Die Glocken

Die tragische Geschichte der Warpuhner Glocken

Ein Bericht über die Glocken von Pastor Fryderyk Tegler

 

Vielleicht einige Worte zu meiner Person. Ich bin evangelischer Pfarrer, das heißt Lutherischer Pastor, und im Ruhestand.

Geboren bin ich in Warpuny/ Warpuhnen in Masuren. Ich bin der einzige Pfarrer, der aus der Warpuhner Kirchengemeinde stammt, in 150 Jahren ihres Bestehens.

Das war eine pietistisch geprägte Gemeinde, sie zählte vor dem Krieg 10.000 Seelen. Der erste Pastor nach dem Krieg war Pfarrer Alfred Jagucki, der Vater meines lieben und treuen Freundes, Bruder in Christus Bischof Janusz Jagucki.

In den 50-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zählte die Gemeinde noch 2000 Seelen. Dort fanden die ersten Jugendlager der evangelischen Jugendlichen aus Polen statt.

Am 24. April 2016 feierten wir den 150. Geburtstag der Gründung der Gemeinde. Es war ein sehr schöner und festlicher ökumenischer Gottesdienst, an dem ca. 600 Personen teilnahmen. Unter ihnen viele Pfarrer aus Masuren mit Bischof Baszanowski an der Spitze, zwei katholische Prälaten, Vertreter der Bezirksregierung von Ermland und Masuren, des Kreises Mrągowo/Sensburg und natürlich der Samtgemeinde Sorkwity/Sorquitten.

Die Orgel schwieg und es läuteten auch keine Glocken, die uns zum Gottesdienst riefen, aber über 200 Kerzen, mitgebracht aus Deutschland, erhellten die Kirche und gaben das Gefühl der Wärme und Festlichkeit.  Damals haben wir mein geliebtes Lied gesungen: „Unfriede herrscht auf der Erde. Kriege und Streit bei den Völkern und Unterdrückung und Fesseln zwingen so viele zum Schweigen.“ Während des letzten Refrains „Friede soll mit euch sein, Friede für alle Zeit! Nicht so, wie ihn die Welt euch gibt, Gott selber wird es sein“ fassten sich alle an die Hände und am lautesten weinte der Sohn dieser Gemeinde …

Die Kirche war seit 25 Jahren dem Verfall preisgegeben, sie wurde von Mitgliedern des Vereins Freunde Masurens e. V. , die extra aus Deutschland anreisten, und vielen Helfern aus Masuren gereinigt,  von einem Vierteljahrhundert Schmutz und Unrat. 

Ein katholischer Unternehmer, der aus Warpuny/Warpuhnen stammt, hat das Dach reparieren lassen und 200 Fenster einsetzen lassen. Der katholische Pfarrer schenkte uns einen Teppich vor dem Altar und Sitzkissen für die Bänke.

Die Kirche erlebte eine wahre Auferstehung.

(Lesen Sie auch die Seite „Deutsch-Polnisches Kircheputzen“)

Es wird dort keine evangelische Gemeinde mehr geben, aber wir vom Verein Freunde Masurens e. V. organisierten dort verschiedene Konzerte mit Chören aus Polen, Deutschland und Russland - und so soll das auch in Zukunft bleiben - alles zur Ehre Gottes!

Wir wohnten vier Kilometer von der Kirche entfernt, aber wir hörten jeden Tag unsere geliebten Glocken, die uns fröhlich auf dem Weg zum Gottesdienst gegrüßt haben. Traurig bei Begräbnissen, fröhlich läuteten die Warpuhner Glocken zu Taufen und Konfirmationen, zu Hochzeiten und sogar bei meiner eigenen Trauung, sowie bei der Taufe meiner ältesten Tochter Romy.

Mittags um 12 Uhr läuteten die Glocken und mein frommer Großvater sprach immer zu seinem Enkel (mir): „Hörst du, mein Sohn, das sind Glocken von Jerusalem!“

Ich weiß nicht, ob mein lieber Großvater wusste, dass unsere Kirche denselben Architekten hatte  wie die evangelisch lutherische Erlöserkirche in Jerusalem? Es war der Direktor im preußischen Bauministerium in Berlin, Friedrich Adler, der viele Kirchen im ehemaligen Ostpreußen gebaut hat. Und wie er zu sagen pflegte, alles hätte er zur Ehre Gottes gebaut, und als Zeichen immer ein hoher schmucker Turm.  

Immer wenn mein Großvater mittags um 12 Uhr auf dem Feld das Glockengeläut vernahm, hörte er auf zu arbeiten, nahm seine Mütze ab und faltete die Hände zum Gebet. Im hohen Alter, als er schwerhörig war und die Glocken nicht gleich hörte, hielt das Pferd mit Namen Hans pünktlich bei den Glockenklängen an, ging nicht weiter, er verweigerte die Arbeit, und so gaben beide Gott die Ehre.

Die drei Glocken wurden im Krieg von dem damaligen Küster gerettet und vor dem Einschmelzen für Kriegszwecke verschont, weil er sie in der Nähe der Bahnstation in Sorkwity/ Sorquitten vergraben hatte. 1948 wurden sie wieder feierlich und unter Tränen der Freude der Warpuhner Gemeinde zurückgeführt. Es war ein wahrer Aufstand. Mit drei geschmückten Pferdewagen wurden die Glocken nach Warpuhnen zurückgebracht, die Menschen standen Spalier an den Straßenrändern, es herrschte eine Volksfeststimmung.

Vor einem halben Jahrhundert, zur Zeit von Pfarrer Wilhelm Firla, haben die Glocken Warpuny/ Warpuhnen für immer verlassen, um in Cisownica (Schlesien) in der dortigen neuen evangelischen Kirche zu dienen. Bei jedem Anlass in der Kirche in Warpuny werden die Glocken läuten, aufgenommen von dem Originalglockengeläut in Cisownica im April 2018 von Kerstin Harms.

Die Glocken tragen in deutscher Sprache die Inschriften:

  • Die große Glocke „Ehre sei Gott in der Höhe“
  • Die mittlere Glocke „Und Friede auf Erden“
  • Die kleine Glocke „Bei Menschen seines Wohlgefallens“
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