziergang an den Strand. Einsetzender Nieselregen vertreiben uns aber bald wieder in Richtung eines Restaurants.
Freitag, den 30. Juni 2017
Die heutige Tageslosung stammt aus Richter 10: „Wir haben gesündigt. Mache du es mit uns, wie dir’s gefällt: nur errette uns heute!“ Und der dazugehörige Lehrtext aus Hebräer 12 sagt uns: „Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert … und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist.“ Als wir um Viertel vor 8 Uhr losfahren, denke an die Israeliten – denn am Montag sitze ich um diese Zeit längst wieder im Büro. Doch unbeschwert leben: das ist eine Kunst. Denn häufig erhöhen ja viele Gewohnheiten und Pflichten den Umfang an Arbeiten, die täglich zu erledigen sind. Und belasten so unser ganzes Leben. Darum finde ich, ist der Ratschlag, all das abzulegen, was uns beschwert, überaus nützlich.
Kurz nach 10 Uhr erreichen wir das regenverhangene Stettin (Szczecin), die Hauptstadt der Woiwodschaft Westpommern, eine Großstadt mit derzeit knapp 410.000 Einwohnern. Stettin (Szczecin) ist nach Danzig die siebtgrößte Stadt Polens ist. Sie bildet den Schwerpunkt des deutsch-polnischen Ballungsraums Stettin mit über 760.000 Einwohnern, der zu einer europäischen Metropolregion mit rund einer Million Einwohnern entwickelt werden soll. Vorbei an der Johanneskirche (heute eine katholische Kirche) und dem neu errichteten Schloss führt uns der sympathische Reiseleiter zu einer Vielzahl touristischer Sehenswürdigkeiten aus den verschiedenen Epochen, wie das Schloss der pommerschen Herzöge, die gotischen Stadtkirchen oder die berühmte Hakenterrasse. (Hermann Haken am 3. Mai 1828 in Köslin geboren und am 16. Juli 1916 in Stettin gestorben ist, war ein deutscher Jurist und Politiker. Seine große Bekanntheit erlangt er als wohl bedeutendster Oberbürgermeister von Stettin. Während seiner 29 Jahre währenden Amtszeit entwickelt er die Hauptstadt Pommerns zur modernen Großstadt und zu einer der wichtigsten Industrie- und Hafenstädte im Ostseeraum). Wir hören, dass sich die Anlage des noch größtenteils erhaltenen weiträumigen Stadtzentrums mit den sternenförmigen Plätzen am Pariser Vorbild orientierte. Auf den ehemaligen Festungsanlagen entstanden unter Führung des Pariser Architekten Georges-Eugène Haussmann moderne Wohnquartiere mit weiträumigen Boulevards. Im - nur 120 km von Berlin entfernten - Stettin vermischten sich 800 Jahrhunderte Wenden mit 10 Jahrhunderten Germanen erklärt der Reiseführer. Die Geschichte der Stadt Stettin reicht bis in das 8. Jahrhundert zurück. Das heute in Polen liegende Stettin (Szczecin) hat eine über 700 Jahre dauernde Geschichte als deutsche Stadt.
1124 erfolgt die Stadtgründung. 1309 beginnt Herzog Otto I. mit dem Bau eines Schlosses und macht damit Stettin offiziell zur Residenzstadt Pommerns. Sein Nachfolger Barnim III. gerät mit der Stettiner Bürgerschaft in Streit, als er beginnt, auf dem den Bürgern vorbehaltenen Burgplatz ebenfalls ein Schloss zu errichten. Erst der Vertrag vom 24. August 1346 bringt eine Einigung, und es entsteht ein fester Steinbau, der Ursprung des heute noch bestehenden Stettiner Schlosses. Zu Ehren des Bischofs Otto von Bamberg stiftet der Herzog die Ottenkirche, die gemeinsam mit dem Schloss errichtet wird. Zum Ende des 14. Jahrhunderts kommt es zu einem Anschub für Stettins Wirtschaft, als im Zuge des Konflikts zwischen Polen und dem Deutschen Orden sowohl Polen als auch Pommern der Stadt weitgehende Handelsprivilegien einräumen, um das vom Orden beherrschte Danzig als Handelsmetropole ablösen zu können. 1532 wird der der Kunst und den Wissenschaften zugetane Barnim IX. Herzog von Pommern-Stettin. Er beruft den bekannten Baumeister Caspar Teiß an seinen Hof und beauftragt ihn 1538 mit dem Ausbau des Ostflügels des Schlosses. Barnim IX. ist maßgeblich an der Einführung der Reformation in Pommern beteiligt. In deren Folge gründet er 1543 als erste weltliche Hochschule in Stettin das Pädagogium, allerdings nicht als eine Universität, sondern als eine Hohe Schule. Das Pädagogium entwickelte sich zu dem angesehenen Marienstiftsgymnasium.
Im Jahre 1570 wird in Stettin ein Friedenskongress abgehalten, der zur Beendigung des Dreikronenkriegs zwischen Dänemark und Schweden durch den Frieden von Stettin führt. Einen Rückschlag muss die Stadt hinnehmen, als 1572 das Handelshaus Loitz in Konkurs geht und damit als wichtiger Finanzier ausfällt. Nur mit Hilfe des Herzogs kann der finanzielle Zusammenbruch der Stadt vermieden werden, unter anderem dadurch, dass 1580 Stettin das Privileg erhält, die für Pommern neu eingeführten Münzen zu schlagen. In den Jahren 1575 bis 1577 wird auf Veranlassung des seit 1560 herrschenden Herzogs Johann Friedrich das Herzogsschloss im reinen Renaissance-Stil umgebaut. In diesem Rahmen wird auch die Ottenkirche abgerissen und durch die neue Schlosskirche zu Stettin ersetzt. Herzog Philipp II., der seine Regentschaft 1606 antritt, war in hohem Maße wissenschaftlich und künstlerisch interessiert und hat eine umfangreiche Bibliothek und Kunstsammlung angelegt. Zu deren Unterbringung fügt er dem Schloss einen Westflügel an. Zusätzlich baute er 1612 das Sommerschloss Oderburg, in dem er eine Bildergalerie einrichtet. Dies alles läßt sich nur durch erhöhte Abgaben der pommerschen Städte finanzieren, die Stettin durch die Einführung einer Biersteuer kompensieren will. Das veranlasste im Juli 1616 einen Volksaufstand, in dessen Folge die Steuer wieder zurückgenommen wird.
Leider gab es auch in Stettin schlimme Auswüchse: Elisabeth von Doberschütz wurde am 17. Dezember 1591 in einem Hexenprozess verurteilt und auf dem Stettiner Heumarkt enthauptet. Die adlige Jungfer Sidonia von Borcke wird 1619 der Hexerei bezichtigt und am 28. September 1620 in Stettin enthauptet und verbrannt.
Der 1618 ausgebrochene Dreißigjährige Krieg berührt Stettin zunächst nicht. Erst im Juli 1630 besetzen die Schweden unter Gustav Adolf die Stadt und richten in der Oderburg ihr Quartier ein. Während ihrer Besatzungszeit verstärken die Schweden die Befestigungsanlagen rund um die Stadt. Auch nach dem Westfälischen Frieden von 1648 bleibt Stettin in schwedischer Hand, was der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm nicht hinnehmen will, denn nach dem Aussterben des Greifengeschlechts nach dem Tode von Bogislaw XIV. 1637 hätte Hinterpommern und damit auch Stettin an Brandenburg fallen sollen. Deshalb zieht der Kurfürst im Schwedisch-Brandenburgischen Krieg 1676 mit seinen Truppen nach Stettin, belagert es zwei Jahre lang und zwingt die Stadt am 6. Januar 1678 zur Kapitulation. Der Friedensvertrag von St. Germain zwingt den Kurfürsten jedoch schon 1679 wieder zum Abzug. Mit dem Frieden von Stockholm 1720 gelingt es dem König Friedrich Wilhelm I. endlich, Stettin für Preußen zu erwerben.
König Friedrich Wilhelm I. läßt dann in den Jahren 1724 bis 1740 die Festungsanlagen der Stadt grundlegend neugestalten und modernisieren. Die von Friedrich II. für die östlichen Provinzen in Gang gesetzten Förderpläne lassen auch Stettins Wirtschaft wieder aufblühen. So profitiert der Handel ab 1746 von der Wiederherstellung des Finowkanals nach Berlin, und durch die Entwässerung des Oderbruchs gewinnt Stettins südliches Umland an Bedeutung. Durch den 1740 begonnenen Ausbau der Swine mit der Eröffnung des Ostseehafens Swinemünde 1746 entwickelt sich Stettin zum Ende des 18. Jahrhunderts zum wichtigsten Hafen Preußens.
Nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon I. im Jahre 1806 wurde Stettin vorübergehend Exil für die Berliner Minister und Behörden. Obwohl Festungsstadt, fiel Stettin am 29. Oktober 1806 nach der Kapitulation des preußischen Generals Friedrich Gisbert Wilhelm von Romberg kampflos in französische Hände. Die Einnahme Stettins erfolgte, so erzählte uns unser Stadtführer schmunzelnd – mittels einer List - durch nur 500 Reitersoldaten. Die Besatzung dauert bis zum 5. Dezember 1813. Nach der Vertreibung Napoleons ordnet Preußen seine Verwaltung neu und die Provinz Pommern wird errichtet, zu deren Hauptstadt Stettin bestimmt wird. Als Vorbote der sich im 19. Jahrhundert entwickelnden Industrie wird 1817 in Stettin die Zuckersiederei Dohm gegründet. Gleichzeitig wird der Hafen immer weiter ausgebaut. 1898 eröffnete Kaiser Wilhelm II. den neuen Freihafen. Die Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg hinterließ auch in Stettin ihre Spuren. Den größten Einschnitt bildete die Schließung der Vulcan-Werft im Jahre 1928.
Nach der „Machtergreifung“ der NSDAP 1933 emigrierte ein Teil der Stettiner Juden, die im gleichen Jahr etwa 1 % der Gesamtbevölkerung von 272.000 ausmachten. Die für 1500 Besucher gebaute und im Jahre 1875 eingeweihte Synagoge zu Stettin an der Grünen Schanze wurde im Novemberpogrom 1938 Opfer einer Brandstiftung. Die Ruine wurde 1940 abgerissen. Auch Angehörige der evangelischen Gemeinde wurden verfolgt. Der einen Monat vor Kriegsende (am 9. April 1945) hingerichtete Dietrich Bonhoeffer hatte das 1937 geschlossene Predigerseminar der Bekennenden Kirche in (Stettin-) Finkenwalde geleitet. Am 26. April 1935 wurde das pommersche Predigerseminar der Bekennenden Kirche eröffnet. Mit der Seminarleitung und dem Lehrbetrieb war Dietrich Bonhoeffer beauftragt. In Finkenwalde bei Stettin blieb das Seminar bis zu seiner Schließung. Am 29. August 1937 verfügte der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei in einem Schreiben an das Geheime Staatspolizeiamt das staatspolizeiliche Verbot. Das Seminar in Finkenwalde wurde geschlossen – dennoch fand die Ausbildung in veränderter Form eine Fortsetzung. „Illegale Ausbildung ging auch nach der polizeilichen Versiegelung der Gebäude [in Finkenwalde] in der getarnten Form von Sammelvikariaten bis in den Krieg hinein weiter. Hier in Finkenwalde wird nicht nur gelernt, sondern auch selber angestrichen, gehämmert und eingerichtet. Die 23 Kursteilnehmer sind engagiert, sie haben sich bewusst für dieses Seminar entschieden. Im Seminar lernt Dietrich Bonhoeffer Eberhard Bethge kennen, der zu seinem engen Freund wird. Nach Dietrichs Tod gibt Eberhard Bethge Bonhoeffers Werke und eine Biographie Bonhoeffers heraus. Seine Erfahrungen aus dieser Zeit hat Bonhoeffer in dem Buch „Gemeinsames Leben“ festgehalten.
Am 5. Juli 1945 übergibt die sowjetische Besatzungsmacht Stettin – unter Verletzung bestehender alliierter Vereinbarungen, die die Festlegung einer vorläufigen Demarkationslinie zwischen dem Ostblock und dem Westen „unmittelbar westlich von Swinemünde und von dort die Oder entlang bis zur Einmündung der westlichen Neiße“ vorsahen – an polnische Verwaltungsbehörden. Dies geschieht im Rahmen sowjetischer Bestrebungen, die Westmächte in Bezug auf die deutsche Ostgrenze vor ein fait accompli (einen unumkehrbaren Umstand, einen eigenmächtig geschaffenen Sachverhalt) zu stellen.
Am 21. September 1945 kam es zum Schweriner Grenzvertrag. Der polnische Staat benannte die Stadt in Szczecin um.
Abschließend dann noch einige Stettiner Anmerkungen: Als wir an der St. Peter und Paul-Kirche vorbeikommen erzählt unser Reiseleiter, dass diese zur polnisch-katholischen Kirche gehört. Die Polnisch-Katholische Kirche wurde 1951 von der Polish National Catholic Church (PNCC) unabhängig und wahrte die synodal-episkopale Ordnung. Sie ist eine zur Utrechter Union altkatholischer Kirchen gehörende Kirche – in ihr dürfen Priester heiraten und es gibt die Frauenordination.
Dann gehen wir in die neue Philharmonie – einem aus Stahl und Glas bestehenden Musikpalast – er ist die futuristische Darstellung eines Eisberges. Man mag dazu stehen wie man will – eines ist unbestritten: die Akustik.
Katharina II wird am 02. Mai 1729 in Stettin als Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst geboren. Am 17. November 1796 stirbt sie in St. Petersburg. Als 13-jährige wird sie verheiratet. Seit dem 9. Juli 1762 ist die Kaiserin von Russland. Katharina II. ist eine Repräsentantin des aufgeklärten Absolutismus. Schon den Zeitgenossen erscheint ihr Aufstieg wie eine fabelhafte Geschichte. Eine Prinzessin mit großem Titel und winzigem Besitz wird mitten im Winter an den russischen Hof bestellt. Mit dem Thronfolger zwar vermählt, aber im Bett und am Tisch getrennt, greift sie nach dem Tod der Zarin nach der Macht, beseitigt ihren Gatten und wird Autokratin im Sinne des Aufgeklärten Absolutismus. 43 Jahre lang herrscht sie über das Reich. Als sie stirbt, besteht Russland ungefähr in seinen heutigen Grenzen und ist zur europäischen Großmacht geworden. Mit ihrer Konversion zum orthodoxen Glauben erhält Sophie Auguste Friederike den Namen Katharina. Sie ist die zweite Zarin dieses Namens. Die von ihr eingesetzte Gesetzgebende Kommission fügt den Ehrentitel „die Große“ hinzu. Sie ist die einzige Herrscherin, der in der Geschichtsschreibung der Beiname die Große verliehen wird. Es gibt nicht viele Frauen, die die Geschichte so geprägt haben wie diese Prinzessin aus einem deutschen Duodezfürstentum.
Mit all unserem geballten Wissen machen wir uns zum Mittagessen auf. Zuvor kommen wir aber noch am Kino „Pionier“ aus 1907 vorbei – dem ältesten Kino der Welt. Hier sitzt man Tischen und dann und wann ertönt auch Klaviermusik. Nun sind wir in der altpolnischen Schenke „Pod Kogutem“ in der ul. plac Lotnikow 3 angelangt. Nach dem Mittagsmahl – an einem Nebentisch speist eine Hochzeitsgruppe – geht es über den obligatorischen Polenmarkt (die angebotenen Kirschen und Pfirsiche sind übrigens deutlich teurer als im Stuttgarter Raum) in Richtung Lüneburg. Unsere Rückfahrt verläuft zügig und wir sind überpünktlich in Scharnebeck zurück.
Fazit der Reise ist für mich: Reisen bildet nicht nur – es beseitigt auch manches Vorurteil. Manche lebten einst hier – oder sind Nachfahren von denen, die einst hier lebten und die nun als Touristen voller Heimweh ihre alten Häuser und Höfe besuchen und oft nicht wiederfinden. Oder die - wie Hans-Jürgen und Eberhardt Schmidt - traurig darüber sind, dass so garnichts in der alten Heimat Königsberg vorangehen will und alles „verlottert“. Wenn wir die Zukunft im Sinne Kants gestalten können, im Sinne der praktischen Vernunft, die sich von der Moral leiten lässt, dann ja – dann muss man mit Klaus Bednarz sagen, wären Königsberg und das Königsberger Gebiet eine große Chance. Nicht nur für Russland und Deutschland, sondern für ganz Europa. Ein Höhepunkt der letzten Jahre war der EU-Beitritt Polens im Jahr 2004. Rufen wir uns ins Gedächtnis, dass in den Jahren vor Polens Beitritt ein großer Teil der deutschen Gesellschaft gegen die Mitgliedschaft Polens war. Meinungsumfragen aus dieser Periode gaben ein widersprüchliches Bild ab. Die Deutschen unterstützen zwar mehrheitlich die EU-Erweiterung, nahmen aber zu jedem Kandidaten eine andere Haltung ein. Sie befürworteten den Beitritt Ungarns und Tschechiens, jedoch nicht den Polens.
Die großen Parteien in Deutschland ignorieren damals die kritische Haltung der Bevölkerung zu Polen. Sie handeln gegen die öffentliche Meinung, weil sie wissen, dass die Aufnahme Polens in die EU den Interessen Deutschlands dient. Die deutsche Politik hält an der Osterweiterung fest, trotz einer ersten bilateralen Krise. Trotzdem agiert die deutsche politische Elite im Geist des Vertrages von 1991 und unterstützt Polens EU-Beitritt. Dank der Erweiterung kann Deutschland seine geopolitische Position erheblich verbessern, aus der peripheren in eine zentrale Lage innerhalb der EU wechseln. Für Polen eröffnet die Mitgliedschaft die Chance zu einem politischen und ökonomischen Bedeutungswachstum, den es nach 2004 intelligent zu nutzen weiß.
Wir alle sind wohl fasziniert vom Zauber dieser Landschaft, die immer noch so schön ist, wie sie in den Liedern und Gedichten besungen wird. Danke für die Begegnungen mit den Menschen, die heute dort leben – und mit denen, die 1945 ihre alte Heimat verlassen mussten. Danke Kerstin Harms und Fryderyk Tegler für die Hilfe dabei und für eine rundum hervorragend organisierte, informative Begegnungs- und Studienreise.
So gewinnt man Freunde für Masuren und die deutsch-polnische Verständigung – ganz im Sinne von Marion Gräfin von Dönhoff, Jerzy Szynkowski und dem Verein Freunde Masurens mit Kerstin Harms und Fryderyk Tegler.
Am Sonntag 30. Juli 2017 treffen wir uns zum gemeinsamen Gottesdienst wieder in der Scharnebecker Marienkirche und anschließend zu Mittagessen, Kaffeetrinken und Bilderauswahl und Anschauen.
Die Masurenfahrt 2018 findet vom 16.06. bis 27.06.2018 statt. Anmeldungen werden bereits entgegen genommen.
Friedhart Hübler
Großer Reisebericht über die diesjährige Masurenreise 2016
Masurenstudienfahrt mit Pastor Fryderyk Tegler vom 19.06. – 30.06.2016
Der Weg nach Mauren ist weit ... ,
aber trotzdem fand ich mich am Sonntag, dem 19.06.2016 erwartungsvoll mit 49 Gleichgesinnten, einschließlich der beiden Reiseleiter - Pastor Fryderyk Tegler und Kerstin Harms -, am
Schiffshebewerk in Scharnebeck ein, so dass der Bus pünktlich um 7 Uhr gen Gniezno / Gnesen, dem ersten Etappenziel, starten konnte. Noch müde und schläfrig, der trübe Himmel und die für die Reise
günstigen 17° C unterstützten das einträchtig, döste ich wie etliche andere auch so vor mich hin, als plötzlich durch den Lautsprecher direkt über mir die heiligen Worte „Einer trage des anderen
Last“ tönten und mich aus meinen Träumen riss. Die Sonntagsandacht hatte begonnen (19.6. = Sonntag) und der Pastor legte uns dann die Bedeutung dieser Losung des Tages für unsere weitere Reise aus.
Gesang und Gebet folgten dem selbstverständlich und ließen mich ahnen, was so täglich auf uns zukommen sollte. Da nahm ich denn schnell die von Kerstin Harms liebevoll und ausführlich vorbereitete
Reisemappe, die jeder von uns mit eigenem Namen und Namensschild erhalten hatte, zur Hand und studierte den angekündigten Reiseablauf gewissenhaft. Nach pädagogisch verordnetem Brückenzählen (es
waren 99, wovon ich aber 52 verschlafen hatte, weil die Außentemperatur zwischendurch mit 36 °C angegeben wurde), erreichten wir dank günstiger Verkehrsbedingungen dann schon gegen 15 Uhr den ersten
Zielort Gniezno / Gnesen. Empfangen vom Kanzler des Erzbistums Dr. Andrzej Białczyk bezogen wir die Hotels und fanden uns dann um 5 pm zur Abendandacht im Dom ein. Jetzt staunte ich nicht schlecht,
als der angekündigte Erzbischof Prof. Dr. Muszyński wirklich erschien und uns in deutscher Ansprache über die Geschichte dieser Kirche, dieser Stadt und dieses Landes aufklärte. 2016 ist nämlich der
1050-te Geburtstag der katholischen Kirche in Polen und damit auch der 1050-te des Landes, da Gniezno auch Krönungsstadt der polnischen Könige war. Heute feiern Volk, Kirche und Staat einträchtig
diesen Geburtstag, das war 1966 noch ganz anders! Nach der Andacht ging es dann in Begleitung des Kanzlers durch die Altstadt zum Abendessen ins Hotel. Auch hier beeindruckte mich der vielbelesene
und gebildete Bischof, der sich stets um Aussöhnung der Polen und der Deutschen bemüht hat, als er uns von einem katholischen deutschen Soldaten erzählte, der die Reliquie des heiligen Adalbert aus
dem Dom von Gnesen vor dem Raub durch die Nazis gerettet hatte. Dazu wurde uns auch eine DVD mit einem Film, der daran erinnern soll, ausgeliehen und später im Bus unterwegs gezeigt. Das Essen wurde
umrahmt von der Volkstanzgruppe Wiwaty.
Am Montag (20.6.16) fuhren wir früh ab und machten die nächste Station in Torun (Thorn) und nahmen an einer Stadtführung teil, nachdem es dem Busfahrer mit Polizeigeleit gelungen
war, den Verabredungsort Weichselbrücke zu erreichen. Dabei durfte ich die Erfahrung machen, dass unser polnischer Stadtbegleiter und alle späteren auch äußerst höfliche Menschen waren. Er leitete
seine „lieben Gäste“ bedauerlicherweise bei Regen am schiefen Turm und dem Kopernikusdenkmal (hier vor 540 Jahren geboren) vorbei zum Rathaus und dem Marktplatz. Diese schöne alte Stadt an der
Weichsel hat nur wenig Zerstörung erlebt, sie wurde 1997 zum Weltkulturerbe erklärt. Nach Würstchen und Katharinchen (365-Tages-Lebkuchen-Spezialität) ging es weiter (13 Uhr) Richtung Allenstein.
Rund 4 Stunden später hielten wir in Sorkwity /Sorquitten, an der Grenze von Ermland und Masuren gelegen, und wurden dort von Pastor Mutschmann nahe der späteren Konfirmations-Kirche begrüßt. Die
geplante Andacht am See wurde wegen der nassen Witterung im Bus abgehalten. Eine halbe Stunde vor dem Abendessen erreichten wir das Hotel am Czos-See, einem der Stadtseen von Mrągowo. Beim Abendessen
wurden uns dann die Freunde des Pastors, der Landtagspräsident Julian Osiecki und seine Frau Jadwiga, die Stadtdirektorin von Mrągowo / Sensburg, vorgestellt. Davor hatte uns Herr Osiecki im Bus
herzlich in Mrągowo / Sensburg begrüßt und wünschte der Gruppe einen schönen Aufenthalt in Ermland und Masuren. Sie begleiteten uns auf den meisten Ausflügen oder gesellten sich abends dazu.
Der Dienstag (21.06.16) begann mit 16° kalten und trüben Wetter. Nach der morgendlichen Andacht auf dem Parkplatz empfing uns die Klosterführerin an der Wallfahrtskirche Święta Lipka
/ Heilige Linde. Noch während der ausführlichen Einführung in die historische und kirchliche Entwicklung zur Wallfahrtskirche wartete ich ungeduldig auf das Orgelkonzert an der einmaligen Barockorgel
mit den vielen beweglichen Figuren, Engeln und Heiligen mit Instrumenten, Sonnenkranz und Schlagzeugen. Schwester Agnes, eine von den letzten 4 Ordensschwestern des nachbarlichen Klosters, ist
ausgebildete Organistin und spielte uns u.a. die Toccata von Bach und ein Ave Maria, je nach Registerauswahl bewegten sich einige oder alle Figuren im Konzertrhythmus.
Weiter ging es zum nahe gelegenen Reszel / Rössel über die Grenze ins Ermland, der Wegrand gesäumt von zahlreichen Wallfahrtskapellen. Die Führung durchs mittelalterliche Städtchen begann mit der
Besichtigung der alten Bischofsburg, einem massiven Backsteinbau mit einer runden Bastei und einem quadratischen Torturm. Die Besteigung des Basteiturms mit seinen dunklen ungleichmäßigen
Treppenstufen (gezählt 126) war anstrengend, wurde aber durch den weiten Blick über die Stadt und Landschaft entlohnt.
Nach der Besichtigung der Peter & Paul Kirche überraschten wir Pastor Tegler, als er aus dem Eiscafé gegenüber mit dem stellvertretenden Bürgermeister trat, woraufhin er selbst uns wiederum mit
einer Eisspende beglückte. Die Vorstellung und Begrüßung des Stadtvertreters endete mit einem Gruppenfoto vor dem Rathaus. Die Fortsetzung der Fahrt führte uns zum Schloss Łęźajny / Lossainen, dem
Sitz des 1909 geadelten Admirals Fischer von Lossainen. Die Führung zeigte uns den Empfangsraum, die Bibliothek, den Ballsaal und den Esssaal. Die (spärliche) Ausstattung - Möbel, Tapeten, Vorhänge,
Bilder - wurde zurzeit vom polnischen Fernsehen umgestaltet (die Kaschuben hatten ja kein Schloss) für die Aufnahmen zu einer Fernsehserie über das teils tragische Leben der polnischen und deutschen
Kaschuben, insbesondere zum Gedenken an die Opfer der Hinrichtung von 20000 Behinderten. Heute ist das Schloss das Gästehaus der Universität und nur Gruppen mit einem Leiter mit besonderen
Beziehungen können dort Kaffee und Kuchen genießen.
Auf dem Rückweg machten wir einen Halt in Warpuny / Warpuhnen und besuchten die alte evangelische Kirche, die Pastor Tegler, der dort getauft, konfirmiert und getraut wurde, so sehr am Herzen liegt
und für deren Erhaltung er und die Vereinsmitglieder sich seit Jahren einsetzen und bemühen. Der katholischen (!) Bürgermeisterin des Ortes, Justyna Gałka, wurde der Dank ausgesprochen und eine
Spende überreicht.
Anschließend fand für Interessierte eine Stadtführung durch Mrągowo / Sensburg statt. Pastor Tegler erklärte wichtige Punkte aus der Geschichte der Stadt, wie Kirchen, Rathaus, Landratsamt,
Kulturhaus, die ehemalige Synagoge sowie die Denkmäler von Pastor Krzysztof Celestyn Mrongowiusz, dem Namensgeber der Stadt, und dem polnischen Papst…
Abends um 18:30 fuhr uns der Busfahrer nach Süden in die Johannesburger Heide, da begann der überraschende und aufregendste Teil der Reise - zumindest für mich!
Mitten am Wiesen- und Waldrand wurden wir von einer hübschen Amazone hoch zu Roß mit langen blonden Haaren und noch längeren schlanken Beinen, wie sich später herausstellte, gestoppt und auf drei
Kutschwagen mit 6 Pferden, angeführt von der temperamentvollen Eulalia, begleitet von 2 Hunden und der wilden Reiterin Katharina, Volontärin aus Celle (ihre Mutter stammt aus dem Nachbardorf von
Eulalias Tierhof) verladen. Kurz vor dem Ziel ein neuer Stopp und Eulalia gab bekannt, dass man zu einer Hochzeit lade, wobei aber das notwendige Paar erst von Amazone und Pferd auszuwählen seien. Im
Nachbarwagen wurde Uschi ausgewählt, danach spürte ich plötzlich auch eine Pferdenase im Rücken und schwups war ich zwangsverheiratet. Diese Hochzeit startete nicht in einer Kirche mit Pastors Segen,
sondern begann mit einem 5-Gänge-Menü in der Johannesburger Heide, nachdem uns Eulalia, die Temperamentvolle, ihren Reiterhof und ihre Stiftung erläutert hatte. Bald setzte Akkordeonmusik ein und zu
den rhythmischen Schlägen des Schlagzeugs durfte das „Brautpaar“ den Tanzreigen eröffnen. Brauttanz mit Ausschwärmen, Hexentanz, Babywalk und Polonaisen, nebst Volkstanzeinlagen, rundeten diese
masurische Hochzeit erlebnisreich ab. Leider wurden die Brautleute rechtzeitig genauso zwangsgetrennt, wie sie es anfangs anders herum erlebt hatten…
Der Mittwoch (22.6.16) führte uns nach Kętrzyn / Rastenburg, wo Kerstin Pastor Hause von zu Hause abholen musste, damit er uns die ehemalige evangelische Kirche, heute katholische
Basilika, zeigen und ihre wechselvolle Geschichte darlegen konnte. Anschließend führte er uns in seine Kapelle, gleich in der Nachbarschaft gelegen, wo er seine evangelische Gemeinde versammelt. Zu
seinem Kirchenbereich zählt er etwa 500 Mitglieder. Mit einem kurzen Orgelvorspiel wurde eine kurze Andacht von Pastor Tegler eingeleitet. Abschließend eine kleine Stadtrundfahrt.
11.00 Uhr Weiterfahrt zur Wolfsschanze, wo uns Jerzy Szynkowski zur Führung in Empfang nahm. Inzwischen war es sehr heiß und schwül geworden, das weckte auch gleich alle Mücken des Waldes zum Angriff
auf, während der Gäste-Begleiter (sage niemals mehr „Führer“ an diesem Ort) uns eine ausführliche Geschichtsstunde über die letzten Tage in der Bunkeranlage gab. Außer alten, nur teilweise zerstörten
enorm großen Betonklötzen gab´s nicht viel zu sehen, weil man nirgends hineingehen durfte und konnte. Deshalb zeigte er uns auch fast alle Bilder aus einem seiner Bücher. Trotz Handelssperre zeigte
er sich auch als gewiefter Kofferraumhändler seiner zahlreichen Bücher, Reiseführer und Broschüren.
Auf der Fahrt nach Giźycko / Lötzen fotografierten wir noch das verfallene Schloss in Sztynort / Steinort des ehemaligen Widerstandskämpfers Graf Lehndorf.
Am See von Węgorzewo / Angerburg gedachten wir noch der gefallenen Soldaten des 1. Weltkrieges beim Besuch des im Wald gelegenen Heldenfriedhofes. Kerstin spielte das Lied „Ich hatt einen Kameraden“,
der Pastor hielt eine Andacht und Ehrenfried Adamzyk, der das 6. Mal die Fahrt mitmachte, legte ein Blumengebinde mit Schleife vom Verein Freunde Masurens e. V. nieder und wir beteten
gemeinsam.
In Giźycko / Lötzen besuchten wir die dortige deutsche Minderheit. Im großen Kreis tranken wir gemeinsam Kaffee und durften uns am reichlich aufgetragenen Kuchen satt essen. Der Chor dieser deutschen
Minderheit sang für uns alte deutsche Volkslieder, die unsere jungen Leute kaum noch kennen oder singen können. Mit einem gemeinsamen Lied aller Anwesenden schloss dieser musikalische Teil.
In ihrer Begrüßungsrede erläuterte uns die Vorsitzende Barbara Rużewicz die Lage, Nöte und Sorgen der deutschen Minderheit in Giźycko / Lötzen und der Umgebung. Dank Pastor Tegler und des Vereins der
Freunde Masurens unter Leitung von Kerstin Harms haben sie bisher immer viel Unterstützung durch Güter und Spenden erhalten und werden es auch weiterhin bekommen. Auch wir sollten uns davor nicht
verschließen und aktiv daran teilnehmen.
Nebenbei habe ich noch eine gute Nachricht erfahren: meine beiden reizenden Tischnachbarinnen haben mich nicht nur mit Leckereien verwöhnt, sondern mir auch Hoffnung auf eine Altenpflege gemacht,
sollte ich mal gebrechlich werden…
Vor der abschließenden kleinen Stadtrundfahrt versuchte Pastor Tegler noch seinen Dank auszusprechen, doch die lustige Chorleiterin Ella fiel ihm ständig ins Wort und brachte ihn fast aus dem
Konzept, was sonst wohl ziemlich schwer zu sein scheint.
Der Donnerstag, (23.6.16), unser 5.Tag, sollte ein schöner, warmer und ruhiger Tag werden. Zunächst rollte der Wagen nach Piersławek / Kleinort in den Wald zum alten restaurierten
Forsthaus, wo der berühmteste deutsche Dichter Masurens, Ernst Wiechert, im Jahre 1887 zur Welt kam. Hier war sein Vater Förster - wie die meisten seiner Vorfahren - und schien das Leben in Frieden
und Ruhe zu lieben. In seiner Erzählung über den letzten Besuch bei seinem Vater lässt der Dichter uns noch einmal nacherleben, wie eng der Vater mit der Natur und seinem Wald verbunden war und den
Blick auf seine grüne Mauer von der Gartenbank aus genießen konnte. In der kleinen Gedenkstätte im ausgebauten alten Stall konnten wir anhand von alten Braun- oder Schwarz-Weiß-Fotos die Stationen
und wichtigen Momente aus dem Leben des nicht gerade obrigkeitshörigen Schriftstellers nachträumen und die verschiedenen Ausgaben seiner Werke betrachten. Gegen 10 Uhr machten wir uns auf den Weg
nach Gałkowo / Nickelshorst, wo auf Veranlassung des Grafen Potocki das frühere Jagdhaus der Familie Lehndorffs von Sztynort / Steinort hin versetzt worden ist.
Im Salon der Gräfin Dönhoff gibt es 2 Gedenkstätten, eine ist dem Leben und Wirken der Gräfin, die auch nach ihrer Vertreibung selbst zur treibenden Kraft der Versöhnung geworden war, gewidmet, die
andere beschreibt die Schönheit und Geschichte Masurens in Bildern und Schriften. Die Einführung dazu gab uns die Journalistin Gräfin Marsch-Potocka, die jetzt selbst auf dem Anwesen wohnt.
Pünktlich um 11:30 Uhr setzten wir uns mit 3 Pferdewagen, diesmal leider ohne Amazonenbegleitung, durch Wald und Wiesen in Bewegung nach Krutyn / Kruttinnen. Dort waren die Tische im Gasthaus an der
Kruttinna schon gedeckt und ein Mittagessen für uns vorbereitet (12:30). Gegen 2 Uhr pm holte uns der alte Ostpreuße und Masure Eckhard Rudnick zu einem Waldspaziergang in den Masurischen
Nationalpark ab. In seiner originellen ostpreußischen bedächtigen und sulaikenhaften Sprache machte er besonders die Damen durch persönliche Ansprachen glücklich und brachte die Männer zum
Schmunzeln. Er zeigte uns Bäume mit alten Harzabnahmestellen, zeigte uns altmasurische Holzhäuser, u.a. das vom alten Oberförster, und führte uns dann zum Teufelsee, wo er einige der dort lebenden
Fische mit „Holzstäbchenfutter“ anlockte. Nach dem Rückweg wurden wir auf 5 Boote verteilt und auf der Kruttinna entlanggestakt. Blutsteine im Wasser, von Biberfraß gezeichnete Bäume, eine Biberburg
, viele blaue und grüne Libellen - eine sonnte sich auf Kerstins lila glänzendem Zehnnagel, was sie im Schlaf nicht einmal bemerkte - und vor allem ganz viele große Flussmuscheln, all das sahen meine
wachen Augen. Muscheln ! Was muss das Wasser hier sauber und rein sein! Wie hatte ich mich doch vor Jahren bemüht, watend und tauchend in Luhe und Este eben solche Flussmuscheln und Krebse für den
NABU zu finden, was eindeutig die gewünschte Wasserqualität nachgewiesen hätte, aber die Nitrat liebenden Landwirte wussten das schon immer zu verhindern…
Auf dem Nachhauseweg statteten wir der Totenstadt, Pardon, Westernstadt Mrongoville am Rande von Mrągowo einen Besuch ab. Ein kurzer Squaredance-Kurs, ein
Schnäpsen und für mich eine kurze Einweisung ins Poolbillard, war alles, was ich so mitbekommen habe.
Am Freitag (24.6.16), 6. Tag unserer Reise machten wir uns auf zur Besichtigung der Hauptstadt von Ermland und Masuren, Olsztyn / Allenstein. Heute hat diese Universitätsstadt rund
200.000 Einwohner, inklusive etwa 30.000 Studenten. Um die imposante mächtige alte Burg des Domkapitels entwickelte sich dann diese äußerst sehenswerte Stadt. Nach der fast vollständigen Zerstörung
durch die Rote Armee 1945 wurde die Stadt wieder aufgebaut. Die polnischen Restauratoren haben hier wie anderswo, z.B. auch in Breslau, wieder einmal ganze und hervorragende Arbeit geleistet. Danke
dafür! Das alles erklärte uns die Stadtführerin Anna, die zunächst vergeblich auf uns auf dem Parkplatz gewartet hatte. Im markanten Turm der Jakobikirche lebte der hier überall bekannte und verehrte
Nikolaus Kopernikus von 1521 bis 1561. Mit schwedischer Hilfe wurde durch späte Genanalyse eines Haares aus einem geraubten Buch die Echtheit der Knochen aus seinem Grab in Frombork bewiesen. Seine
Gebeine wurden feierlich im Dom zu Frombork / Frauenburg am 22. Mai 201 beigesetzt. Unser Rundgang führte uns zur Basilika, zum Marktplatz und durch die Altstadt. Dort durften wir uns danach auch
etwa eine Stunde frei bewegen - Eis essen oder Kaffee trinken und Kuchen naschen.
Schon um 12:30 mussten wir wieder aufbrechen, um rechtzeitig das Museumsdorf (Freilichtmuseum) in Olsztynek / Hohenstein zu erreichen. Dort wartete schon die Museumsdirektorin Ewa Wrochna vor der
alten Holzkirche (Kapelle), die unser erstes Besichtigungsobjekt wurde. Nach einer Andacht wurden der Museumsdirektorin für das Museum ein paar alte wertvolle Bücher, ich glaube alte Altar-Bibeln,
und eine Reliefbildtafel übergeben, damit sie endlich mal an einem ehrwürdigen Ort zur Ruhe kommen durften.
Höhepunkt in der Kapelle: das Geburtstagsständchen für unsere 80-Jahre-Jubilarin Christa Möller!
Die alten Bauernhäuser heißen hier Vorlaubenhäuser, sie sind aus Holz gebaut und der Zeit, aus der sie stammen, entsprechend eingerichtet und wegen der langen Winter mit Kachelöfen und Doppelfenstern
ausgestattet. In den aus gutem Grund entfernteren Ställen
stank es mal nach Ziegenduft oder Hühnermist, alle waren bewohnt.
14:30 Uhr ging es bei einer Außentemperatur von 31°C wieder weiter nach Sorkwity / Sorquitten, wo uns im Rahmen der „Sorquittener Gespräche“ das Ensemble „Legende“ aus Kaliningrad / Königsberg mit
ihren Liedern erfreuen sollte.
In der Kirche am See - draußen badeten die Schüler, die ihren ersten Ferientag genießen konnten - begann das Konzert dann um 17:00 Uhr mit dem Gesang des Ensembles aus 6, teils sehr jungen schlanken
Damen, die mit ihren langen blauen Kleidern, die sogar die Füße noch bedeckten (wie bei den „schwebenden“ armenischen Tänzerinnen) , eine festlichen Eindruck erweckten. Im A-Capella-Stil verwöhnten
diese Chordamen mit mal leisen (ppp), mal kräftigeren (FF) Chorälen und Liedern, christlichen, volkstümlichen, ernsten und lustigen, unsere Ohren mit ihren wohlklingenden die Sinne betörenden
Melodien. Sie sind allesamt Profis und haben die gewohnte und bekannte gute Ausbildung in Russland erfahren und reisen jährlich durch Westdeutschland und Europa, in Lüneburg und Scharnebeck sollen
sie auch schon gewesen sein. Die aufgrund der Hitze in die Kirche verlegte Tanzvorführung der privaten Schule Choszczewo / Hohensee, Schüler-Volkstanzgruppe fand dann in der Konzertpause statt. Mit
langsamem Einführungstanz, flotten polnischen Volkstänzen sowie Polonaise und Polka gewannen die Jungen und Mädchen in ihren Trachten, die vom Verein Freunde Masurens e. V. gespendet wurden,
begleitet von Cymbal, Pauke und Flöte, schnell die Herzen der Besucher und wurden mit viel Beifall verabschiedet. Nach dem Tanz sangen die Königsberger Legenden noch ein paar Lieder nebst Zugaben
„Ännchen von Tharau“ und „Ein kleiner grüner Kaktus“. Bach, Gounod, Mozart, die „Schwarze Madonna“ und die „Abendglocken“ habe ich unter ihren Darbietungen immerhin wieder erkannt. Der Landrat des
hiesigen Kreises, Antoni Karaś, bedankte sich bei den Künstlern im Namen aller Versammelten und überreichte Blumen und Geschenke. Ein Geburtstagslied, für Frau Christa Möller, auf Polnisch beendete
dieses wunderschöne Konzert.
Mit Lunchpaket im Rucksack, ohne Frühstück, starteten am Samstag (25.6.16) 37 von uns mit einem polnischen Bus nach Kaliningrad, dem alten Königsberg. Nach Geldumtausch an der
letzten polnischen Tankstelle kamen wir schneller als erwartet durch die Grenzkontrolle, nur für die Gegenrichtung sah es schlechter aus, eine sehr lange Autoschlange wartete vor dem Schlagbaum
Richtung Süden. Familie Krüger wurde von Freunden an der Grenze abgeholt, sie wollten den Heimatort ihrer Mutter noch einmal aufsuchen. Wir anderen wurden von Tamara zur Stadtführung empfangen.
Während das Stadtbild eingangs von hässlichen, teils unbewohnten oder unvollendeten Plattenbauten bestimmt war, wurde es an der Pregelbrücke interessanter. Ein Brautpaar ließ sich auf der Brücke mit
Blick auf den Dom fotografieren. Tamara führte uns zunächst zum Grab von Immanuel Kant, dem größten deutschen Philosophen, direkt an der Dom Mauer. Am Albrecht von Preußen Denkmal im Park an der
Pregel erzählte sie uns von der Bedeutung dieses Herzogs auch für das heutige Kaliningrad. Für die neue Generation der örtlichen Russen ist er ein fester Bestandteil ihrer Kultur und viele von ihnen
wissen mehr von ihm und über seine Werke als wir bzw. die Moskowiter. Da die Königsberger Altstadt in den letzten Kriegswochen fast vollständig zerstört wurde, hat sich das Bild gewandelt: die Rote
Armee sollte alles, was an Deutschland erinnerte, unwiederbringlich zerstören. Auch Dom- und Schlossruine sollten gesprengt werden. Nur dank des Einspruchs einiger Intellektueller, die auf Kants
Philosophie als Basis des Marxismus hinwiesen, wurde der Dom gerettet und mit Spendengeldern wieder aufgebaut und als Kulturstätte wieder eingerichtet. Er ist jetzt ein Konzertraum mit Bühne statt
Altar, altem Kirchengestühl und - nach dem Besuch Gerhard Schröders - mit zwei Orgeln (6000 Pfeifen die große Orgel, 2000 Pfeifen die vordere Orgel, gesteuert von einem Manual aus) ausgestattet. Wir
erfuhren von den drei Stadtteilen, aus denen Königsberg zusammen gewachsen war, am Denkmal von Herzog Albrecht vom Gründer der Universität Albertina sowie vom Geburtshaus der Dichterin Agnes Miegel,
nahe der alten Dombrücke. Im mächtigen Domturm sind heute drei Museen untergebracht. Wegen einer Veranstaltung musste die Dombesichtigung auf den Nachmittag verlegt werden, außerdem wollte uns Tamara
vor dem Wochenendverkehr Richtung Selenogradsk / Cranz bewahren. So fuhren wir weiter in dieses Ostseebad. Es war sonnig und heiß, so dass wir an der Uferpromenade auf viele Badegäste trafen - ein
paar tausend an der langen Küste. Die Promenade war neu und breit, breiter als der schmale Sandstrand. Eigentlich wollte ich mal kurz mit nackten Füssen ins Ostseewasser steigen, um die
Temperaturangabe 13-15°C zu überprüfen (2 Wochen zuvor hatte der Reihersee schon 23°C !), doch die enge Körperbedeckung des Strandes ließ das nicht zu (kein Durchkommen). Die Temperatur betrug in der
Sonne deutlich mehr als 30°C, nur eine kühle Brise ließ uns durchhalten. Auf dem Rückweg führte uns Tamara an der „Bilderstraße“ mit alten Aufnahmen, die aneinandergereiht den Eindruck erweckten, als
ginge man die alte Straße entlang, vorbei in die Hauptstraße und zeigte uns das Stadtwappen und das Königin-Luise-Denkmal.
Auf der Rückfahrt nach Königsberg fuhren wir durch das alte Villenviertel mit Häusern aus dem Anfang des 20.Jahrhunderts., am oberen See vorbei bis zur evangelischen Auferstehungskirche, der modern
eingerichteten Kirche der Königsberger evangelischen Christen. Das Kirchenzentrum wird von verschiedenen Geldgebern und Spenden erhalten . Ein russischer Probst ist jetzt für die Gemeinden der
russischen Enklave verantwortlich. Da von der Kirchenleitung keiner anwesend war, erläuterte Pastor Tegler uns diese Nachkriegs-Entwicklungsgeschichte und der Art der jetzigen „Pastorenausbildung im
Kurzverfahren“. Nach einer kurzen Andacht wurden wir mit Kaffee und Kuchen bewirtet und verabschiedeten uns bald darauf. Am Hafen entlang fahrend mit zwei alten Speichern im Blick sahen wir auch das
alte U-Boot-Museumsschiff, nebst Torpedos und anderen Marineausrüstungstücken auf der Kaimauer. Bei der verspäteten Dombesichtigung konnten wir all das sehen, was Tamara uns angekündigt hatte.
Beeindruckt haben mich die beiden Tafeln links und rechts des ehemaligen Altarraumes: die Gelehrtentafeln aus der Tafelrunde, von Kant gegründet und bis heute fortgesetzt, listet alle Professoren der
Albertina auf, von denen etliche zu Weltruhm gekommen waren.
Die Rückfahrt einschließlich Grenzkontrolle verlief problemlos und zügig, nur die Schnapskäufer (zollfrei) unter uns verlängerten den Aufenthalt am Schlagbaum.
Der Sonntag (26.6.16) sollte wieder ein besonderer Tag werden, besonders für fünf junge Leute, und auch für mich, den das alles stark beeindruckt hat. Wir fuhren, einmalig erst nach
spätem Frühstück, um 9 Uhr ab zur Konfirmation in die Kirche von Sorkwity / Sorquitten. In der bis auf den letzten Platz besetzten Kirche, außer unserer Gruppe, gab es noch zahlreiche Gäste aus
Deutschland, Eltern und Freunde aus den umliegenden Gemeinden. Durch den Gottesdient leiteten Pastor Mutschmann und Pastor Tegler die Konfirmation, Beichte und das Heilige Abendmahl. Pastor Tegler
hatte uns die Liturgie und seine Predigt in deutscher Übersetzung übergeben, so dass wir uns auch im polnisch evangelischen Ablauf des Gottesdienstes zurechtfinden konnten. Pastor Mutschmann begann
mit dem Eingangssegen und den liturgischen Rahmen, Pastor Tegler übernahm die Predigt zum Wort „Betet ohne Unterlass“. Durch das Abendmahl führten uns beide gemeinsam. Den musikalischen Rahmen
gestalteten die Organistin, die Sänger des Ensembles Legende und der Kirchenchor.
Für die fünf jungen Konfirmanden, es waren ein Junge und vier Mädchen, war das ganz bestimmt ein unvergleichliches Erlebnis, in dieser Kirche, in diesem festlichen Rahmen mit so vielen Gästen. Ich
bin mir sicher, dass sie ihre späteren Kinder auch konfirmieren lassen werden. Unsere Hirten verstehen ihr Handwerk!
Beim gemeinsamen Mittagessen im Garten des Gemeindezentrums konnten wir wieder Kontakte zu bereits Bekannten wie auch zu neuen Gästen schließen. Das verpflichtende Gruppenfoto nach dem Gottesdienst
wurde auch nicht vergessen.
Um 14 Uhr bestiegen wir den Bus zur Rückfahrt. Nach der Ankunft im Hotel mit 5 Minuten Zeit zum Gesicht waschen und Hosenwechsel machte sich eine kleine Gruppe von ca. 24 Mitreisenden auf zur
Gedenkstätte auf dem Friedhof in Ryn / Rhein. Nach 40 Jahren Einsatz von Pastor Tegler und seinen Gleichgesinnten konnte eine Grabstelle mit dem Gedenkstein für die seinerzeit 24 sinnlos ermordeten
Frauen und Kinder im Jahr 2011 feierlich eingeweiht werden. Auch wir gedachten der Opfer mit einer Niederlegung eines Gebindes mit Schleife, Blumen und Kerzen und einer Andacht nach Kerstins
einleitendem Trompetensolo. Der heftig einsetzende Gewittersturm blies erst die Kerzen aus und warf noch Äste nach uns, konnte uns aber nichts anhaben, wir standen unter mächtigem Schutz.
Im einsetzenden Gewitterregen führte Kerstin einige von uns noch in die alte Burg, die heute ein Hotel ist. Ein reicher Pole hat sie wieder restauriert, eine große Innenhalle zeugt von der
Vergangenheit, der Speiseraum beeindruckt mit gotischen Fensternischen und drei Meter dicken Wänden. Bei heftigem Regen versammelten wir uns alle anschließend in der renovierten Mühle bei Honigbier
und deshalb trotzdem guter Stimmung.
Wegen eben desselben Regenwetters fiel der erwartet Spaziergang zur „Liebesquelle“ am Czossee leider aus. Dafür um 18 Uhr : D - Slowakei 3 : 0 !
Montag (27.6.16), war für uns der letzte Tag in Mrągowo / Sensburg. Hauptpunkt des Tagesprogramms war die Schiffstour von Ruciane-Nida / Rudczanny-Nieden nach Mikołajki / Nikolaiken.
Vorher besuchten und besichtigten wir das alte Kloster der Heiligen Dreifaltigkeit der Philipponen in Wojnowo / Eckersdorf. 1840 wurde die alte Holzkirche von den aus Russland stammenden
priesterlosen Altorthodoxen erbaut, das Nonnen-Kloster folgte 1847. Schon auf dem Weg dorthin fuhren wir durch Siedlungen im russischen Baustil, von den Philipponen gegründet. Vor 6 Jahren verstarb
dort die letzte Nonne des Klosters. Heute ist es eine Gedenkstätte, die von vielen Freiwilligen dank EU-Spenden wieder renoviert werden konnte. Außer den vielen Ikonen, darunter vielen Marienbildern,
erklärte uns Pastor Tegler auch die Funktion der Himmelstür in den orthodoxen Kirchen, hier durch 2 Schranktüren angedeutet. Wenn der Priester plötzlich verschwunden ist und dann geisterhaft wieder
auftaucht, staunt auch der letzte Wundergläubige!
Ein kleiner Rundgang führte uns dann zu dem Friedhof am See mit den typischen orthodoxen Kreuzen mit 3 Querhölzern und den kleinen Gräbern, die ich zunächst für Kindergräber hielt.
10:30 war dann die Abfahrt mit dem Ausflugsdampfer nach Nikolaiken, zunächst etwa 15 km durch den buchtähnlichen Beldahnsee, vom Eingang in den Nikolaiker See fuhr der Kapitän dann eine Schleife
durch den östlich liegenden Spirdingsee, dem größten See Masurens (für mich die „masurische Müritz“), bevor er dann 10 Minuten später in Mikołajki / Nikolaiken an der neuen sich noch im Bau
befindenden Brücke anlegte. Jetzt durften wir uns wieder frei bewegen und viele nutzten das zu einem Spaziergang durch das „masurische Venedig“. Ich selbst begleitete Ehrenfried ins Marktcafé, nach
einigen obligatorischen Stadtfotos. Von dort aus konnten wir in Ruhe die vorbeiströmenden Touristen und den Brunnen mit dem Stinthengst, dem kleinen, beobachten. Da Ehrenfried mir auch noch von dem
großen Stinthengst aus Holz mit der Königskrone erzählte, machte ich mich auf dem Weg zum Treffpunkt noch auf die Suche nach dem Fischkönig, konnte ihn aber nicht finden noch fotografieren, weil auch
die alten Brückenpfeiler restauriert wurden und er erstmal an Land in Sicherheit gebracht worden war. Mikołajki / Nikolaiken ist ein beliebter Ferienort und Ausgangspunkt für alle Arten von
Wassersportlern, im Winter kann man dort auch Eissegeln, manchmal auf 80 cm dickem Eis (wenn der Kapitän nicht geflunkert hat). Die viel gerühmten Nikolaiker Maränen haben zwar (geräuchert) einen
zarten guten Geschmack, können mir aber gestohlen bleiben, die vielen kleinen Gräten haben mir dann doch den Appetit verleidet.
Der Abend war dann unser Abschiedsabend und wurde ausgiebig mit einem Festessen, Volksmusikantenspiel und Tanz gefeiert. Das Ehepaar Krüger wurde dann als Lorbas und Mariellchen ausgewählt und durfte
die Tanzpartie eröffnen.
Pastor Tegler nahm dann die Gelegenheit wahr und verabschiedete uns von den zahlreichen Ehrengästen, darunter Jadwiga und Julian Osiecki, die uns so oft begleitet hatten, die Abgesandten der
Deutschen Minderheit aus Mrągowo / Sensburg und Ryn / Rhein, der Bürgermeisterin Justyna Gałko und ihrem Ehemann aus Warpuny / Warpuhnen, Alfred Siwik mit Ehefrau sowie Danuta und Alfred Bielski und
bedankte sich bei allen und Kerstin Harms überreichte allen kleine Abschiedsgeschenken. Die Angestellten des Hotels wurden mit Süßigkeiten und einem Umschlag mit Trinkgeldern bedacht.
Dienstag (28.6.16) war der 10. und Abreisetag. Um 8 Uhr starteten wir über Olsztyn / Allenstein und Ostróda / Osterode und fuhren wir weiter Richtung Oberländer Kanal. Nahe Buczyniec
/ Buchwalde bestiegen wir das Schiff und tuckerten über vier geneigte Ebenen, über die die Boote auf Trägern auf Schienen bergauf bzw. bergab gezogen wurden, nach Jelenie / Hirschberg, etwa 2 Stunden
lang - rund 10 km weit und 86 m abwärts.
Darauf hatte ich schon lange gehofft, diese vor etwa 160 Jahren gebaute immer noch funktionierende Mechanik der alten Ingenieurkunst mal selbst aus der Nähe zu erleben. Dank der 2015 fertiggestellten
Renovierung wird diese Wasserstraße wohl noch weitere 150 Jahre Touristenattraktion bleiben.
12:30 Weiterfahrt nach Frombork / Frauenburg zur Dom- und Haff Besichtigung. Vor der gewaltigen Domanlage empfing uns eine charmante Stadtführerin, überraschenderweise eine Schweizerin, die die Liebe
nach Elblag / Elbing verführt hatte. Die ganze Anlage steht imposant errichtet auf dem Domhügel hoch über der Stadt. Hier lebte und arbeitete auch Kopernikus von 1510 bis 1543, in eben diesem Dom
wurde er dann auch beigesetzt. Schon beim Eintritt in den Anlagenhof hörte ich die Orgel spielen (wer übt denn da um diese Zeit?), doch welche Überraschung: unser Besuch begann mit einem
Orgelkonzert. Der Organist saß am Manual direkt neben dem Eintrittsgang und spielte für alle Gäste die Toccata von Bach, ein Präludium von Widor, Schuberts Ave Maria und - weil die Orgel gleichzeitig
Konzertorgel ist - den Bolero von Ravel. Das hatte ich auf einer Orgel noch nie gehört. Die Zuhörer waren begeistert und konnten den Organisten noch zu einer Zugabe, dem Halleluja aus dem Messias von
Händel, ermuntern. Die Kirchenführung - meine besondere Beachtung fanden dabei die Kopernikustafel und die moderne Sonnensystemtafel - endete dann mit der Turmbesteigung, wo ich die nächste
Überraschung erleben konnte : ein Foucoultsches Pendel , das uns nach dem Abstieg nach rund 15 Minuten schon bewies, das die Erde sich weitergedreht hatte. Oben auf dem Turmrand erträumte ich mir
dann ein Turm Café, von dem aus ich stundenlang die herrliche Aussicht auf Stadt und weites Haff hätte genießen können.-
Nach dem Konzert und der Führung fuhren wir noch zum Gedenkstein für die Opfer von Flucht und Vertreibung, wo unsere älteste Mitreisende, Reinhild Wessel, Blumen niederlegte, nachdem Kerstin noch das
Trompetensolo „Harre meine Seele“ spielte. Unsere Jubilarin, Christa Möller, die aus Ostpreußen stammt und die die Vertreibung in den letzten Kriegs- und Nachkriegswochen selbst erlebt hatte,
berichtete uns dann von ihren Erlebnissen in dieser menschenunwürdigen Phase der Zeitgeschichte. Die ehemalige Bürgermeisterin von Frombork / Frauenburg, Krystyna Lewanczyk, die sich für die
Aufstellung dieses Gedenksteines eingesetzt hat, war bei dieser kleinen Feier dabei. Anschließend spazierten wir zur Kaimauer am Frischen Haff und erfuhren, dass es 5-12 km breit, 96 km lang und
maximal 5m tief sei. Über Elblag / Elbing brachte uns der Bus nach Malbork / Marienburg ins Hotel Dedal und nach dem Abendessen weiter zur Marienburg. Wir schlenderten noch über die Nogatbrücke, um
von der anderen Seite aus einen schönen Fotoblick auf die von der Abendsonne beschienene gewaltige Burganlage zu erhaschen. Wieviel (100-) Millionen Backsteine haben sie hier nur verbaut? Mein
Schätzvermögen versagte komplett.
Um 20.00 Uhr begann dann die nächtliche Burgführung in 2 Gruppen. Die Anlage vereint Wehranlage, Kloster, Schloss des Hochmeisters, Kirche, Hospital und Gästeblock. Der Bau zog sich über mehr als 170
Jahre hin, von 1309 bis 1457 war sie Sitz der Hochmeister des Deutschritterordens. Nach dem Beschuss und großen Zerstörungen durch die Rote Armee wurde sie mit Fördermittel aus aller Welt wieder
restauriert und aufgebaut und zum Weltkulturerbe ernannt. Über die Zugbrücke, über den Innenhof mit dem Schwanenbrunnen ging es in den 10m hohen Remter mit seinen wieder erneuerten Fresquen , den
gotischen Stützsäulen und der jetzt wieder funktionierenden elektrisch betriebenen „Fußbodenheizung“ . Von dort stiegen wir über viele Gänge und Kreuzgänge in den Hochmeisterpalast und die
Burgkirche. - Eine Stunde ist für eine Besichtigungseiner solch gewaltigen Anlage wirklich kurz, also werde ich wieder kommen. Einige ließen den schönen Tag bei einem Glas Wein, Bier oder Żubrówka
ausklingen.
Mittwoch, (29.6.16), vorletzter Tag: Schon um 7:45 Uhr saßen wir im Bus, zur Abfahrt nach Gdansk / Danzig bereit, damit wir um 9:30 Uhr pünktlich zur Stadtbesichtigung am Grünen Tor
ankommen konnten. Nach ausführlicher Darstellung der Stadtgeschichte bewegten wir uns bei diesem herrlichen Sommerwetter gemächlich an der Kaimauer der Mottlau entlang, vorbei am Krantor entlang der
herrlichen Häuser, den Nachbauten alter Koggen, durchs Frauentor und die Frauengasse zur Marienkirche. Die ganz in Weiß gehaltene Innenkirche mit gegenüber Barockkirchen spärlicher Ausstattung wirkte
anregend auf die Stimmung. Unter den wenigen kostbaren Ausstattungsstücken fiel mir besonders die restaurierte Astronomische Uhr mit ihren tausend Einzelheiten ins Auge, die Erinnerung an ihr Pendant
in der Lübecker Marienkirche war plötzlich allgegenwärtig. Durch die Enge Gasse mit ihren bestens hergerichteten Giebelhäusern der Hansestadt ging es zurück zum grünen Tor, ganz sanft und nebenbei
wurden wir noch in ein Bernsteingeschäft geführt, wo uns eine junge Frau vorführte, welche Eigenschaften Bernstein hat und wie man Fälschungen leicht aufdecken kann.
Übrigens - von Physiklehrer zu gelehrigen Schülern der Name „elektrisch“ stammt vom griechischen élektron = Bernstein , nämlich durch Reibung elektrisch (negativ) aufladbar, wie Bernstein!
Bei einer Fahrt mit dem Riesenrad, das alle Stadthäuser überragte, konnte ich dann noch einmal die schöne Stadt von oben sehen und fotografieren, Hanna kann´s bestätigen.
An der Ostseeküste entlang über Lauenburg (nicht Elbe!) mit kurzem Aufenthalt in Słupsk / Stolp ging es dann nach Kołobrzeg /Kolberg ins Hotel Solny. Nach dem Abendessen unternahmen wir dann in
kleinen Gruppen noch einen Spaziergang an den Strand und warteten dort auf dem Balkon der Strandbar auf den Sonnenuntergang. Am Tisch saß noch ein Ehepaar aus Koblenz, das vor rund 20 Jahren aus
Kolberg ausgewandert war und regelmäßig die Familie und Heimat hier besucht. Jetzt lernte ich auch Kolberg (fast) richtig auszusprechen: „kowoberdjäck“ !
Donnerstag (30.6.16), letzter Tag: Wieder eine solch frühe Abfahrt (das letzte Frühaufstehen für die nächsten 4 Wochen mindestens, schwor ich mir)! Aber immerhin wollten wir um 10
Uhr unseren Reiseführer für Szczecin / Stettin dort treffen. Er führte uns in den Hof des Herzogsschlosses, beschrieb uns die Geschichte des Schlosses und erzählte von seinen 3 Zerstörungen. Wir
erfuhren auch, dass hier in Stettin der von den Nazis verfolgte und hingerichtete Pastor Bonhoeffer Leiter eines Predigerseminars war. Auf der kleinen Stadtrundfahrt kamen wir auch am hoch über der
Oder gelegenen Landesparlament und der runden Terrasse vorbei. Mit dem gemeinsamen Mittagessen im Restaurant „POD KOGUTEM“ endete unser kurzer Aufenthalt in der Oderstadt. Die Rückfahrt verlief ruhig
und zügig, beim kurzen Tankstopp am „Polenmarkt“ konnten wir unsere restlichen Zlotys loswerden. Ankunft um 19:25 am Schiffshebewerk Scharnebeck.
Die Busreise war weit über 3000 km lang, davon legten wir 2025 km allein in Polen (ohne Abstecher nach Kaliningrad) gemeinsam zurück.
Persönliches Resümee: Den beiden Organisatoren und Seelentröstern Pastor Tegler und Kerstin Harms danke ich von ganzem Herzen für diese wunderbar vorbereitet Reise und die aufopfernde Betreuung. Ich
habe viel mehr gesehen, erlebt und mehr Kontakte knüpfen können, als ich je erwartet hatte. Die Reisegruppe gab mir immer das Gefühl zu einer großen Familie zu gehören und hat meine positiven
Reiseeindrücke entscheidend verstärkt. Danke dafür - auch wenn ich selbst ab und zu genervt habe.
Der Eindruck, den unsere polnischen Gastgeber und diejenigen, die ich um Rat fragen musste, auf mich gemacht haben hat den von meinem ersten Besuch in Wohlau und Breslau noch einmal deutlich positiv
verstärkt und ich komme gerne wieder. Jetzt kann ich mich selbst Freund Masurens und Polens nennen.
Friedrich Jacob, Lüneburg
P.S. Am 7. August treffen wir uns um 14 Uhr in der Marienkirche zu Scharnebeck wieder zu gemeinsamem Gottesdienst, Kaffeetrinken und Bilderaustausch.
Die nächste Masurenfahrt ist vom 19.06. – 30.06.2017
Sie können sich schon jetzt bei Pastor Tegler anmelden (04136) 91 05 73
Bericht über das Konzert in Warpuny / Warpuhnen von Helga Alter
Konzert in Warpuny / Warpuny ebenfalls am Samstag, 25.06.2016
Am 6. Tag unserer Masurenreise hörten wir in der Kirche in Sorquitten das Vokalensemble „Legende“ aus Kaliningrad/Königsberg. Als ich erfuhr, dass diese großartigen Sängerinnen am Samstag noch
einmal in Warpuhnen auftreten würden, stand fest: “Da möchtest du hin!“ Pastor Tegler organisierte für drei weitere Mitreisende und mich ein Taxi mit einem freundlichen, deutsch sprechenden Fahrer,
die anderen Mitreisenden waren ja diesen Tag nach Kaliningrad / Königsberg aufgebrochen.
In der Kirche in Warpuhnen war alles bestens vorbereitet: das Antependium hing an der Kanzel, Teppiche waren ausgerollt, ein weißes Tuch bedeckte den Altar, auf dem Blumen und Kerzen standen,
sogar Unkraut und Gras am Eingang waren weggerupft worden. Nach und nach füllte sich die Kirche, – trotz gerade beendetem Fußballspiel, bei dem Polen gewann! Das Konzert begann mit dem geistlichen
Teil, und es war eine ganz außergewöhnliche Stimmung. Zu der guten Akustik, in der die glockenhellen Stimmen besonders schön klangen, kamen visuelle Eindrücke: der auferstandene Jesus auf dem Bild
hinter dem Altar leuchtete, und gerade als das „Ave Maria“ von Bach-Gounod erklang, schien die Sonne durch das hintere Fenster genau auf das Kruzifix. Beim weltlichen Teil des Konzertes sangen dann
auch die Vögel draußen kräftig mit! Wir vier waren froh, dass wir diese schöne Musik in der Kirche hören durften – und die anderen Anwesenden sicherlich auch.
Helga Alter, Bad Bodenteich, 03.07.16
Reisebericht von den Erlebnissen einer Mitreisenden der Masurenreise
2015
Erinnerungen an die Masurenfahrt vom 15.06. - 26.06.2015 mit dem Verein Freunde Masurens e.V.
„Pastor Teglers Masurenfahrt“
Auf dem Deckblatt eines der letzten „Lötzener Heimatbriefe“ entdeckte ich zu meinem Erstaunen die Abbildung eines alten Tellers
mit den Wappen von Lötzen und Frankfurt/Main. Die Inschrift lautet: „.... Kriegshilfsverein von Frankfurt/Main für Lötzen … 16.Febr.1915 ….“ also vor 100 Jahren
Ich lebe seit 1965 in Frankfurt/Main, bin 1934 in Kosewo/Masuren geboren, 1945 mit meiner Mutter und vier Geschwistern geflüchtet; übers vereiste Haff, die Frische Nehrung, Prag, zunächst nach
Bayern. Von meinem 2. bis 11. Lebensjahr war ich „Lötzerin“ und bin da auch zur Schule gegangen. Der Krieg ist Gott-sei-Dank 70 Jahre vorbei. Die Zeit ist da, sich zu erinnern. So habe ich mich im
Juni 2015 endlich wieder einmal auf den Weg begeben, mit dem Verein „Freunde Masurens e.V.“ in die alte Heimat.
In Sensburg-Mrągowo übernachteten wir in einer Reisegruppe von 49 Frauen und Männern, Jungen und Alten in einem Hotel; von dort aus machten wir verschiedene Ausflüge und kleine Reisen. Wir haben viel
gesehen, Altes und Neues bestaunt und betrauert, uns an der schönen Landschaft erfreut: den Wäldern, Seen, Feldern und Wiesen mit Störchen, viele Burgen, Schlösser und Gedenkstätten. Ein
reichhaltiges Programm, gut vorbereitet. Danke!
Ein Höhepunkt meiner Reise war der Besuch des Großelternhauses. Dies war auch ein Ziel meiner Reise. Die anderen Reiseteilnehmer waren z.T. nach Königsberg unterwegs. Ich begebe mich
mit einem deutschsprachigen polnischen Taxifahrer an meinem Geburtsort Kosewo zum Haus meiner Großeltern. Ein altes, schön gebautes Haus mit Veranda und Balkon erwartet mich an der Straße, ein
verwilderter Garten davor; nicht mehr so gut gepflegt wie vor 35 Jahren bei meinem ersten Besuch. Gegenüber auf der anderen Straßenseite schimmert der See im Sonnenlicht. Durch das alte eiserne
Gartentor trete ich in den Hof, vorsichtig um mich schauend. Keine Menschenseele zu sehen, kein Hund. Alle Türen und Fenster sind verschlossen. Die Treppe zum Eingang der Veranda ist schon etwas
morsch, die Scheune im Hof ist abgerissen, Gras wuchert an dieser Stelle. Nur die gemauerten Ställe der Tiere stehen noch da, aber leer. Alles ist alt geworden, alt wie ich auch! In Gedanken und im
Erinnern erzähle ich meiner geliebten Großmutter, was ich sehe und denke. „Es ist nicht so schlimm, wie du denkst,“ höre ich sie, wie früher so oft, sagen. „So ist das Leben.“ Es ist, wie es
ist.
Vom Gasthausbesitzer nebenan erfahre ich im Gespräch – der kann noch etwas Deutsch - dass ein alter Mann seit ca. 30 Jahren der neue Besitzer des Anwesens ist. Er lebt allein, trinkt viel und
arbeitet nichts mehr. Der Nachbar erzählt weiter: „Die alte Frau Jakubzik, Ihre Großmutter, hat meine Mutter noch gekannt, und sie hat immer gesagt: das Haus nebenan ist das schönste im Ort, mit
Veranda, Balkon, …! Sehr freundlich ist dieser deutsch-polnisch sprechende Nachbar. Er lädt mich zu einem Kaffee ein. Vielleicht komme ich ja einmal wieder, auch zu dem großen See, zu schauen, darin
zu schwimmen oder einfach nur so da zu sitzen wie heute, in der Stille, zu singen wie meine Großmutter, mich zu erinnern.
Ganz anders in Lötzen. Das Elternhaus in der Sulimmer Allee 16 ist auch alt geworden, auch schon sehr marode. Der einstmals gepflegte Garten hinter dem Haus verwildert, die Gärtnerei
gegenüber verschwunden. Der Bach schlängelt sich noch wie damals durch die Wiesen. Die steinernen Löwen, die den Eingang bewachen, recht verwittert. So sehen sie richtig zahm aus! Von meinem 2. bis
11. Lebensjahr habe ich hier mit meinen Geschwistern und Nachbarskindern in Haus und Garten oder auf der Straße gespielt. Ich ging in den nahe gelegenen Kindergarten und später in die Schule. Bei den
Jungmädeln war ich nicht. Das hatte mein Vater auf einem Fronturlaub bei der Kommandantur erreicht. Er war mit mir dort und sagte nur bestimmt und energisch: „Es reicht, dass ich meinen Betrieb, ein
Steinwerk, verlassen und Soldat werden musste. Meine Tochter kommt nicht zu Ihnen.“ Das genügte schon. Es passierte nichts weiter.
Heute sieht Lötzen für mich ganz anders aus. Keine Kolonnen von Militärfahrzeugen mit singenden Soldaten, keine Propagandareden. Trotzdem ist in Lötzen für mich viel los, und ich bin neugierig.
Lötzen zu erkunden möchte ich mehr Zeit haben. Wir fahren mit dem Reisebus am Krankenhaus vorbei. Mit meiner Mutter haben wir Kinder da oft Besuche gemacht und den Kranken, auch verwundeten Soldaten,
zur Freude gesungen. Wir fahren an meiner ehemaligen Schule vorbei und nachmittags sind wir alle, 49 Männer und Frauen, bei der „Deutschen Minderheit“ eingeladen. Sie haben sich zusammengefunden,
treffen sich immer wieder. Unterm Dach, im 2. Stock eines großen Hauses, haben sie sich ein „Nest“ eingerichtet. Mit einer reich gedeckten und geschmückten Kaffeetafel, an vielen Tischen, werden wir
herzlich begrüßt. Viele Gelegenheiten für Gespräche ergeben sich auch mit einigen jungen Menschen. „Wie ist das Leben eigentlich jetzt bei euch? Müsst ihr so viel arbeiten wie wir? … und vieles mehr.
Deutsch und Polnisch wird gesprochen – das kenne ich von meiner Mutter und Großmutter auch. Wenn wir Kinder nichts verstehen sollten, sprachen die beiden Polnisch. Der Chor der Deutschen Minderheit
aus Lötzen „Stimme der Heimat“ singt uns zur Ehre und zur Freude. Schön war´s!
Einer von ihnen hatte mich zu meinem Elternhaus gefahren. Er würde mich bei meinem nächsten Besuch auch beherbergen. Adressen werden ausgetauscht, eine junge Frau konnte mir auch eine Busverbindung
von Frankfurt/Main nach Lötzen heraussuchen. Ja, nach Lötzen möchte ich nochmals gerne. Zeit haben, das Neue bewundern, durch die Straßen schlendern und Menschen begegnen.
„Einmal nach Masuren, immer wieder nach Masuren“ Mit anderen zusammen.
Renate Ackermann, geb. Pesth aus Lötzen
Nachtrag: Der große Gedenkstein
Ein sehr eindrucksvoller Höhepunkt meiner Masurenreise war der Besuch des großen Gedenksteins in der Nähe der Frauenburg, aufgestellt für die Menschen, die im vereisten Haff 1945 auf der Flucht
umgekommen sind. Da ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern auch diesen Weg übers Haff zur Frischen Nehrung und weiter gegangen bin, fiel mir die Aufgabe zu, das Blumengesteck hinzulegen.
Es war ein eher trüber Tag, etwas windig. Einer unserer Reiseteilnehmer spielte ein Lied auf seinem Blasinstrument unter einem Baum. Ich legte sehr nachdenklich, die Blüten nochmals ordnend, das
Gesteck behutsam hin. Dann packte mich Trauer, die alten Bilder der Flucht kamen wieder hoch. Viel Schmerz um alle, die im eiskalten Wasser versanken, umkamen, ich weinte leise, tief erschüttert, und
wiederholte immer wieder die Worte: „Ich mache das für uns alle.“ Die Musik erklang! Lange blieb ich so weinend in der Hocke sitzen, bis mich eine Frau an der Schulter berührte. Ich erhob mich und
ging still zu den anderen, 300 Meter weiter, gegenüber, zum Haff, wo grau und leicht bewegt das Wasser stand.
In der Ferne war die Frische Nehrung zu erkennen. Ja, das war auch mein Weg mit meinen Lieben, im kalten Winter 1945. Das Weinen war vorbei, und ich schaute nur besonnen, ganz versunken in diese
Zeit. Die alten Bilder kamen hoch, wurden kleiner. So stand ich lange, bis ich merkte, dass außer mir und drei Menschen hinter mir schon alle zum Bus gegangen waren. Ich gesellte mich schweigend zu
ihnen und ging auch, wie in eine andere Welt, in eine andere Zeit. Am nächsten Tag war ich wieder ganz präsent, voller Frieden und Versöhnung, ja Freude. So fühlt sich Frieden im Herzen an
Liebe Kerstin uns Pastor Tegler, ich danke Ihnen für diese wunderbare Begegnung in meiner alten, geliebten und unvergessenen Heimat.
REISEBERICHT DER MASURENFAHRT 2014 von Karin Strehlow
Masurenfahrt 2014 ins Land der Störche, der tausend Seen und der dunklen Wälder vom 15. - 26. Juni
2014
(chronologischer Bericht)
15.06.2014 „Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen …“ so beginnt das Ostpreußenlied.
Wir wollten das Land schon immer einmal kennenlernen und so fuhren wir am 15.06. morgens um 7.00 Uhr mit unserem Fahrer Uwe von Rech-Reisen los.
Die Reisegruppe bestand aus 48 Teilnehmern die von Pastor Tegler und Kerstin Harms geleitet wurde Müde, aber auch ein wenig aufgeregt warteten wir auf den Bus mit Uwe, unserem Fahrer. Pünktlich war
er zur Stelle, dann ging es los.
Nach einer Sonntagsandacht von Pastor Tegler im Bus kamen wir nach 10 stündiger Fahrt mit mehreren Pausen in Gniezno (Gnesen) an.
Dort besichtigten wir den wunderschönen spätgotischen Dom wo wir eine kleine Abendandacht feierten. Gniezno (Gnesen) ist die älteste Stadt Polens und die erste Hauptstadt sowie die Krönungsstadt der
ersten polnischen Könige.
Untergebracht waren wir im Hotel „Lech“, wo außer schmackhaftem Essen, die Folkloregruppe Wiwaty unterhielt. Eine Teilnehmerin feierte ihren 75. Geburtstag und das wurde entsprechend – auch in der
Morgenandacht sowie in Gebeten und Liedern gewürdigt. Kerstin Harms und Pastor Tegler überreichten der Jubilarin kleine Geschenke und eine Urkunde vom Verein „Freunde Masurens e. V“.
16.06.2014 Heute starten wir um 8.00 nach Toruń (Thorn), vorbei an Wiesen die mit Kornblumen und Mohnblumen übersät sind. Traumhaft schön!
Leider hatten wir für diese wunderschöne Stadt nicht viel Zeit, aber wir sahen uns mit unserem polnischen Stadtführer den Dom, das Kopernikus-Geburtshaus, das Rathaus und die pietätsvoll
restaurierten Häuser aus der Hansezeit an.
Nach einer Rast und einem Imbiss am Bus mit Würstchen, Kaffeetrinken und „Thorner-Katharinchen“ ging es weiter nach Masuren.
Erster Halt war Sorkwity (Sorquitten) wo Kerstin Harms am See das schöne Ostpreußenlied „Land der dunklen Wälder“ auf der Trompete blies. Pastor Mutschmann empfing uns und wir hielten gemeinsam
hinter der Kirche mit Blick auf den See eine Abendandacht.
Etwas später erreichten wir unser Hotel „Panoramic Oscar“ in Mrągowo (Sensburg) von wo wir eine wundervolle Aussicht auf den Schoß-See und die umliegenden Wälder hatten.
Die Besitzer des Hotels haben uns mit polnischer Żubrówka und Bärenfang empfangen und Julian Osiecki, Präsident des Regionalparlaments von Ermland und Masuren begrüßte uns sehr herzlich in Masuren
und wünschte uns schönes Wetter, tolle Eindrücke und liebe Begegnungen mit Menschen dieses „wunderlandes Masurens“.
Herr Osiecki mit seiner charmanten Frau (Jadwiga Osiecka ist seit 30 Jahren Stadtdirektorin von Mrągowo) gaben uns die Ehre und haben am ersten Abendessen teilgenommen.
Das Essen, die Bedienung und alles drum herum klappte alle Tage vorbildlich!
17.06.2014 Am nächsten Morgen hieß es um 5.00 Uhr aufstehen. Um 6.00 Uhr fuhr der polnische Bus nach Kaliningrad (Königsberg) Russland.
Bei herrlichem Sonnenschein, die Straßen umsäumt von endlosen Feldern, Wiesen und Wäldern entdeckten wir Störche und Kraniche friedlich vereint.
In Masuren gibt es so viele Störche, wie bei uns Tauben. Überall sieht man Jungstörche in ihren Nestern.
Die polnisch-russische Grenze. Ein mulmiges Gefühl hatten wir alle.
Doch die Abfertigung verlief, dank der Anwesenheit von Herrn Osiecki zügig.
Auf der russischen Seite wartete unsere liebe und herzliche Stadtführerin Tamara.
Kerstin Harms tauschte für alle Mitreisenden Euro in Rubel um (1,- € ca. 40,- Rubel).
In Königsberg, das im 2. Weltkrieg bis zu 90% zerstört wurde, bewunderten und besichtigten wir den wiederaufgebauten Königsberger Dom der sehr beeindruckend ist sowie andere historische Bauten, die
im alten Stil liebevoll restauriert sind.
Die goldenen Kuppeln der russisch orthodoxen Kirche leuchten hell über der Stadt.
Bei einem herzlichen Empfang mit Kaffee und Kuchen in der neuen evangelischen Kirche erholten wir uns.
Weiter ging es nach Svetlogorsk (Rauschen). Zwischen Königsberg und Rauschen sieht man keine bestellten Felder nur Brachland mit blauen Lupinen soweit das Auge reicht.
Der Badeort Rauschen an der Ostsee ist wunderschön gelegen, einige Häuser sind noch in der alten Bäderarchitektur erhalten.
Wir konnten die Ostsee genießen und hatten Zeit für einen Kaffee oder Bier bis wir dann wieder die Rückkehr zur Grenze antraten.
Auch die Abfertigung an der Grenze ging noch zügiger als morgens.
Um 21.30 erreichten wir wieder unser Hotel, dort wartete das freundliche Personal mit warmen Abendessen auf uns. Nach dem anstrengenden und aufregenden Tag, sind wir aber glücklich und zufrieden ins
Bett gegangen.
Die Teilnehmer, die nicht mit nach Königsberg gefahren sind, besuchten Orte ihrer Vorfahren oder erkundeten die Stadt sowie die Umgebung.
18.06.2014 Nach dem Frühstück fahren wir erst um 8.30 Uhr nach Heilige Linde, einem Wallfahrtsort mit einer Basilika sowie einer berühmten Barockorgel. Während des Spielens bewegen sich die
Engelsfiguren.
Ein Jesuitenkloster schließt sich der Basilika an.
Danach machten wir uns, mit der Reiseleiterin auf nach Ermland, in die alte Bischofsstadt Reszel (Rössel). Nach der Besichtigung der Burg, begrüßte uns der dortige katholische Prälat D. Wyrostek
überherzlich in der gewaltigen Peter und Paul Kirche.
Hier hielten der Prälat und Pastor Tegler eine Andacht, Kerstin Harms spielte zu Ehren des Prälaten das schöne Lied „Czarna Madonna“ (Schwarze Madonna) auf der Trompete und die Teilnehmer sammelten
eine Kollekte für die katholische Kirche.
Nach einem gemeinsamen Gruppenfoto, verteilte der Prälat Postkarten von seiner Kirche und der Stadt und wollte uns zu unserem nächsten Punkt begleiten, aber leider hatte er eine Autopanne,
schade.
Der nächste Punkt war Łęźajny (Lossainen) wo uns der Verwalter des Schlosses Thomas Dedon das renovierte Objekt zeigte und deren Geschichte erläuterte.
Auf dem Gut, das früher dem Admiral von Fischer und jetzt der Universität Olsztyn (Allenstein) gehört, wurden wir in den wunderschönen Räumen mit Kaffee und Kuchen bewirtet.
Anschließend kamen wir zu der der evangelischen Kirche in Warpuny (Warpuhnen).
Pastor Tegler wurde hier getauft, konfirmiert, getraut und seine älteste Tochter getauft. Die Kirche ist leider dem Verfall preisgegeben. Seit längerer Zeit gibt es dort keine evangelischen
Gemeindeglieder mehr, aber der Verein Freunde Masurens e.V. ist seit seiner Gründung im Jahre 2010 bestrebt die Kirche zu retten.
Danach führte uns Pastor Tegler noch durch Mrągowo, wo er seit 1991 Ehrenbürger ist.
Abends war die Masurische Hochzeit, aber was ist das?
Der polnische Busfahrer fuhr uns in die Johannisburger Heide. Als wir in einen Waldweg abbogen, tauchte plötzlich eine junge Reiterin auf einem Schecken vor uns auf. Sie war mit einer weißen Bluse,
rotem weitem Rock und roten Schnürstiefeln bekleidet. Ihr langes rotblondes Haar wehte im Wind. Sie führte uns zu drei Kutschen mit je zwei Pferden in denen wir Platz nahmen.
Es wurde eine herrliche Fahrt durch den Wald bei untergehender Sonne.
Plötzlich hielten die Kutschen mitten im Wald. Die Reiterin suchte mit ihrem Hengst das Brautpaar aus, es waren Eleonora S. und Peter W., wie, bleibt das Geheimnis der Reiterin und des
Hengstes.
Es wurde sehr lustig. Auf dem Anwesen von Eulalia, einer Stiftung für verwahrloste Tieren, fand die Hochzeitsfeier bei fröhlicher Musik mit Essen und Tanz statt. Besonders lustig wurde es, als Herr
M. aus unserer Gruppe mit einer Schubkarre unter einem Sack als Baby verkleidet hereingeschoben wurde und dann mit seinen „Eltern“ und den jungen angestellten Damen von Eulalias Stiftung polnische
Folklore tanzte. Wir haben Tränen gelacht. Anschließend wurden noch zwei Pferde hereingeführt, die ihre Kunststücke zeigten.
Um Mitternacht erreichten wir wieder unser Hotel in der Stadt.
19.06.2014 Heute fahren wir zum Geburtshaus von Ernst Wiechert, einem Forsthaus mitten im Wald. Ernst Wiechert war ein großer deutscher Schriftsteller (manche vergleichen ihn mit Thomas Mann)
mit einer sehr poesievollen Sprache.
Er schrieb auch viel über seine Heimat Masuren. Trotz des Fronleichnam-Feiertages wurde extra für unsere Gruppe die Gedenkstube des Dichters geöffnet und wer wollte konnte sich mit
Informationsmaterial versorgen und Bücher sowie CD´ s erwerben.
An den Gräbern seiner Frau Meta und seines einzigen Sohnes legten wir die von Frau Jadwiga Osiecka liebevoll vom Waldrand gepflückten Blumen nieder.
Eine Andacht hielt dort Pastor Sowitzki.
Anschließend genossen alle Teilnehmer den romantischen Blick auf den großen Matz-See.
Weiter ging die Fahrt nach Gałkowo (Nickelshorst). Dort besuchen wir den Salon der Marion Gräfin Dönhoff im historischen Bau aus dem 19. Jahrhundert, den Graf Potocki von Sztynort (Steinort) dem Sitz
des Grafen Lehndorffs in die Johannisburger Heide versetzte.
Die deutsche Journalistin, Renate Marsch Gräfin Potocka (die mit Gräfin Dönhoff befreundet war) erzählte uns viel und spannend von der großen Publizistin und Herausgeberin der Zeitung „Die
Zeit“.
Mit Pferd und Wagen ging es weiter nach Krutyn (Kruttinnen).
Zunächst gab es ein sehr reichhaltiges und schmackhaftes masurisches Mittagessen und anschließend führte uns Eckhard Rudnick, ein noch ostpreußisches Original, durch den Nationalpark der
Johannisburger Heide.
Danach machten wir eine Stakerfahrt auf der romantischen Kruttinna, dem schönsten Fluss Ostpreußens. Das Wasser ist so flach und klar, dass man auf den Grund schauen kann.
Schwäne und Enten mit ihren Jungen schwammen um uns herum.
Das Ufer war gesäumt mit alten Bäumen.
Die Stakerfahrt musste wegen der plötzlich aufgetauchten Wasserpolizei abgebrochen werden. Jetzt begab sich die ganze Gruppe zu Krystyna (der legendären Stakerin), die seit längerer Zeit krank
ist…
Der Besuch bei der alten Ostpreußin, die uns Lieder und Gedichte über ihre Heimat vortrug war sehr ergreifend. Auch die Gruppe sang Lieder und trank mit Krystyna Wein, betete und Pastor Tegler und
Kerstin Harms segneten sie.
So ging ein weiterer Tag voller unvergesslicher, bewegender und nachdenklicher Erlebnisse zu Ende.
20.06.2014 Heute geht die Fahrt nach Olsztyn (Allenstein). Auf der Fahrt in Mrągowo steigt der Stadtführer zu, der uns schon unterwegs einiges über Land und Leute erzählte. Fünf Tage hatten
wir nur Sonnenschein und kurz vor der Ankunft fing es leider an zu regnen.
In Olsztyn besichtigen wir die Burg in der Nikolaus Kopernikus lebte und wirkte. Danach die Jakobikirche, heute die Kathedrale von Ermland sowie die Altstadt und danach hatten wir Zeit zur freien
Verfügung.
Das nächste Ziel war Olsztynek (Hohenstein) mit seinem Freilichtmuseum.
Leider stürzte hier auf dem Kopfsteinpflaster eine Mitreisende und musste ins Krankenhaus gebracht werden.
Zunächst fand eine Andacht in der alten Holzkirche statt die unter dem Patronat des Vereins Freunde Masurens e. V. steht. Hier überreichte Pastor Tegler von Elfriede Rick aus Dresden ein für die
Kanzel angefertigtes Antependium.
Mit dem Museum verbindet der Verein schon eine langjährige Partnerschaft.
Er hat auch bei der Einrichtung eines alten Pfarrhauses geholfen, Pastor Tegler´ s ersten Talar, eine Bibel von 1632, Altarparamente, ein Harmonium aus dem 17. Jahrhundert und vieles mehr.
Wir wurden auf zwei Gruppen aufgeteilt und mit zwei Museumsbegleiterinnen durch das interessante Museumsdorf geführt.
Am Abend fand in der vollbesetzten Sorquittener Kirche ein Vortrag von Prof. Dr. Zbiegniew Chojnowski (Universität Olsztyn) zum Thema „Ernst Wiechert in der polnischen und besonders in der
masurischen Literatur nach dem II Weltkrieg“ statt.
Das Referat übersetzte Pastor Tegler und gab entsprechende zusätzliche Erklärungen und Bemerkungen um der deutschen Gruppe den Zugang zu Ernst Wiechert leichter zu ermöglichen.
Landrat Bogdan Kurta, der das Patronat über den „Sorquittener Gesprächen“ hat, dankte dem Referenten, Übersetzer, dem Hausherrn und den vielen Gästen für das Kommen und lud zu den nächsten Gesprächen
ein.
Im Anschluss gab es einen Sektempfang im neuen Jugendzentrum, vorbereitet von der Schule Nr. 2 in Mrągowo und der dortigen evangelischen Kirchengemeinde.
Während des Empfanges ergaben sich viele interessante Gespräche mit dem Prof. Chojnowski, Pastor Tegler und anderen Persönlichkeiten.
Außer den Gemeindegliedern, unserer Gruppe waren unter anderem auch Vertreter der Deutschen Minderheiten aus den Nachbarkreisen sowie vielen geladenen Gästen, darunter auch eine große Gruppe aus
Bydgoszcz (Bromberg).
21.06.2014 Leider bei Regen geht es heute um 8.00 Uhr nach Kętrzyn (Rastenburg).
Pastor Pawel Hause zeigte uns die Stadt Ketrzyn und erklärte viele historische wertvolle Bauten.
Er zeigte uns die große katholische St. Georg Kirche. Diese gotische Kirche ist umgeben von den Resten von Wehrmauern mit den interessanten Basteien sowie dem neuangelegten Lapidarium.
Anschließend zeigte uns Pastor Hause seine kleine evangelische Kirche (die einzige für zwei Landkreise) spielte uns ein paar Choräle auf der kaputten Orgel und dann feierten wir zusammen die
Morgenandacht wo auch für die gestürzte Teilnehmerin gebetet wurde.
Wir sammelten, wie auch in anderen Fällen, Spenden für die Gemeindearbeit der dortigen Diaspora-Gemeinde.
Bei strömenden Regen besichtigten wir danach die Wolfsschanze und gelangten an den gesprengten Gebäuden (6 Meter dicke Wände) vorbei zum Führerhauptquartier. Hier verübte Graf Schenk von Stauffenberg
am 20.07.1944 das Attentat auf Hitler.
Es goss wie aus Kübeln, passend zum traurigen Thema.
Wir verkürzten die Besichtigung und Jerzy Szynkowski, ein ausgezeichneter Reiseführer über das Masurenland hat seinen interessanten Vortrag im Bus fortgesetzt und im Anschluss kauften viele
Reiseteilnehmer seine signierten Bücher.
Die Fahrt wurde über Sztynort (Steinort) fortgesetzt wo wir Gelegenheit hatten einige Bilder von dem zurzeit renovierten Schloss der Grafen Lehndorffs zu machen.
Weiter ging die Fahrt über Giźycko (Lötzen) nach Ryn (Rhein).
In Ryn legten wir auf dem vom Verein Freunde Masurens e. V. im Jahre 2011 errichtetem Grabmal für 24 ermordete Frauen, Kinder und alten Männern ein Gesteck mit den Farben schwarz/ rot/ gold und einer
Schleife nieder.
Kerstin Harms spielte zum Gedenken an die Opfer auf ihrer Trompete „Harre meine Seele“.
Dem schlossen sich ein Lied von den Teilnehmern und Gästen sowie ein Gebet an.
Von hier aus machten einige Mitreisende einen Abstecher mit dem Taxi in ihre Geburtsorte.
Mit dem Abendbrot endete wieder ein Tag.
22.06.2014 (Sonntag) Heute Morgen ist Gottesdienst in Sorkwity, alle haben sich festlich gekleidet. Die Predigt in polnischer Sprache zu Johannes 14,27: „Meinen Frieden gebe euch!“ hielt
Pastor Tegler. Für uns hat er die Predigt ins Deutsche übersetzt und jeder bekam eine Übersetzung hiervon vor dem Gottesdienst.
Zur Feier des Heiligen Abendmahls wurden alle Teilnehmer eingeladen (ob evangelisch oder katholisch) und es wurde eine schöne und erbauliche Feier. Traurig waren wir aber, das Kerstin Harms die den
Gottesdienst mitgestalten wollte nicht dabei sein konnte, sie war mit der kranken Teilnehmerin unterwegs zum Flughafen nach Gdansk (Danzig).
Nach dem Gottesdienst hat Pastor Mutschmann und seine Frau Hanna die Gruppe zu einem üppigen und sehr schmackhaftem Mittagessen eingeladen.
Dabei waren auch Gemeindeglieder mit denen fruchtbare Gespräche geführt und Freundschaften geschlossen wurden.
Nachmittags waren wir eingeladen zur Deutschen Minderheit nach Giźycko (Lötzen). Hier gab es selbstgebackenen Kuchen und ganz viel Liebe. Die Vorsitzende Barbara Ruzewicz informierte uns über die
Arbeit ihres Vereins, der Zusammenarbeit mit der Stadt und des Landkreises Giźycko sowie der dortigen Kirchengemeinde. Sie lobte und dankte dem Verein Freunde Masurens e. V. für die vorbildliche
Zusammenarbeit, Hilfe und Unterstützung.
Anschließend wurde viel gesungen, erst der „Lötzener Chor“, dann wir und schließlich alle zusammen. Man erlebte, wie Gesang die Menschen verbinden kann.
Im Anschluss zeigte Barbara Ruzewicz uns ihre Stadt, die evangelische Kirche (Schinkelbau, sie ist ebenfalls die einzige Kirche für zwei Landkreise) und das Kreuz vom Heiligen Bruno.
An dieser Stelle möchte ich hinzufügen: 50 % der Polen kommen finanziell gut zurecht, aber die anderen 50 % leben am Existenzminimum.
Menschen der Deutschen Minderheit gehören zu den Sozialschwachen.
Oft leben bis zu 6 Personen auf 40 qm und andere mit 6 Personen in einem Zimmer (lt. Frau Ruzewicz).
Man muss es Frau Harms und Pastor Tegler hoch anrechnen, dass sie diesen Leuten so selbstlos helfen, indem sie mehrere Male im Jahr mit einem LKW mit Spenden beladen dorthin fahren.
23.06.2014 Heute, Montag fahren wir nach Wojnowo (Eckertsdorf) und besichtigen dort insbesondere das Philipponen Kloster der Dreifaltigkeit. Einen kleinen Vortrag zum Thema des 1847
gegründeten Klosters hält Pastor Tegler und erzählt über die Geschichte, und dass heute das Kloster in Privatbesitz ist, weil es keine Nonnen mehr gibt.
Philipponen waren die radikalste Gruppe der Altorthodoxen Christen, die auf einen Mönch namens Philipp zurückgehen.
Anschließend brachte uns der Bus nach Ruciane-Nida, von dort fuhren wir mit dem Schiff nach Mikołajki (Nikolajen). Dort auf dem Schiff gab es echte Krakauer Wurst, polnisches Bier und natürlich wer
wollte auch Wodka.
Die Schifffahrt war traumhaft schön und das Wetter wie auf Bestellung.
Auf dem Schiff war unsere Gruppe fast alleine.
Kerstin Harms hat ihre beiden Patenkinder sowie deren beide Brüder und Mutter aus Mikołajki zu dieser Schifffahrt (privat) eingeladen. Es war für die Kinder und die Mutter die erste Fahrt auf dem
Schiff in ihrem Leben, obwohl sie am Wasser leben.
Die Kinder waren eine Attraktion für alle Passagiere, sie waren alle schön und festlich gekleidet und jedes Kind hatte seine Tasche mit Essen und Trinken dabei.
Durch diesen Ausflug waren nicht nur die Kinder, aber auch wir alle reich beschenkt, froh und dankbar für diese schöne Zeit.
Die Gruppe machte noch einen Spaziergang durch Mikołajki, dem „masurischen Venedig“. Die Stadt wurde als eine von wenigen im II. Weltkrieg nicht zerstört und ist heute schöner als sie vor dem Krieg
war.
Voller neuer schöner Eindrücke fahren wir in das Hotel zurück, wo wir beim festlichen Abendessen, Musik und Tanz Abschied von Masuren nehmen.
An diesem Abend waren außer dem Ehepaar Osiecki, sehr reizende Leute, die uns auf vielen Fahrten begleitet haben, noch das Ehepaar Bielski und Gäste der Deutschen Minderheit eingeladen.
Kerstin Harms überreichte dem Ehepaar Osiecki und dem Ehepaar Bielski (Besitzer des Hotels, in dem die Gruppe schon 18 mal Quartier bezogen hat) Geschenke sowie Dankesurkunden des Vereins „Freunde
Masurens e. V.“ und alle Mitarbeiter wurden mit kleinen Geschenken und je 15,- € Trinkgeld von den Reiseteilnehmern bedacht.
Es wurde ein sehr lustiger Abend und so manch ein Wodka und Bärenfang getrunken.
24.06.2014 (Abreisetag aus Mrągowo) Morgens gegen 8.30 Uhr fahren wir nach Olsztyn, (Allenstein) Ostróda (Osterode) nach Frombork (Frauenburg). Nach der Dombesichtigung geht es weiter an das
Frische Haff und dort legten wir ein Gebinde an das Denkmal für die Opfer von Flucht und Vertreibung im Januar 1945 nieder. Pastor Sowitzki blies auf seiner Trompete einen Choral.
Danach gingen wir an das Frische Haff.
Am Nachmittag besuchen wir die alte Hansestadt Elblag (Elbing). Als Stadtführerin wurde uns vom dortigen evangelischen Pastor Frau Hilda Kristina Sucharska empfohlen, eine gebürtige Ostpreußin (die
als Kind auf der Flucht hier hängen blieb) heute Vorsitzende des Vereins Deutsche Minderheit und Mitglied im evangelischen Kirchenvorstand. Es kamen interessante Gespräche zustanden.
Nächste Station ist Malbork (Marienburg); erst beziehen wir Quartier im Hotel Stary Malbork, ein Hotel was ganze 800,- € teurer ist, als das Hotel Majewski wo man uns schon im Januar 2014 zugesagt
und im Mai, abgesagt hat.
Hier geschah eine gelungene Überraschung. Der Chor „Legende“ aus Kaliningrad (Königsberg) besuchte uns dort und gab ein 45 minütiges Konzert zur größten Freude unserer Gruppe.
Dann fuhren wir zur Marienburg, nach Bezahlung des Eintritts und der nötigen Gebühren wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt und mit den zwei reizvollen Burgführerinnen erlebten wir eine nächtliche
unvergessliche Führung, eines der größten Erlebnisse auf dieser Reise. Die Marienburg hat eine bebaute Fläche von ca. 20 ha und ist 500 Meter lang.
Langsam wurde es dämmrig. Staunend sahen wir die imposanten Räume der Hochmeister in deren bunten Glasfenstern sich die letzten Sonnenstrahlen brachen.
Aus den unteren Räumen ertönte Mönchsgesang. Man wurde ganz still und andächtig. Die Marienburg ist mit ihren Backsteinmauern die bedeutendste Ordensburg der Deutschordensritter und die größte der
Welt.
Kerstin Harms und Pastor Tegler machten sich noch auf um ein Hotel für 2015 zu suchen.
25.06.2014 Gdansk (Danzig) ist unsere nächste Station. Über die Nougat, einem Seitenarm der Weichsel, fuhren wir in die Stadt. Gdansk (Danzig) ist eine der schönsten Städte die ich kenne, ein
Kleinod.
Die Stadt ist 1945 zu 100 % zerstört worden und wurde liebevoll bald nach dem Krieg von Polen originalgetreu wieder aufgebaut.
Ein junger Reiseleiter erzählte beeindruckend und sehr plastisch von seiner Heimatstadt.
Über Słupsk (Stolp), welches auch sehr zerstört wurde, geht es nach Kołobrzeg* (Kolberg) in unser Hotel Solny. Hier findet die letzte Übernachtung statt.
Hier haben mein Mann und ich uns schon vor 35 Jahren eingemietet.
Nachdem Abendessen machten wir einen 6 Kilometer langen Spaziergang an der Ostsee entlang bis zur Seebrücke.
Vor dem Krieg hatte Kolberg 40.000 Einwohner, heute zählt die Stadt fast 200.000.
Die Altstadt war bis zu 85-90 % zerstört, heute aber ist alles wieder aufgebaut und vieles größer und schöner.´
26.06.2014 Am letzten Tag der Reise machen wir Halt in Szczecin (Stettin).
Hier treffen wir den jungen und fröhlich sehr bewanderten Stadtführer Marcin Kuta.
Mit ihm gehen wir zum Schloss der pommerschen Herzöge sowie zum Geburtshaus von Katharina der Großen.
Bei einer Stadtrundfahrt bewundern wir die Peter und Paul Kirche, sie ist die älteste Kirche der Stadt. Wir fahren am Königstor, 1720 erbaut, am Nationalmuseum und an den Hakenterrassen (nach dem
Namen des Oberbürgermeisters Hermann Haken) vorbei.
Die neue Philharmonie ist noch erwähnenswert. Sie hat 1300 Plätze, ist sehr modern gebaut und sieht aus, als wären mehrere weiße spitze Berge aneinander gereiht.
Man nennt Stettin auch das „Kleine Paris an der Oder“.
Der Architekt Hausmann, der auch den Baustil in Paris maßgeblich beeinflusst hat, war auch hier federführend. Es gibt hier, genau wie in Paris, keinen Marktplatz.
Die Stadt zählt heute 400.000 Einwohner und 20.000 Studenten.
Sie ist Bischofsitz und im Westend befindet sich das Dietrich-Bonhoeffer Haus.
Nach einem Superessen in einem typischen polnischen Lokal fuhren wir zu einem Polenmarkt, um unsere letzten Zlotys auszugeben.
Dann traten wir den letzten Rest der Heimreise an.
Ein ganz großes Lob gebührt unserem Fahrer Uwe, der uns die Zeit über sicher gefahren hat. Herzlichen Dank, lieber Uwe!
Nach mehreren Pausen kommen wir pünktlich um 20.00 Uhr an, wo wir von Angehörigen, Freunden und Verwandten abgeholt wurden.
Nun müssen wir Abschied nehmen. 12 Tage waren wir unterwegs, haben wunderschöne Ausflüge gemacht, haben viel gesehen, gebetet, gesungen und gelacht.
Aus den einzelnen Reisenden wurde eine große Familie.
Die Menschen der Deutschen Minderheit, aber auch die Polen haben uns mit großer Herzlichkeit empfangen. Wir sind als Fremde gekommen und wurden Freunde.
Wir danken Gott, dass er uns zu Pastor Tegler und Kerstin geführt hat, die diese Reise hervorragend organisiert haben. Ihnen gilt unser Dank.
Wir werden diese wunderschönen Eindrücke in unseren Herzen bewahren.
(Gebet)
Gott, wir danken Dir, dass Du die ganze Zeit bei uns warst und Deine schützende Hand über uns gehalten hast. Amen!
Karin Strehlow